(122) Erling Kugelmann war ein Härtefall erster Güte.

von Alain Fux

Erling Kugelmann war ein Härtefall erster Güte. Er war wegen Kindsmord verurteilt worden und daher ständig das Ziel von Aggressionen durch Mithäftlinge. Es war kein Sexualdelikt gewesen und es war auch völlig unklar, warum er das fünfjährige Mädchen im Wald erdrosselt haben sollte. Er hatte nie gestanden und seine Verurteilung beendete einen langen Indizienprozess. Im Gefängnis hatte er aus Sicherheitsgründen keinen Zellengenossen und er konnte auch nicht am Umschluss teilnehmen. In der Häftlingsgemeinschaft war er ein Paria. Es war der Plan der Gefängnispsychologin, ihn mithilfe von Hiepler zu resozialisieren und, im günstigen Falle, am restlichen Anstaltsleben teilnehmen zu lassen.

Kugelmann und Hiepler waren beide eher verschlossene Typen. Frau Kübler wertete es schon als Erfolg, dass es bereits am ersten Tag zu einem Gespräch kam. Am zweiten Tag bot Hiepler Kugelmann ein Stück Schokolade an und am dritten Tag spielten sie eine Partie Mensch ärgere Dich nicht. Hiepler kannte die Vorgeschichte von Kugelmann und hatte dazu keine eigene Meinung, wie er sagte. Auch die nächtlichen Albträume von Kugelmann schienen ihn nicht zu stören.

Jede Nacht wurde Kugelmann vom Bild einer Puppe heimgesucht, die im Schlamm eines Bachlaufs lag. Der psychiatrische Gutachter hatte dies im Verfahren aufgezeigt und in Anbetracht dessen, dass die Leiche des kleinen Mädchens neben seiner Puppe an einem solchen Bachlauf gefunden worden war, hatte der Albtraum im Indizienprozess eine große Rolle gespielt. Der Pflichtverteidiger hatte zwar versucht, den Traum aus der Beweislage tilgen zu lassen, war aber zu unerfahren und so war der Traum nicht nur in Kugelmann, sondern auch in der Aktenlage verblieben.

Frau Kübler verfolgte den Fortschritt der Sozialisierung von Kugelmann durch Gespräche mit den beiden Zellengenossen sowie der betreuenden Vollzugsbeamten. Natürlich hätte sie am liebsten eine kleine Kamera in die Zelle installieren lassen, aber das war dem Direktor zu heiß. „Wenn das rauskommt, dann sehen wir alle sehr alt aus“, pflegte er zu sagen, wenn er irgendwelchen Maßnahmen nicht zustimmte. Infolgedessen nannten ihn alle, sowohl Mitarbeiter als auch Insassen nur „Alter“.

Bei den anderen Häftlingen hatte es sich herumgesprochen, dass der Hosenschisser mit dem Kindsmörder zusammengelegt worden war. Nach Ansicht der Vollzugsbeamten, mit denen Frau Kübler sprach, hatte sich das soziale Standing von Hiepler nicht verändert, aber das von Kugelmann hatte sich etwas verbessert. Das Projekt entwickle sich erfolgversprechend, berichtete sie ihrer Vorgesetzten im Innenministerium. Die beiden Frauen beschlossen, noch eine Woche zu warten und dann die beiden Zellengenossen mit anderen Häftlingen zusammen zu führen. Der Anstaltsdirektor riet davon ab und ließ sich schon einmal vorneweg eine Bescheinigung geben, dass er für alle Vorfälle, die sich aus dem Projekt ergaben, keine Verantwortung trug. Zur Sicherheit nahm er sich für die fragliche Woche Urlaub und fuhr zum Zelten ans Totenmaar in die Eifel.

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