(121) „Wie fühlen Sie sich, Herr Hiepler?“, fragte Erika Kübler, die Gefängnispsychologin.

von Alain Fux

„Wie fühlen Sie sich, Herr Hiepler?“, fragte Erika Kübler, die Gefängnispsychologin. Natürlich fühlte sich Hiepler schlecht. Was sonst. Im Gefängnis war alles schlimmer. Sogar sein Spitzname hatte sich, kaum vorstellbar, verschlimmert. In der Zeitung nannten sie ihn „Hosenschisserräuber“. Im Gefängnis, wo ja alle gewissermaßen Räuber waren, nannten sie ihn schlicht „Hosenschisser“.

Frau Kübler gab ihm zu bedenken, dass es besser war, dass seine Mithäftlinge über ihn lachten, als dass sie ihn brutalisierten. „Sie sind hier in der JVA so eine Art exotischer Vogel, bringen etwas Abwechslung in den grauen Alltag. Glauben Sie mir, das ist durchweg positiv für Sie. Und in dem Zusammenhang möchte ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten.“

Sie berichtete von einem Projekt, das darauf abzielte, Gewalt in Gefängnissen abzubauen. Es gab verschiedene Lösungsansätze. Mit Hiepler wollte man versuchen, ob Humor eine Option wäre. Der Direktor war skeptisch und redete davon, dass er einen Anstaltsclown für falsch hielt. Frau Kübler aber konnte ihn zusammen mit ihrer Vorgesetzten, einer Psychologin aus dem Innenministerium, dazu überreden, mit Hiepler ein Pilotprojekt durchzuführen.

„Wir können Sie natürlich nicht zwingen mitzumachen, Herr Hiepler. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es bei der Frage einer frühzeitigen Entlassung eine Rolle spielen würde.“ Hiepler sagte nichts. Eine Entlassung schien nicht wirklich eine Lösung darzustellen, denn Kirsten hatte sich von ihm getrennt, und ließ alle seine Briefe ungeöffnet zurückgehen. Was sollte er draußen? In der Gefängnisdruckerei hatte er wenigstens einen Job gefunden, der ihm Spaß machte. Andererseits war ihm auch nicht danach, der Psychologin zu widersprechen.

Frau Kübler fuhr fort. „Wir würden Sie in eine Zelle verlegen zu einem Insassen, der besonders unter Mobbing leidet. Wir wollen versuchen, ob Ihre Anwesenheit gewisse Spannungen löst. Sie haben ja insgesamt einen sehr positiven Einfluss auf Ihr Umfeld. Das würden wir unter etwas erschwerten Bedingungen testen wollen.“ Sie versuchte, aus Hieplers Körpersprache herauszulesen, was er dachte. Aber Hiepler wirkte in allen Situationen wie ein unbeschriebenes Blatt. Das Projekt war für Frau Kübler eine Möglichkeit, etwas im Bereich der Haftpsychologie zu publizieren. Für Beförderungen würde es hilfreich. Sie überlegte, was sie ihm sonst anbieten konnte. Er hatte in einem der ersten Gespräche gesagt, dass er gerne Schokolade aß. „Wenn Sie mitmachen, Herr Hiepler, spendiere ich Ihnen jede Woche eine große Tafel Schokolade.“

Als sich sein Gesicht erhellte, wusste sie, dass sie ihn erreicht hatte. „Trauben-Nuss?“, fragte er und musste unwillkürlich schlucken. Pawlow, dachte Frau Kübler und sagte: „Ja, Trauben-Nuss, Herr Hiepler. Machen Sie mit?“

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