(120) Robert Hiepler war sich nicht sicher, ob der Bankraub für ihn ein Erfolg war.

von Alain Fux

Robert Hiepler war sich nicht sicher, ob der Bankraub für ihn ein Erfolg war. Natürlich beschäftigte es ihn immer noch, denn es war ja noch nicht einmal eine Woche her und es war immerhin sein erster Banküberfall. Seine Frau Kirsten hatte ihn zum Sonntagsspaziergang aufgefordert und vielleicht war es ja auch gut, mit ihr draußen herumzulaufen. Nur als sie vorschlug, nach Landshut zu fahren, hatte er sich gesträubt und schlug stattdessen Saarlouis vor. Rheinland Pfalz wollte er zunächst meiden. Jetzt liefen sie planlos durch die Fußgängerzone von Saarlouis und Robert war in Gedanken ständig in Waldmohr.

Natürlich war es ein Erfolg, den Überfall überhaupt durchgezogen zu haben. Das hatte ihn selbst überrascht, dass er, der immer vorsichtige Robert, dazu in der Lage war. Und auch, dass er die Flucht so perfekt organisiert hatte. Zu Fuß zur Raststätte und dann Hast-Du-mich-nicht gesehen von der Bildfläche verschwunden.

Immerhin 18.000 Euro hatte er erbeutet, das reichte erst einmal, um Kirsten zu verheimlichen, dass er seinen Job in dem Grafikstudio verloren hatte. Er musste aber auf sie achtgeben, denn sie hatte schon gefragt, warum er keine Farbe mehr an den Händen hatte, wenn er nach Hause kam. Er sagte, dass er von der Serigrafie in die Schnittabteilung gewechselt habe. Damit war sie erst einmal zufrieden gewesen.

Natürlich war der Banküberfall aber auch ein Misserfolg gewesen. Die Aktion war weit entfernt davon kaltblütig durchgeführt zu sein. Besonders die Sache mit dem Spontandurchfall war sehr peinlich. Es war kaum zu glauben, aber bei einem Gerichtsprozess hätte er vor dieser Offenbarung am meisten Angst. Nicht, dass er es im Detail noch einmal erzählen müsste. Das hatte die Boulevardpresse schon übernommen. Der Hosenschisserräuber… Konnte es eine erniedrigendere Bezeichnung geben? Diese Frage hatten sich die Journalisten bestimmt auch gestellt und mit sicherem Sprachgefühl die schlimmste Variante gewählt.

Kirsten sagte etwas und er schaute sie fragend an. Sie wollte wissen, ob er unglücklich sei. Robert schwieg, das brauchte er nicht zu sagen, es war ja wohl offensichtlich. Sie hakte nach, er musste vorsichtig sein. Sie fragte, ob es sein Job sei? Das war keine schlechte Idee, dachte er, so konnte er schon mal einleiten, dass sein Job nicht das Gelbe vom Ei war. Früher oder später würde er mit der Wahrheit rausrücken müssen. Also nickte er. Sie sog Luft ein, als ob sie gerade eine interne Wette gewonnen hätte.

„Vielleicht könntest Du ja mal eine Auszeit nehmen“, schlug sie vor. „Der Blumenladen läuft sehr gut und kann uns beide ernähren. Zeit, um ein bisschen Abstand zu bekommen.“ Das klang gut, dachte Robert. Dann bräuchte er ihr den Jobverlust nicht zu gestehen. Allerdings hätte er sich auch dann den Banküberfall sparen können. Deprimiert schüttelte er den Kopf. Kirsten interpretierte es anders. „Du kannst es dir ja noch überlegen. Mein Angebot steht.“

Als sie später wieder zu Hause waren und vor dem Tatort Abendbrot aßen, klingelte es. Robert öffnete, es war die Polizei. „Das ist ein Missverständnis“, rief er Kirsten zu, als sie ihn mit Handschellen aus der Wohnung abführten. Am nächsten Tag triumphierte die Boulevardpresse, dass der Hosenschisserräuber gefasst wurde. Kirsten wurde schlecht, als sie den Artikel las.

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