(115) Besonders abends, nach dem Einschluss, redeten Brill und Honsel über alles Mögliche.

von Alain Fux

Besonders abends, nach dem Einschluss, redeten Brill und Honsel über alles Mögliche. Was hätten sie auch sonst tun sollen, denn beide waren nicht sehr belesen und Radio hören war auf Dauer keine Beschäftigung. Brill hatte Honsel nach seinem ersten Mal gefragt. Zuerst hatte Honsel gedacht, Brill wolle über Sex reden. Dann begriff er, dass sein Zellengenosse ihn fragte, wie er zum ersten Mal mit der Polizei zu tun bekam.

Es war bei einer Klassenfahrt gewesen, als Honsel 15 Jahre alt war. Die Reise ging in ein Schullandheim an die Ostsee. Lehrer Barke hatte Honsel eigentlich nicht mitnehmen wollen, weil er bereits damals sehr aufsässig war. Er hatte Honsel im Einzelgespräch gesagt, dass es seine letzte Chance wäre. Honsel hatte genickt, aber natürlich war es ihm egal, was der Lehrer sagte. Über die letzte Chance war Honsel schon weit hinaus. In dem Schullandheim war zur gleichen Zeit eine Mädchenklasse untergebracht und Honsel hatte ein Auge auf Melanie geworfen, eine vierzehnjährige Schülerin, schwarzhaarig und frühreif. Sie hatte ihm beim Abendessen gesagt, er solle sie doch mal in der Nacht besuchen, wenn er sich traute. Das war natürlich Benzin auf die Zündflamme von Honsels aufkeimender Leidenschaft.

Die Mädchen wohnten auf einem anderen Stockwerk. Als alle im Bett lagen und es in dem großen Haus ruhig geworden war, schlich sich Honsel aus seinem Schlafsaal. Er trug nur Shorts und ein T-Shirt, mit dem er auch ins Bett gegangen war. Er tapste auf nackten Sohlen zum Treppenhaus. Die funzelige Notbeleuchtung wies ihm den Weg. Entschlossen lief er die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal. Das Mädchenstockwerk hatte den gleichen Grundriss und er wusste, wo Melanies Schlafsaal war. Er war sich noch nicht im Klaren, wie er sie im Schlafsaal finden würde, aber das würde sich schon ergeben. Als er im Mädchenflur unterwegs war, ging plötzlich die volle Beleuchtung an. Er hörte Schritte, konnte aber nicht erkennen, aus welcher Richtung sie kamen. Im Gang sah er keine Möglichkeiten, sich zu verstecken. Es gab nur einen Weg: Er schlüpfte geräuschlos in die Dunkelheit des Duschraums. Es gab Einzelkabinen, allerdings ohne Türen. Honsel ging ganz durch und versteckte sich in einer der Kabinen. Kaum kauerte er auf dem kalten Terrazzo-Boden, als die Tür zu den Duschen nochmals aufging und die Neonlampen ganz hell aufflackerten. Er hörte Schritte in Badelatschen. Wer auch immer hereingekommen war, hatte zum Duschen eine Kabine in der Nähe von Honsel ausgewählt. Ein lauter Wasserschwall rauschte los. Honsel wartete etwas, bis er dachte, dass die Person nebenan eingeseift sei. Dann wollte er sich vorbeistehlen. Er hatte aber nicht damit gerechnet, dass das fesche Fräulein Glindemann, die Lehrerin der Mädchen, nur vor der Dusche stand. Sie hatte einen Fuß auf einen Badeschemel gestellt und einen Nassrasierer in der Hand. Sie sah Honsel sofort und fing an zu schreien.

Brill schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel, als Honsel erzählte, dass man ihn nach kurzer Flucht im Gebäude stellte und sein Lehrer darauf bestand, die Polizei zu rufen. Zwei Beamte in Uniform gaben sich Mühe, besonders ernst mit ihm zu reden, um ihn möglichst tief zu beeindrucken. Honsel empfand die ganze Prozedur als erniedrigend und hatte es sich in der Zeit danach zur Aufgabe gemacht, immer wieder die Reifen von Lehrer Barkes Ascona zu zerstechen. Barke hatte natürlich einen Verdacht, aber er konnte Honsel nie etwas nachweisen.

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