(113) Müßiggang ist aller Laster Anfang, dachte Reinhard Honsel…

von Alain Fux

Müßiggang ist aller Laster Anfang, dachte Reinhard Honsel, als er nach der Nachtschicht nach Hause radelte. Es regnete und der Wind blies ihm die Tropfen ins Gesicht. Wenigstens hatte er an die Pelerine gedacht. Aber sie war auch nicht mehr ganz dicht und am Rücken spürte er schon die Nässe auf der Haut. Hoffentlich würde er nicht krank werden. Natürlich würde er auch dann arbeiten, aber dann wäre es eine richtige Qual. Aber wem sage ich das, überlegte er. Es war doch alles eine Qual. Du tust alles, was von dir verlangt wird und kommst doch keinen Schritt voran. Nicht mehr in der Lohntüte und Respekt erhältst du schon gar nicht. Nicht einmal bei den Kollegen oder dem Betriebsrat. Du bist irgendwie in dein Leben hineingeboren und dann bleibst du, wo du bist. Aber du musst immer dran bleiben. Keinen Augenblick ausruhen. Auch, oder schon gar nicht, wenn es gut läuft. Sie warten doch alle nur darauf, dass es dem kleinen Mann schlecht geht. Eine Schwäche und du hast gar keine Chance mehr. So ist das und soll mal einer sagen, dass es anders ist.

Jetzt kam der Berg. Wenn er zur Arbeit fuhr, bemerkte er ihn fast nicht – es war, als ob diese Stelle so eben war wie der Rest. Aber wenn er nach Hause fuhr, dann ragte der Berg vor ihm auf und schien ihn herauszufordern. Manchmal schaffte er den Berg und manchmal schaffte der Berg ihn. Heute schwitzte er bereits so stark unter der Pelerine, dass er schon bald abstieg und das Rad schob. Ein Opel Kapitän fuhr an ihm vorbei und bespritzte ihm die Hose. Darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Worauf kam es an? Heiner sollte es später besser haben. Nicht mehr so sinnlos schuften, getrieben sein. Er sollte es mal so gut haben, wie die reichen Leute. Mal in Urlaub fahren. Das Meer sehen. Reinhard Honsel dachte an seinen Vater und fand, dass der es gleichzeitig besser und schlechter hatte als er. Er war arm gewesen, sogar im Vergleich zu anderen Bauern. Alles, was Reinhard erreicht hatte, wäre für seinen Vater Luxus gewesen. Allein schon ein Klo im Haus – undenkbar. So etwas hatte niemand. Nachts aufs Klo zu gehen war eine Mutprobe. Andererseits hatte der Vater es auch besser gehabt. Er war Bauer und konnte sich sein Tagwerk einteilen, wie er wollte. Gut, er musste es auch nach den Kühen ausrichten. Konnte nicht einfach ein paar Tage weggehen. Aber es gab niemand, der ihm sagte, was er alles zu tun hatte. Er bestimmte es selbst. Arm, aber frei – das war er.

Reinhard fühlte sich unfrei. Als er in die Stadt zog, gab er seine Freiheit ab. Dafür bekam er ein Klo auf der Etage. Ein Scheißgeschäft, dachte er und schwang sich oben auf dem Berg wieder in den nassen Sattel. Heiner sollte frei sein, sein Leben nach eigenem Gutdünken organisieren. Aber auch nicht arm sein. Zu Reichtum würde es nicht ausreichen. Das nicht. Aber so, dass er ein gutes Leben leben konnte. Und dafür musste Heiner kämpfen. Wenn er dem Jungen etwas mit auf den Weg geben wollte, dann, dass er nicht ruhen durfte. Müßiggang war aller Laster Anfang.

Advertisements