(108) Jobst Löbe legte gerade eine Salamischeibe in das Brötchen…7

von Alain Fux

Jobst Löbe legte gerade eine Salamischeibe in das Brötchen, als das Telefon klingelte. Der Nachtportier erhielt als Nachtspeisung immer Reste vom Frühstücksbüffet. Zwar waren die Lebensmittel nicht mehr taufrisch, aber Löbe mochte die Salami sehr und am Abend, wenn er sie bekam, war sie durch die Verdunstung etwas härter geworden. Löbe schätzte das kleine Vergnügen. „Hotel Penta, Nachtportier“, meldete sich Löbe.

Eine Frau Wernecke meldete sich am anderen Ende der Leitung. Sie klang verzweifelt, fand Löbe und legte das Salamibrötchen aus der Hand. Es ging um einen Gast, Urban Koch von Zimmer 307, vor dem ihn schon sein Tagespendant gewarnt hatte. „Querulant. Immer nur ich, ich, ich“, hatte ihm der Kollege erzählt. Koch war der Chef von Wernecke und mit seiner Unterbringung unzufrieden. Frau Wernecke sagte Löbe, dass er sie retten müsste, denn anderenfalls verliere sie den Job. Löbe fragte, ob das angesichts von Herrn Kochs Wesen eine schlimme Sache sei. Frau Wernecke verstummte, weil sie über seinen Einwurf erst nachdenken musste. Löbe lachte trocken, denn er scherzte nur sehr selten und normalerweise bemerkten seine Gesprächspartner nie, dass er überhaupt einen Witz gemacht hatte. Sein Lachen brachte sie auf die richtige Spur. „Naja, haha“, antwortete Frau Warnecke, „da hätten Sie mal nicht so unrecht. Aber es gibt hier nichts anderes und das Unternehmen, bei dem ich arbeite, ist zwar sehr streng, aber dann auch verlässlich darin.“

Frau Wernecke bat Löbe inständig darum, dass er ihrem Chef ein Upgrade geben sollte. Dazu war Löbe zwar nicht befugt, allerdings war gerade eine Junior Suite frei geworden, weil ein Gast ins Krankenhaus übergewechselt hatte, nachdem ihm auf der Landwirtschaftsmesse ein Pferd mit dem Huf das Schlüsselbein gebrochen hatte. Löbe würde den Tausch im System vollziehen können, ohne dass jemand etwas davon merkte. Er hatte Mitleid mit Frau Wernecke. Er kannte diese präpotenten Businessmänner, die das Hotel bevölkerten und so taten, als ob die Sonne aus ihrem Hintern auf die Welt schien.

Löbe sagte Frau Wernecke, dass er eine Lösung finden würde und sie getrost schlafen gehen konnte. Nachdem er aufgelegt hatte, ging Löbe zu Zimmer 307 hoch und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Koch leckte sich die Lippen, als ob er Löbes Worte genoss. Der Nachtportier sagte, dass man Herrn Koch kostenlos ein Upgrade anbieten wollte. Er zeigte Koch das neue Zimmer. Der Geschäftsmann nickte beiläufig, nachdem er sich seine neue Behausung im Detail angeschaut hatte.

Als der Umzug vollzogen war, ging Löbe wieder zurück an seinen Platz. Er loggte sich im Computer mit den Daten des Hoteldirektors ein und veränderte die Belegung. Er hatte die Zugangsdaten des Chefs zufällig gesehen und fotografieren können, als der Direktor seine Brieftasche liegen ließ. Am nächsten Morgen, bevor er nach Hause ging, buchte Löbe noch einen PayTV-Streifen auf Kochs Zimmerrechnung. Aus der Liste der Filme im Abrechnungssystem wählte er Nummer 277 aus. ‚Tittorama – Monstermöpse in Aktion‘ ließ keinen Spielraum für Zweifel. Dann klickte er noch auf ‚Volltitel in Rechnung anzeigen‘.

„Perfekt“, sagte sich Löbe, als er seinen Feierabend antrat. Gerade vorher hatte er die Rechnung gedruckt und per Fax an Frau Wernecke geschickt. Löbe fragte sich, wie lange es dauern würde, bis Kochs Filmgeschmack in der ganzen Firma bekannt sein würde. Und auch wenn er es leugnete, das Brandzeichen würde Koch so schnell nicht loswerden.

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