(107) Das, Frau Wernecke, ist das schlechteste Hotel, in das Sie mich je einquartiert haben!

von Alain Fux

Das, Frau Wernecke, ist das schlechteste Hotel, in das Sie mich je einquartiert haben! Hier stimmt gar nichts. Das Zimmer ist in einem total verlotterten Zustand: Die Badetücher lagen auf dem Bett und das Fenster war geöffnet. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis endlich mein Koffer kam. Der Boy, wenn man ihn so nennen darf, war schon über achtzig oder sah zumindest so aus. Überhaupt das Personal. Der Idiot am Empfang hat mich absichtlich warten gelassen und mit einer Kollegin getuschelt. In dem Aufzug riecht es und man bekommt Platzangst.“

Urban Koch lief aufgestachelt in seinem Hotelzimmer auf und ab. Er telefonierte mit Birgit Wernecke, seiner Sekretärin. Da sie noch in der Probezeit war, musste sie diese Tirade über sich ergehen lassen. Der Mitarbeiter in der Personalabteilung, der sie einstellte, hatte ihr gesagt, dass Koch ein schwieriger Chef sei und damit hatte sie auch kein Problem gehabt. Aber Koch war in einer Art schwierig, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Er fand an allem, was sie tat, etwas auszusetzen. Nicht nur, dass er ihr seine Unzufriedenheit mitteilte, er wurde dabei auch aggressiv. Seine Stimme überschlug sich fast. Obwohl sie per Telefon keine physische Angst vor ihm haben musste, war sie dennoch aufgeregt und das Herz hüpfte ihr fast zum Hals hinaus.

Koch selbst hatte auf diesem Hotel bestanden, weil es in der Nähe des Unternehmens lag, das er besuchen wollte. Sie hatte ihn explizit darauf aufmerksam gemacht, dass das Hotel nur drei Sterne hatte, anstatt der fünf, an die Herr Koch gewöhnt war. Aber er hatte ihren Einwand beiseite gewischt und hatte ihr befohlen, ihm genau dieses Hotel zu buchen. Bei dem Preis könne das ja nicht schlecht sein. Der Preis war allerdings der großen Viehzuchtmesse Tier-Stall-Produktion geschuldet und deshalb waren die Hotelpreise insgesamt viel höher als sonst ortsüblich.

„Ich habe versucht, mich selbst zu beschweren, stellen Sie sich vor. Ich bin mir auch dafür nicht zu schade, Frau Wernecke. Aber wissen Sie, was die gemacht haben? Sie haben mir nur gesagt, dass alles in Ordnung sei. Und da stand ich dann wie der Ochse vor dem Berg.“ – „Das tut mir leid, Herr Koch.“ – „Davon, Frau Wernecke, kann ich mir rein gar nichts kaufen. Gar nichts. Machen Sie etwas. Wenn ich nicht im Büro bin, sitzen Sie doch eh nur rum und drehen Däumchen.“

Koch nahm einen Apfel aus der Willkommensobstschale und biss hinein. Der Apfel war mehlig. Er spuckte den Bissen in den Papierkorb und schmiss den Apfel hinterher.

„Jetzt sorgen Sie dafür, dass ich etwas Besseres bekomme. Und ich brauche Sie wohl nicht daran zu erinnern, dass Sie immer noch in der Probezeit sind.“

„Ja, Herr Koch. Ich kümmere mich sofort darum und melde mich.“

Zufrieden beendete Koch den Anruf und fischte die Banane aus der Willkommensobstschale. Bevor er sie aufschälte, drehte er sie nach allen Seiten und schaute sich die Schale genau an.

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