(106) Natürlich lag Torsten Wemmels Bestimmung nicht darin…

von Alain Fux

Natürlich lag Torsten Wemmels Bestimmung nicht darin, für Dr. Opls windige Studien Patienten festzuzurren und zu überwachen. In Wirklichkeit war er ein Songwriter. Und er wollte ein erfolgreicher werden. Auch er war einmal Meerschweinchen bei Dr. Opl gewesen und dann war der Wärterjob frei geworden. Wemmel hatte ihn aus Mangel an anderen Möglichkeiten übernommen. In den langen Nächten, in denen er im Kontrollraum wachte, suchte er nach Inspiration für seine Lieder.

Während im Studienraum Alex Pesel aufgrund der falschen Einstellungen der Kontrollapparatur Höllenqualen litt, bevor ihn die Bewusstlosigkeit erlöste, saß Wemmel im Kontrollraum, kaute auf seinem Bleistift und schrieb an einem Song.

Bisher hatte er nur den Titel im Kopf: ‚Bad Hotel‘. Er war ihm eingefallen, als er Pesel fixiert hatte. Wemmels Ausgangspunkt war: Was, wenn es ein Hotel gäbe, das seine Gäste ähnlich schlecht behandelte, wie Opl seine Versuchskaninchen? Immer wieder aber glitt der Schneepflug seiner Fantasie in den Refrain von Hotel California. Dabei hasste Wemmels die Eagles. Aber er musste zuerst den Refrain schreiben, das war die Seele des Songs. Der Rest ergab sich dann von selbst. Manchmal schrieb Wemmels Songs, bei denen nach einer Intro nur immer wieder der Refrain in wechselnden Tonarten wiederholt wurde. Zugegebenermaßen waren es nicht seine besten Songs, aber immerhin. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, jede Nacht, in der er in Opls Institut arbeitete, einen Song zu schreiben. So kam er sich weniger käuflich vor. Und um dieses Ziel zu erreichen, durfte man nicht immer wählerisch sein.

In der Kladde Nr. 13, die vor ihm lag, hatte er auf Seite 179 bisher nur die Worte ‚Bad Hotel. Bad Hotel‘ aufgeschrieben. Er fügte in der zweiten Zeile hinzu: ‚Such a terrible place.‘ Dann noch einmal ‚Such a terrible place.‘ Er las es noch einmal und schüttelte den Kopf. Nahm den Radiergummi und löschte die beiden letzten Zeilen. Nach kurzer Überlegung auch die erste. Er kaute auf dem Bleistift. Dann schrieb er wieder ‚Bad Hotel.‘ Er starrte an die Decke. Dann schrieb er entschlossen noch einmal ‚Bad Hotel‘, um es dann gleich wieder zu löschen.

Plötzlich hatte er eine Inspiration. Seine Ohren glühten und es war, als ob der kalte Kontrollraum plötzlich in ein warmes Licht getaucht wäre. Wie besessen schrieb er: ‚Bad hotel on a lonely highway/ Bad hotel life don’t work out my way/ I wait alone each lonely night. Bad hotel, bad hotel.‘ Das schien ein brauchbarer Refrain zu sein. Er las es einmal laut vor. Irgendwie kam der Text ihm vertraut vor. Beim fünften Vorlesen fiel es ihm schlagartig auf. Er hatte eben den fast gleichen Text geschrieben wie ‚Blue hotel‘ von Chris Isaak. So etwas Dummes. Er radierte den Refrain aus. Prompt fiel ihm wieder ‚Such a terrible place‘ ein. Heute war kein guter Tag für den Songschreiber in Wemmel. Es war ganz bestimmt keine Grammy-Nacht heute.

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