(103) Mit Freude sah Mika, dass Donna nach ihrem Auftritt immer noch an der Bar saß.

von Alain Fux

Mit Freude sah Mika, dass Donna nach ihrem Auftritt immer noch an der Bar saß. Donna bedankte sich für die Widmung des Songs. Sie sagte, dass sie sich mit einem Glas Champagner revanchieren wollte. Mika sah etwas unwillig aus, denn sie machte sich nichts aus Champagner. „Es ist die Marke für die ich arbeite. Probier sie mal. Ich möchte wissen, wie es dir schmeckt nach ‚Ring of Fire‘.“

Sie prosteten sich zu. Der Champagner war gut, aber natürlich nur zweitklassig, wenn man eigentlich Bier wollte. Trotzdem lobte Mika aus Höflichkeit.

„Man sagt ja immer, dass es auf die Größe ankommt“, sagte Donna mit einem Zwinkern. „Diesen Champagner gibt es in vielen Größen. Die größte ist eine 18-Liter-Flasche, die man Melchior nennt.“ – „Interessant“, nickte Mika. Sie redeten weiter über Musik, die Stadt und die Welt. Mika lud Donna auf eine Corona ein und sie redeten weiter. Dann machte die Bar zu und Donna schlug vor, dass sie zu ihr ins Hotel gehen sollten.

Dort schauten sie nach, was es in der Minibar gab. Dann sagte Donna: „Und jetzt will ich mal sehen, was dein Melchior draufhat.“ Sie landeten im Bett.

Natürlich hatte Mika schon bei der Vorstellung bemerkt, dass Donna ein Mann war und natürlich hatte Dirk, denn so hieß Donna wirklich, sofort erkannt, dass Mika eine Frau war. Und erstaunlicherweise gestaltete sich der sexuelle Teil des Abends überraschend frei von Peinlichkeiten. Donna half Mika beim Ablegen der Sporen und Mika war Donna mit dem Hüfthalter behilflich.

Als Dirk alias Donna, dem über Nacht die Bartstoppel nachgewachsen waren, ihr am nächsten Morgen seine Geschichte erzählen wollte, winkte Mika ab. „Tut mir leid, Donnadirk, wir hatten eine tolle Heteronacht zusammen, aber jetzt muss ich mich aufs Pferd schwingen.“

Sie stieg in die Cowboystiefel. Die Sporen ließ sie weg, für den Vormittag schien ihr das unpassend. Sie drückte Dirk einen Kuss auf die Stirn und streichelte kurz seinen Melchior. Beim Hinausgehen hing sie noch das rote Schild an die Klinke außen.

‚Was jetzt‘, dachte sie beim Warten auf den Aufzug. „Frühstück“, sagte ihr Magen. ‚Meinetwegen‘, dachte sie, ‚aber nicht hier im Hotel. Das ist a) teuer und b) voller Leute, die mich in dem Outfit schief ankucken.‘

In der Tat schaute die feine Dame im rosafarbenen Jogginganzug, die im zweiten Stock einstieg, sie aus den Augenwinkeln an. ‚Warum im 2. Stockwerk den Aufzug nehmen, um joggen zu gehen‘, dachte Mika. „Weil meine Kniegelenke nicht mehr zwanzig sind“, antwortete die Dame. Mika nickte beiläufig, wollte aber keine Diskussion über morsche Knochen anfangen. Im Erdgeschoss stürmte sie aus dem Fahrstuhl dem Ausgang zu. Entweder gab es eine Hellseher-Konferenz im Hotel oder Mika hatte die Weiche zwischen Reden und Denken nicht im Griff. Für Letzteres gab es eine Lösung, das TafelnSchluckenPoppen: 24/7 geöffnet, 1A Frühstückskarte und keiner scherte sich darum, was gedacht und/oder gesagt wurde. Auch Sporen an den Stiefeln interessierten niemanden.

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