(98) Masahito setzte sich in die Seiza Sitzposition…

von Alain Fux

Masahito setzte sich in die Seiza Sitzposition und legte seinen rechten großen Zeh über den linken. Vor ihm saß Nobuko in der gleichen Position vor ihm. Sie schauten sich an. Wenn Masahito nicht bei Nobuko weilte, verzehrte er sich nach dem Anblick ihres Gesichts. Wenn er sich einmal in ihre dunklen Augen vertieft hatte, war er wie ein Taucher, der nie wieder die Oberfläche des Wassers nach oben durchstechen wollte. Wenn sie ihn anlächelte, so wie sie es jetzt tat, dann hatte sie ganz kleine zauberhafte Falten unter den Augen. Der Bogen ihrer Augenlider war perfekt geschwungen mit seinem höchsten Punkt etwas ein Drittel von dem mittleren Ende entfernt. Die Augenbrauen harmonierten perfekt mit dem Schwung ihrer Augenlider.

Was Masahito auch an Nobuko schätze, waren ihre Wangenknochen, die genau die richtige Präsenz hatten: nicht zu aufdringlich und nicht zu verwischt. Auch hier war der Schwung der Wangenknochen völlig synchron mit den Ausläufern ihrer Nasenflügel. Wenn sie lachte, waren ihre Lippen in ihrer Fülle und ihrem Schwung völlig mit allem anderen in ihrem Gesicht im Einklang. Es war, als ob sich Masahito beim Anblick seiner Geliebten Nobuko die Harmonielehre der Welt erschloss.

Neben dem tiefen Frieden, der ihn in diesem Augenblick durchfloss, verspürte er im Ansatz auch die Traurigkeit, diesen Augenblick nicht erhalten zu können. Bald würde er von Nobuko Abschied nehmen müssen, um nach Hause zu seiner Frau Asami zu gehen. Die Kosten für die zweite Wohnung, die er Nobuko zur Verfügung stellte, waren eine Extravaganz, die er sich nicht ewig würde erlauben können. Deshalb war es noch schmerzhafter, bei jedem Jauchzer des Willkommens seiner Seele gleichzeit auch den Abschied mitschwingen zu fühlen. Masahito verdrängte den Gedanken und schaute stattdessen noch genauer hin.

Er sah Nobukos Puls an ihrer Halsschlagader. Im Takt ihres jungen Lebens. Als ob sie die Zeit bis zu seinem Abschied vermaß.

Gerade wollten sich seine Augen mit Tränen füllen, als ein Luftzug hinter ihm das Öffnen der Tür bekundete. Nobukos Augen weiteten sich und ihr Puls wurde stärker. Masahito spürte, dass jemand hinter ihm stand. Als er einen Hauch von Chanel N°5 in die Nase bekam, wusste er, dass Asami hinter ihm stand. Nobuko schaute von Asami zu Masahito und wieder zurück. Aber sie bewahrte ihre äußere Ruhe, stellte Masahito mit Genugtuung fest. Auch seine Frau, so spürte er, bewegte sich nicht. Es war eine starre Komposition mit Masahito und Nobuko sich in Kimonos gegenüber sitzend und seine Frau stehend in der Tür, wahrscheinlich in Straßenkleidung. Asami schien alles zu beobachten. Es war gemessen an der Ewigkeit nur ein Nichts von Augenblick, aber sein Gewicht hinterließ Spuren im Gewebe der Zeit.

Dann war der Luftzug weg, der Duft von Parfüm stand noch kurz in der Luft. Asami war wieder gegangen. Nobuko schaute nur mehr auf Masahito. Eine Träne bildete sich in jedem von seinen Augen. Nobuko war so schön dass Masahito sich vor ihr wie ein endlos dehnbarer Wassertropfen ausbreiten und verdampfen könnte.

Advertisements