(96) Heute war Nicole fällig, hatte sich Janine vorgenommen.

von Alain Fux

Heute war Nicole fällig, hatte sich Janine vorgenommen. Es war Mädelsabend und der beste Moment für eine denkwürdige Abreibung. Was dachte diese Frau sich dabei, mit einem inakzeptablen Mann knutschend in einem Wagen zu sitzen. Ohne dass sie es vorher erzählt hatte. Auch dann wäre Janine nicht einverstanden gewesen, aber man hätte wenigstens sprechen können, ohne dass vollendete Tatsachen geschaffen wurden. Nicki Huck, Janines allerbeste Freundin, hatte Nicole Nickel gesehen. Nicki war aus denselben Gründen an diesem Ort gewesen. Einem Parkplatz mit Aussicht, wie Janine ihn nannte und schätzte, denn auch sie erlaubte es manchem Mann gemeinsam mit ihr seinen Wagen dort einzuparken. Aber Nicki hatte darüber vorher berichtet und natürlich gab es kein Problem. Denn Nicki war loyal. Genau, das war es. Nicki war Janine und den anderen Mädels gegenüber loyal. Und tat, was man ihr sagte. Heute Abend, das hatte Janine mit Nicki abgesprochen, würde Janine den ersten Schuss abgeben. Nicole würde sich natürlich winden, alles versuchen abzustreiten. Die Ahnungslose geben, wie immer. Wo soll das gewesen sein? Nein, da musst du dich täuschen. Mit wem sollte ich auch dahin gehen…

Alle diese Ausreden, bei denen sich Janine die Ohren verschlossen und bei denen sie nur mehr das Rauschen ihres eigenen Blutflusses hören konnte. Aber dann, gerade wenn Nicole glaubte, dass man ihr nichts anhaben konnte, würde Janine Nicki in den Zeugenstand rufen. Nicki würde erzählen, was sie gesehen hatte. Ganz sachlich. Nicki konnte der kleinen Schlampe sogar die Farbe der Unterhose ihres Typen auf den Kopf zusagen. Vielleicht war das alleine nicht überzeugend, denn wahrscheinlich hatte sich nicht einmal Nicole die Farbe gemerkt. Aber es war ein guter Move, denn Nicole würde sehen, dass ihr Typ bis auf die Unterhose durchschaut war. Genau wie sie, diese kleine Missgeburt.

Zum Mädelsabend kommen und an allem teilhaben, aber nichts in die Gemeinschaft zurückgeben. Wenn sie einen neuen Freund hatte, sollte sie zumindest die Meinung oder das Urteil der Gruppe einholen, bevor sie sich auf dem Parkplatz unter Umständen sogar schwängern ließ von einem Mann, der braune Unterhosen trug. Braun… Janine schüttelte den Kopf. Warum nicht gleich moosgrün, dachte sie.

Die Uhr am Armaturenbrett zeigte zwanzig nach acht. Mittlerweile würden alle Mädels im Lokal eingetroffen sein und Janine konnte ihr Entree geben. Sie warf die fast ausgerauchte Zigarette auf den Asphalt, schloss das Fenster und zog den Zündschlüssel ab, der das Autoradio ausschaltete.

Showtime, dachte sie und schob sich die Sonnenbrille nach oben in die Haare.

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