(94) Außer ihrer Liebe zum Schlamm hatten Walt und Walon gar nichts gemeinsam.

von Alain Fux

Außer ihrer Liebe zum Schlamm hatten Walt und Walon gar nichts gemeinsam. Walt war athletisch, nett und hatte einen ganz ungeheuren Schlag bei den Frauen. Walon war adipös fett, nachtragend und hatte einen feuchten Händedruck. Letzteres war bei seinem Job als Verkäufer von Aquarien nicht so schlimm. Neben Schlamm zählten Guppys zu seinen liebsten Beschäftigungen. Er hatte auch schon versucht, Aquaristik und Schlamm miteinander zu verbinden, allerdings gelang ihm die Zucht von Schlammpeitzgern nicht. Schlammpeitzger, lateinisch Misgurnus, waren Fische, die gerne im Schlamm lebten. Vielleicht lag es daran, dass Walon die richtige Schlammmischung nicht hinbekam. Auf jeden Fall gingen die Tiere immer ein und er merkte es erst, wenn aus dem Schlamm die Faulgase der Verwesung entwichen. Der Schlammpeitzger hatte daher keinen Einzug in die Aquaristik gefunden.

Eines Tages saßen Walon und Walt bei einem Clubabend nebeneinander im Schlammjacuzzi. Wie immer versuchte Walon in so einer Situation, seine Speckrollen zu verstecken. Aber Walt schien es gar nicht darauf anzulegen, irgendwelche abfälligen Bemerkungen zu machen. Im Gegenteil, er war freundlich und redete so lange mit Walon, bis dieser sein natürliches Misstrauen ablegte. Vielleicht war dies ja der Punkt, an dem sich seine soziale Stellung änderte.

Beiläufig fragte Walt, ob Walon noch etwas anderes vorhabe, denn er wolle noch zu einer Party und würde Walon gerne mitnehmen. Eine zwanglose Zusammenkunft mit Getränken, Essen und Frauen. Walon überlegte, während die Luftblasen in dem Schlammjacuzzi hochstiegen und zerplatzten. Er sagte zu. Die letzte Party, auf der Walon war, musste eine Geburtstagsfeier gewesen sein. Er hatte sie schon verdrängt, aber es war natürlich ein Desaster gewesen. Er hatte ein ungutes Gefühl dabei, aber er sagte zu.

Natürlich wurde auch diese Party eine Katastrophe. Es war sogar noch schlimmer. Walon empfand sie als die ultimative Demütigung und schwor sich, dass er Walt umbringen würde.

Es stellte sich nämlich heraus, dass die Party unter dem Motto Hausgräuel stand. Die Hausgräuel waren Freunde oder Bekannte, die die eingeladenen Gäste mitbringen sollten. Die Begleiter oder Begleiterinnen sollten möglichst hässlich und abstoßend sein. Das wurde Walon allerdings erst bei der Preisverleihung bewusst – dem furiosen Ende der Party, nach der es zu Prügeleien und anderen unschönen Szenen kam. Vorher hatte sich Walon eigentlich ganz wohlgefühlt, weil die Hälfte der Gäste aus seiner Sicht vielleicht etwas schräg, aber ansonsten völlig normal war. Er sagte sich, dass er viel öfters auf Partys gehen sollte und dass er einfach ein zu negatives Bild von sich und der Welt hatte.

Nach der Preisverleihung an ein dürres Mädchen mit Haarausfall, war Walon geschockt und verdrückte sich so schnell er konnte. Walt musste kurz vorher gegangen sein. Mit geballten Fäusten stand Walon an der Bushaltestelle im Regen und sann auf Rache.

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