(91) Trotz der riesigen Taucherbrille schloss Myra unter Wasser immer die Augen.

von Alain Fux

Trotz der riesigen Taucherbrille schloss Myra unter Wasser immer die Augen. Technisch gesehen schwamm sie gut und hatte auch keine Probleme unterzutauchen. Aber sie wollte auf keinen Fall unter Wasser sehen. Zuerst hatte Jimmy gedacht, dass es das Chlorwasser war, das seine fünfjährige Tochter störte. Er hatte ihr dann diese Tauchbrille gekauft. Aber es änderte nichts. Eigentlich war das Tauchen nutzlos, wenn man nicht auch sehen konnte, wo man tauchte. Immerhin hatte Myra Freude daran, im Wasser zu sein. Jimmy lehnte sich zurück auf dem weißen Plastikstuhl neben dem Schwimmbecken. Wenn Myra nicht wollte, dann brachte es gar nichts, sie zu etwas zu zwingen. Da war sie wie Mildred, ihre Mutter. Mildred bekam immer alles, was sie wollte.

Sie wollte Jimmy, weil sie ihn süß fand. Vielleicht auch, weil er formbar war. Auf jeden Fall, wären sie nie ein Paar geworden, wenn Mildred nicht dieses „Don’t be shy“ auf den roten Zettel geschrieben hätte, den Jimmy auf die erste Seite des Fotoalbums der Familie geklebt hatte.

Mildred wollte auch Karriere machen. Die Archivartätigkeit war für sie nur eine Möglichkeit beim FBI anzufangen. Sie wollte Agentin werden und durch Ausdauer, harte Arbeit und die richtige Einstellung wurde sie es wirklich. Das kam sonst nie vor. Agent Mildred Ahern.

Bei Jimmy war die Karriere anders verlaufen. Er war nicht hart genug und flog noch in der Probezeit beim FBI raus. Er sei nicht bereit „die letzte Meile zu gehen“. Es war erniedrigend. Gerade weil Mildred immer noch fünf Meilen weiter ging. Aber sie liebte ihn und er liebte sie.

Er machte sich als Privatdetektiv selbstständig. Die meiste Zeit saß er in seinem Büro und las den Sportteil der Zeitung. Es war die Zeit, als Mildred ihn aufzog und „Marlowe“ nannte. Dann wurde Mildred schwanger und als Myra zur Welt gekommen war, gab es keine Diskussion, dass er sich um das Kind kümmern würde. Vom Private Eye wurde er zum Private Dad.

Mildred war auch als Ermittlerin äußerst schlau und man vertraute ihr sehr heikle und vertrackte Fälle an. Deshalb reiste sie viel. Für Jimmy und Myra war es fast eine Überraschung, wenn Mildred abends bei ihnen war und mit ihnen Abendbrot aß.

Jimmy fragte sich, ob er schuld daran war, dass Myra beim Tauchen die Augen nicht öffnen wollte. Mildred hatte so ein Benehmen bestimmt nicht in den Genen. Mit einem anderen Vater würde Myra bestimmt tauchen wie Flipper. Dann überlegte er sich, was er ihr vererbt hatte, das ihr im späteren Leben einen Vorteil geben würde. Vielleicht war es die Fähigkeit, sich so anzupassen, dass jemand wie Mildred ihn Huckepack durchs Leben mitnahm. Dann fiel ihm ein, dass diese Definition auch für das Zusammenleben von Menschen und Flöhen gelten könnte. Er wischte den Gedanken beiseite und winkte Myra zu. Da sie über Wasser war, hatte sie die Augen auf, sah ihn und winkte zurück.

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