(90) Jimmy Fratianno war 1977 in das Zeugenschutzprogramm der USA aufgenommen worden…

von Alain Fux

Jimmy Fratianno war 1977 in das Zeugenschutzprogramm der USA aufgenommen worden, nachdem er weitreichende Aussagen gegen die Mafia gemacht hatte. Nachdem er aber die Klappe nicht halten konnte und mit Ghostwritern zwei Bücher geschrieben hatte, wollte man ihn aus dem Programm wieder rausschmeißen. Jimmy Ahern war 29 Jahre alt und beim FBI ein Neuling. Als Beschäftigungsmaßnahme hatte man ihm die Akte von Fratianno gegeben. Er sollte schauen, ob man noch etwas daraus ziehen könnte, bevor dem Ex-Ganoven das Programm gekündigt wurde.

Ahern hatte sich die Akte zusammengesucht und war dabei von einer jungen Archivarin unterstützt worden. Sie hieß Mildred Barnett und hatte lange Haare, die sie in einem Zopf zusammengebunden trug. Vor allem waren es ihre Beine, die es Ahern angetan hatten. Er schaute hin, wenn sie wegschaute und errötete, wenn sie ihn beim Schauen ertappte. Als er mit dem Rollwagen Akten abzog, sagte sie ihm Worte der Aufmunterung, aber er stammelte nur etwas vor sich hin und hätte sich am Liebsten in Luft aufgelöst.

Jetzt saß er wieder an seinem Schreibtisch und sichtete den ersten Packen Material. Dabei fiel ihm ein Foto in die Hände, auf dem er einen Mann sofort wiedererkannte: Frank Sinatra, der in die Kamera strahlte. Auf beiden Seiten standen Männer, die wie Gangster aussahen. Auf der Rückseite des Fotos stand „2. Aug. 67: Paul Castellano, Frank Sinatra, Tommy Marson, Carlo Gambino, Jimmy the Weasel Fratianno. Ahern fand es lustig, dass Fratianno den Spitznamen Wiesel schon bekommen hatte, bevor er als Informant für den FBI arbeitete.

Ahern fragte sich, ob das Foto relevant war und ob man versuchen könnte, aus Fratianno mehr über Sinatras Verbindungen zur Mafia herauszubekommen. Ahern überlegte und ließ dabei seinen Kugelschreiber um den Zeigefinger kreisen. Dann legte er das Foto zur Seite. Zum einen war die Aufnahme schon zwanzig Jahre alt. Zum anderen war Jimmy Aherns Vater ein glühender Bewunderer von Sinatra. Ahern Senior hätte es nicht geschätzt, wenn sein Sprössling The Voice Schwierigkeiten machen würde.

Als Jimmy die nächste Akte aufschlug, lag direkt hinter dem Aktendeckel ein roter Zettel auf dem geschrieben stand: ‚Don’t be shy, Mildred‘. Jimmy spürte, dass er beinahe so rot wurde wie der Zettel. Schnell schaute er, dass niemand ihn beobachtete. Dann faltete er den Zettel und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts. Als er dies getan hatte, wurde er noch einmal sehr rot im Gesicht, denn er hatte sich gerade vorgestellt, wie es aussehen würde, wenn ihn jemand dabei beobachtet hätte, wie er Material aus den Akten einsteckte. Er vergewisserte sich noch einmal extra, ob ihn auch wirklich niemand beobachtete.

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