(89) „Danke Harold“, sagte der Mann zu dem Kellner…

von Alain Fux

„Danke Harold“, sagte der Mann zu dem Kellner und trennte mit einem Löffel ein Stück von der Banane, vermischte es mit Eis und schaufelte es sich in den Mund. Er lehnte sich wieder zurück in den Liegestuhl und schloss die Augen. Im Hintergrund plätscherte das Wasser des Swimmingpools.

Nachdem er das Eis aufgegessen hatte, beschloss er ein wenig zu Schlafen. Als er gerade weggedöst war, kam Harold zurück. „Mr Sinatra, Mr Sinatra? Es tut mir leid, aber da sind Gentlemen, die Sie sehen möchten.“ Sinatra hielt die Augen geschlossen. „Bin nicht da.“ – „Einer der Herren sagt, dass Don Carlo dabei ist, Mr Sinatra.“

Mit einem Ruck saß Sinatra aufrecht. „Carlo Gambino?“, fragte er. Harold nickte. „Wo sind sie?“ – „Sie warten vor Ihrer Garderobe.“ Sinatra sprang auf, unterdrückte einen Fluch und ging zügig zurück in den Bühnentrakt des Desert Inn. Der Pate war angekündigt und wollte Sinatras Auftritt am Abend des 2. August 1967 mitverfolgen, aber er war früher angekommen als erwartet.

Gambino, ein älterer zerbrechlich wirkender Mann mit grauen Haaren und abstehenden Ohren, empfing Sinatra mit offenen Armen. Er entschuldigte sich, dass er so hereinplatzte. Er war begleitet von Tommy Marson, genannt ‚Fatso‘ und Jimmy Fratianno, genannt ‚Das Wiesel‘. Gambino wollte Frankie nur viel Erfolg wünschen und sagte, er würde nach der Show noch mal vorbeikommen.

Als Sinatra am Abend sang, wusste er, dass Don Carlo und seine Begleiter in der VIP Lounge saßen. Bei manchen Liedpassagen schaute er direkt in ihre Richtung und hoffte, dass diese Respektbezeugung gut ankam.

Das war der Fall gewesen, denn als er nach der letzten Zugabe verschwitzt und ausgepumpt in seine Garderobe zurückkehrte, wurde er bereits von Gambino und seinen Leuten erwartet. Der Pate war völlig begeistert und schwärmte von dieser tollen Stimme. Er kniff Sinatra in die Wangen und drückte ihm einen Umschlag in die Hand.

Dann sagte Gambino, er wolle, dass man ein Foto machte von ihm zusammen mit Sinatra. Der Sänger trocknete sich noch den Schweiß ab und zog ein frisches Hemd an. Dann stellte er sich in der Garderobe neben Paul Castellano, Fatso Marson, Gambino und Das Wiesel Fratianno. Alle schauten in die Kamera, Sinatra setzte sein bestes Lächeln auf und das Blitzlicht ging los.

Später, als die Gangster gegangen waren und Sinatra alleine in der Garderobe saß, fragte er sich, ob das Foto wirklich eine gute Idee gewesen war. Man wusste nie, wo so etwas plötzlich wieder auftauchen würde. Aber er hätte Gambino diesen Wunsch niemals abschlagen können. Er erinnerte sich an den Umschlag von Gambino und öffnete ihn. Darin lag ein Bündel mit 10.000 Dollar. Es war zwar sehr viel Geld, aber es erinnerte Sinatra an andere Situationen, in denen Geld in solchen Umschlägen übergeben wurde. Keine davon war erfreulich.

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