(88) Beuys hing vornüber in den Spiegelglasspitzen.

von Alain Fux

Beuys hing vornüber in den Spiegelglasspitzen. Sein Kopf drückte den Hut gegen die Wand und es sah aus, als ob er ein Nickerchen hielte. Aber das Blut rann an der Weste herunter, an der Hose herunter, sammelte sich unter ihm in einer Pfütze. Ein Rinnsal aus der Pfütze lief weiter und berührte die Lippen des immer noch auf dem Bauch liegenden Mannes.

Nach kurzer Zeit öffneten sich seine Augen und er schien sich zu fragen, wo er war. Er richtete sich auf. Als er sich umschaute, sah er als Erstes sein eigenes Spiegelbild in dem Teil der Spiegelwand, die intakt geblieben war. Er sah, dass er Blut im Gesicht hatte und er wischte es weg mit dem linken Ärmel des Filzpullovers. Er stand auf und entdeckte Beuys, der in den Spiegelglasspitzen hing. Der Künstler gurgelte etwas, weil ihm das Blut auch aus dem Mund lief, aber er war wirklich tot. Der Mann sah, dass seine Filzkleidung sich mit dem Blut vollgesogen hatte und er zog alles aus, drapierte die Kleidungsstücke auf Beuys‘ Rücken. Ganz oben drauf legte er die Sockenhalter ab.

Jetzt trug der Mann nur noch eine enge rote Badehose. Unschlüssig stand er da. Er zog das Stromkabel für den Fernseher aus der Steckdose und stopfte den Stecker Beuys hinter den Gürtel in den Hosenbund. Der Bildschirm wurde wieder hell und zeigte jetzt das Bild einer prallen gelben Zitrone.

Der Mann wandte sich ab und trat zu der rechten kahlen Seitenwand. Mit dem Finger zog er eine Linie auf der Wand. Von unten hoch, dann nach rechts, dann wieder bis ganz unten. Den Umriss einer Tür. Als er die Linie gezeichnet hatte, schien ein helles gelbliches Licht aus der Linie. Der Mann drückte auf die Wand und sie schwang nach außen wie eine Tür. Er trat hindurch in die Sonne. Dahinter war ein Strand aus weißem Sand mit Kokospalmen, die sich durch den makellos blauen Himmel nach oben zur Sonne schraubten. Ein angenehmer leichter Wind wehte. Der Sand, auf den der Mann trat, war oben warm von der Sonne und darunter war er kühl und etwas feucht von der Meeresbrandung. Möwenschreie lagen in der Luft.

Der Mann schaute hinaus aufs Meer und hielt sich dabei die Hand vor die Stirn, um weniger von der Sonne geblendet zu werden. Der Horizont war klar. Auf dem Strand stand auf der rechten Seite ein Liegestuhl unter einem Sonnenschutz aus Palmenblättern. Der Mann schlenderte dorthin und setzte sich.

Die Brandung flirrte wegen der Hitze, die aus dem Sand aufstieg. Der Mann war froh, unter dem Sonnenschutz zu sitzen. Ein Schatten fiel vor ihm auf den Sand und bewegte sich. Es war ein Kellner in weißem Kittel, schwarzer Hose und schwarzer Fliege. Über dem Arm trug er eine Serviette drapiert und auf der Hand balancierte er ein Silbertablett. Auf dem Tablett stand ein Eis in einem länglichen Glasboot.

„Ihr Banana Split“, sagte der Kellner und stellte das Eis auf einen kleinen Tisch, den er in der anderen Hand trug und dessen einziges Tischbein er in den Sand rammte.

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