(87) Beuys setzte den Hut auf und trocknete seine Tränen.

von Alain Fux

Beuys setzte den Hut auf und trocknete seine Tränen. Er ging den Weg zurück und probierte es in der anderen Richtung. Auch hier bog der Gang scharf ab, nach links. Er weitete sich zu einem großen Raum, an dessen Ende ein wandfüllender Spiegel hing. Beuys erschrak zuerst, erkannte dann aber sein Abbild. Er rückte seinen Hut gerade. Dann bemerkte er, dass vor dem Spiegel ein Fernseher stand, der ein schwarz-weißes Bild ausstrahlte. Und davor lag jemand auf der Erde. Es war ein Mann oder ein Knabe, denn er trug kurze schwarze Hosen. Das flackernde Fernsehlicht beleuchtete ihn bläulich.

Beuys trat zu dem Liegenden. Er hatte Haaren an den Beinen und war eher groß – deshalb beschloss Beuys, dass es sich um einen Mann handelte. Er lag auf dem Bauch. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten. Dann kam ein schwarzer Pullover, der auch die Arme verhüllte, die eng am Körper anlagen. Die Hände befanden sich unter dem Mann. An den Kniekehlen hatte der Mann Falten. Dann bemerkte Beuys, dass der Mann Sockenhalter trug, um seine wadenhohen schwarzen Strümpfe in Position zu halten. Beuys ging davor in die Hocke, um sich die Sockenhalter besser anzuschauen. Er schob seinen Hut höher auf die Stirn. Die Sockenhalter bestanden aus einem elastischen Gummizug, der quer gestreift war, braun-beige-braun. Das Beige war jeweils umrandet mit einer dünnen grünen Linie. Die Halter selbst hatten ein weiches, weißes Lederteil, das mit einem beigen Gummizug bis zur metallenen Schließe verlängert war. Beuys befühlte den Gummizug und seine Hände glitten dann über die nackte Haut des Beines vor ihm. Sie waren nur schwach behaart, aber er konnte die Härchen doch sehr gut ertasten. Die Haut war noch warm.

Beuys bemerkte, dass die Socken, die kurze Hose und auch der Pullover des Mannes aus schwarzem Filz waren. Er strich mit der Hand darüber. Im gleichen Augenblick veränderte sich das Bildrauschen auf dem Bildschirm und Beuys konnte sich schließlich selbst erkennen, wie er sich über den Mann beugte. Es sah aus wie das Bild von einer Überwachungskamera. Als er sich umwandte, um die Kamera zu suchen, nahm er in den Augenwinkeln wahr, dass sein Ich auf dem Bildschirm das Gleiche tat. Er blickte wieder auf den Bildschirm. Dort bewegte sich jetzt der liegende Mann, in der Wirklichkeit jedoch nicht. Auf dem Bildschirm drehte sich der Mann auf den Rücken und richtete sich auf. Es war Nam June Paik. Der Beuys auf dem Bildschirm sprang auf und hechtete durch den Spiegel an der Wand.

Beuys schaute auf den Spiegel ihm gegenüber und dann wieder auf den Mann vor ihm. Als dieser sich unvermittelt bewegte, erschrak Beuys und sprang mit einem Satz in die Spiegelwand. Durch den Aufprall zerbrach sie in Splittern. Beuys knallte gegen die Betonwand dahinter. Als er bewusstlos hinuntersank, bohrten sich die scharfen Spiegelglasspitzen in seinen Körper. Er verblutete.

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