(86) Als Joseph Beuys wieder zu Bewusstsein kam, überprüfte er zuerst, ob er seinen Hut und seine Weste trug.

von Alain Fux

Als Joseph Beuys wieder zu Bewusstsein kam, überprüfte er zuerst, ob er seinen Hut und seine Weste trug. Zufrieden stellte er fest, dass dies der Fall war. Er lag auf der Erde, mit dem Rücken gegen eine unverputzte Wand gelehnt in einem scheinbar unterirdischen Durchgang. Es kam etwas Licht von schwachen gelblichen Glühbirnen, die in unregelmäßigen Abständen an Drähten von der Decke baumelten. Beuys stand auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Weil es nach links etwas heller wurde, ging er in diese Richtung.

Der Gang drehte nach rechts und dann sah Beuys einen breiteren Raum vor sich, von dem rechts und links jeweils vier vergitterte Zellentüren abgingen. Er ging zu der ersten Tür links und schaute durch das Gitter hinein. Der Raum dahinter schien leer. Dann erkannte er, dass die Wände der Zelle vollständig mit Bleiplatten ausgekleidet waren. Und richtig, als er genauer zu der Glühbirne schaute, konnte er auch die beiden silbernen Ringe erkennen. Er war plagiiert worden. Entrüstet ging er zur nächsten Zellentür. Die Wände waren weiß gestrichen und hinten in der rechten Ecke war Fett schräg gegen die Wand aufgeschichtet worden. Beuys zischte verächtlich.

Hinter der nächsten Tür war ein Rudel filzbepackter Schlitten im Raum verteilt. „Für den Bus hat es wohl nicht gereicht“, murmelte Beuys vor sich hin. In der nächsten Zelle stand ein Holztisch mit einem Holzwürfel darauf. Drähte kamen aus dem Würfel und verliefen zu zwei Lehmkugeln, die vor dem Tisch auf der Erde lagen. Zwei weitere Drähte kamen aus den Kugeln heraus und waren mit dem Zellengitter verbunden. Entschlossen ergriff Beuys die kalten Gitterstäbe und nichts passierte.

Dann kam der Filzanzug. Der Kleiderbügel, der ihn trug, war mit einer Henkersschlinge an der Decke festgemacht. Der Anzug baumelte im leichten Windzug hin und her. Lange konnte Beuys seine Augen von dem Schauspiel nicht lösen.

In der nächsten Zelle lag ein Berg weißen Fetts, aus dem oben heraus nur noch das obere Ende einer Stuhllehne herausschaute. Beuys trat mit dem Fuß gegen die Zellentür. „Warum quält Ihr mich damit?“, schrie er und seine Stimme kam ihm als vielfaches Echo aus allen Zellen zurück.

Im folgenden Raum hing in der Mitte ein Heringsskelett von der Decke. Ein paar Fleischfetzen hingen nach daran, hinten klebte noch Wachspapier.

Die letzte Zelle schien komplett bis unter die Decke mit Filzrollen gefüllt zu sein. Beuys brach in Tränen aus. „Ich wollte doch nur ein guter Rasenmäher sein. Was habe ich denn verbrochen?“ Beuys bekam einen Weinanfall und musste sich auf die Erde kauern. Er schluchzte so heftig, dass ihm der Hut vom Schädel fiel und wegrollte. Das brachte ihn wieder zur Vernunft und er hörte auf zu weinen.

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