(85) Ich freue mich immer darauf, wenn das Gras endlich hoch genug ist…

von Alain Fux

Ich freue mich immer darauf, wenn das Gras endlich hoch genug ist und ich wieder auf den Rasenmäher steigen kann. Als ich das nach meinem Tod zum ersten Mal gemacht habe, war es für mich wie eine Offenbarung. Hier war eine Tätigkeit, die wegen ihrer Wiederholung dem Geist ganz andere Zugänge öffnete, als vieles andere. Ganz ausdrücklich auch Kunst. Seit ich mit der Kunst aufgehört habe und meine Kraft auf das Rasenmähen konzentrierte, bin ich ein anderer Mensch geworden. Schluss mit dem Schaffensdruck, der einen zu den seltsamsten Dingen treibt. Hier ist es ganz einfach: Eine Reihe in die eine Richtung, an der Wand kehrt links, am Zaun wieder links usw. Irgendwann ist man wieder dort abgekommen, wo man angefangen hat. Verlagerung der Spur nach links und noch einmal das Gleiche, allerdings kürzer, da um eine Spurweite zur Mitte versetzt. Bei jeder Umrundung wird die Strecke kürzer, bis am Ende nur noch ein Büschel Gras wie ein Schamhaargestrüpp aus der niedergemähten Fläche herausragt.

Hoppla, was war das? Das fühlte sich an, als ob ich mit dem Traktor über etwas gefahren bin. Oder jemanden? Ich möchte eigentlich nicht nachsehen, aber ich muss. Zur Sicherheit mache ich den Mäher aus. Augenblicklich ist es still, als ob feindliches Feuer den Motor ausgeschossen hätte.

Zwei Meter hinter dem Traktor sehe ich einen Mann liegen. Da er auf dem Bauch liegt, kann ich sein Gesicht nicht erkennen. Er trägt eine Fliegeruniform, wie seltsam. Sie qualmt auch ein bisschen. Nein, Korrektur, sie qualmt sehr viel. Aus dem Gras um den Mann herum züngeln Flammen hoch, er liegt jetzt in einem Flammenkreis.

Ohne zu überlegen, springe ich durch den Kreis und beuge mich zu dem Mann hinunter. Ich klopfe ihm auf den Rücken – er rührt sich nicht. Ich fühle seinen Puls an der Halsseite. Nichts. Der Mann ist tot. Die Flammen kommen nicht näher, scheinen nur zu beobachten. Ich drehe den Mann auf den Rücken und dann weiß ich, war um er mir bekannt vorkam. Es ist Hans Laurinck, der Flugzeugführer, mit dem ich 1944 in der Stuka abgeschossen wurde. Sein Gesicht sieht friedlich aus, aber wie kann das sein, dass ich ihn hier finde, möglicherweise habe ich ihn mit dem Mäher umgefahren? Da fällt mir auf, dass er keine Schnittwunden hat, wie es definitiv der Fall wäre, wenn ich mit dem Aufsitzmäher über ihn gefahren wäre.

Gerade als ich diese Gedanken wälze, steigen die Flammen hoch und kommen immer näher. Damals wurde ich aus dem Wrack der Ju 87 gerettet. Habe ich heute noch eine Chance oder bin ich mittlerweile aus der Zeit gefallen, wie man sagt.

Dann kracht es ganz fürchterlich hinter mir. Der Benzintank des Rasenmähers ist explodiert. Der Traktor steht in einem Feuerball. Mir wird schwarz vor den Augen.

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