(84) Nach der unschönen Geschichte im Kaufhaus wurde Ruffing von der Gruppe außer Landes gebracht.

von Alain Fux

Nach der unschönen Geschichte im Kaufhaus wurde Ruffing von der Gruppe außer Landes gebracht. Versteckt in einem Umzugswagen mit dem Hausstand einer Familie fuhr man ihn nach Cornwall.

Am Morgengrauen wurde er auf dem Parkplatz einer geschlossenen Tankstelle vor Penzance in einen PKW umgeladen. Der schweigsame Fahrer brachte ihn schließlich zur Pension von Samantha Smith, zwar in der Nähe von Porthcurno, aber doch sehr abgelegen. Samantha, eine etwas mollige, joviale Frau von Mitte Vierzig erwartete ihn mit einem Full Cornish Breakfast. Sie gehörte zur Gruppe, hatte man ihm gesagt. Ruffing war erstaunt wie groß die Gruppe war und wie gut organisiert auch kurzfristige Programmänderungen durchgeführt werden konnten. Er hoffte, dass er für längere Zeit in Cornwall bleiben würde. Vielleicht gab es ja auch die Möglichkeit, dass er sich als Arzt nützlich machen konnte.

In der Pension war es ruhig. Ruffing fragte sich, ob die Saison schon vorbei war. Immer wenn Samantha ihm noch etwas brachte, wollte er sie befragen, doch dann traute er sich nicht. Bisher hatte er immer noch alles, was er wissen musste, zur richtigen Zeit erfahren. Es gab keine Eile. Ruffing probierte noch von dem etwas verdächtig aussehenden Fleischfladen, konnte sich aber mit Konsistenz und Geschmack nicht anfreunden.

Als er die letzte Tasse Tee geleert hat, zeigte ihm Samantha sein Zimmer. Für Ruffings Geschmack etwas zu blumig und er musste kurz wieder an Thekla denken. Samantha öffnete das Fenster. Das entfernte Dröhnen eines Rasenmähers drang herein.

„Sie haben bestimmt viele Fragen, Anton“, sagte Samantha lächelnd. Sie erzählte ihm, dass es keine Touristen in ihrer Pension gab. Offiziell war sie zwar ein ganz normaler Bed & Breakfast, aber ihre Gäste kamen immer über die Gruppe. „Wenn Sie andere Gäste sehen, brauchen Sie sich nicht zu verstellen. Sie können offen sein, müssen es aber nicht. Jeder hat Verständnis dafür, dass manches unausgesprochen bleiben muss. Aber alle Gäste sind in einer ähnlichen Situation wie Sie.“ Ruffing nickte, ja, das war hilfreich. „War Elvis schon hier?“, fragte er, stoppte aber sein Lächeln, als Samantha mit den Augen rollte. „Die Frage wird wohl oft gestellt. Tut mir leid“, sagt er. „Kein Problem“, sagte sie, wieder ganz freundlich.

Der Lärm des Rasenmähers war lauter geworden. Samantha winkte Ruffing zum Fenster. „Sehen Sie den Mann auf dem Mäher? Mit dem Hut?“ Ruffing sah den Mann, der in khakifarbener Weste den Aufsitzmäher steuerte. „Das ist Joseph Beuys.“ Sie blickte Ruffing an, um zu sehen, wie er die Mitteilung aufnahm. „Der ist doch…“ setzte Ruffing an, bevor er daran dachte, dass man wahrscheinlich das Gleiche über ihn sagte.

„Genau“, bestätigte Samantha. „Jo lebt schon viele Jahre hier und niemand kann den Rasen so gut schneiden wie er. Ich glaube, für das Rasenmähen muss man geboren sein. Entweder man hat’s oder man hat’s nicht.“

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