(82) Anton Ruffings Entscheidung fiel endgültig…

von Alain Fux

Anton Ruffings Entscheidung fiel endgültig, als Thekla ihn wieder einmal bat, ihrem versoffenen Bruder Geld zu leihen.

Er fand, dass seine Hilfsbereitschaft ihm zum Verhängnis wurde. Es war nicht das erste Mal, dass er über Untertauchen nachdachte. Schon vor Jahren hatte er das Buch von Doug Richmonds (‚How to Disappear Completely and Never Be Found‘)gelesen. Jetzt war es soweit: Anton Ruffing wollte woanders neu anfangen.

Dazu nahm er über Mittelsmänner Kontakt zu einer Gruppe auf, die sich Täuschungs- und Simulations-Praxis nannte. Als Arzt fand Ruffing besondere Freude daran, dass er eine Praxis konsultierte. Das waren ja fast Kollegen, dachte er.

Es gab mehrere Treffen, bei denen seine Motivation getestet wurde. Dann bekam er Anweisungen: Er musste nach und nach Geldbeträge beiseiteschaffen, um die Flucht zu finanzieren. Diese Gelder kamen auf ein Treuhandkonto. Damit die Flucht gelingen würde, arrangierte die Gruppe eine Reihe von Zwischenstationen, durch die es für einen Ermittler schwer sein würde, seine Spur zu finden. Man riet ihm auch, seine Lebensversicherung zugunsten von Thekla aufzulösen, denn ein Versicherungsermittler würde mehr Zeit auf die Suche aufwenden, als ein Polizist. Anreize zur Verfolgung sollten ausbleiben. Ruffing überlegte kurz und ließ sich die Police auszahlen. Sollte seine Frau doch sehen, wie sie zurechtkam. Sie konnte ja bei ihrem Bruder unterkriechen.

Dann kam der Tag der Flucht, der 16.7.

In der ersten Station gab man ihm einen Job als Kaufhausclown. Das Kaufhaus, in dem er arbeitete, organisierte jedes Jahr in den Sommermonaten Freizeitaktivitäten für Kinder, die nicht in Ferien fahren konnten. Es gab Zeichenwettbewerbe, Ballons wurden modelliert, Aschenbecher getöpfert usw. Ruffing sollte den Clown machen. Er weigerte sich. Die Gruppe sagte ihm, dass es keine andere Stelle gab, außer der eines Ballonmodellierers, für die Ruffing aber keine Qualifizierung hatte. Anderenfalls konnte er gerne auch nach Hause zurückkehren. Ruffing überlegte, dass ihn gerade das zu einem Clown machte, und willigte schließlich ein.

Es war die Hölle. Ruffing hatte eigene Vorstellungen davon, was ein Clown machen sollte. Keine davon ließ sich allerdings mit seiner Person vereinbaren. Er musste daran arbeiten, um Aspekte von sich so einzusetzen, dass sie clownstauglich waren. Sein Clown war ein stummer Clown, denn Ruffing mochte nicht wie ein Clown reden, es war unter seiner Würde. Dann wollte er auch ein trauriger Clown sein, denn das Lachen war ihm vergangen. Dann hatte er eine Erleuchtung: Sein Clown würde ein Pierrot sein. Das war die Lösung, um Amt und Würde zu vereinen. Sein Vorschlag wurde allerdings von der Kaufhausleitung abgelehnt, man bestand auf einem lauten, quäkenden August. Ruffing hatte keine Wahl. Nicht einmal bei der Größe der überdimensionierten Fliege: Die Geschäftsleitung bestand auf XXL.

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