(81) Wer hat den Toten im Hummerkostüm gefunden?

von Alain Fux

„Wer hat den Toten im Hummerkostüm gefunden?“ Kommissar Siegfried Uhlenberg beobachtete den Gerichtsmediziner Arved Kuhlmann bei der Arbeit. „Das war Herr Mehlan, Fritz Mehlan, der Besitzer des Hotels“, antwortete Kuhlmann und deutete mit seiner Pinzette auf einen Mann am anderen Ende des Pools. Mehlan hielt sein Handy ans Ohr gepresst und ging auf und ab. „Schon irgendwelche Erkenntnisse?“ – „Er war noch lebendig, als er ins Wasser gelangte. Ganz nach Hummerart. Bisher habe ich keine Fremdeinwirkung festgestellt. Tippe auf Ertrinken.“

Uhlenberg wartete, bis Mehlan mit Telefonieren fertig war, und ging dann zu ihm. Der Hotelbesitzer erklärte, dass er jeden Morgen einen Rundgang durch das Anwesen machte und dabei die Leiche im Lobsterkostüm im Swimmingpool entdeckt hatte. Der Tote war ein Gast, Martin Balzer. „War es sein Kostüm? Haben Sie gerade eine Veranstaltung für Lobsterliebhaber im Hotel?“ – „Nein, das Kostüm gehört dem Hotel. Wir hatten mal Darbietungen des Personals in Lobsterkostümen. Er muss den Anzug irgendwo gefunden haben. Es ist eine Katastrophe für das Hotel! Lobster sind unsere Spezialität.“ Uhlenberg nickte und dachte, dass die Welt der Reichen unbekanntes Terrain für ihn war.

Der Obduktionsbericht würde mehr ergeben. Tote Lobster waren in seiner Berufspraxis völlig neu, allerdings hatte er oft mit Menschen zu tun, die im Rausch verrückte Dinge taten.

Das traf aber bestimmt nicht auf Anton Ruffing zu, dessen Foto er aus seiner Innentasche zog und Mehlan vor die Nase hielt. „Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?“ Mehlan schaute genau hin und schüttelte den Kopf. „Meinen Sie, der hat etwas mit dem toten Lobster zu tun?“ – „Nein, das glaube ich nicht, der Herr ist Vegetarier. Völlig anderer Fall. Der Mann ist verschwunden und wenn ich schon mal hier bin, kann ich Sie auch danach fragen.“

Anton Ruffing war ein sechzigjähriger Hausarzt aus der nächsten kleinen Stadt. Vor einer Woche war er einfach verschwunden, kam nicht von seinen Hausvisiten zurück. Überwachungskameras hatten ihn noch an Bankautomaten gefilmt, wo er einen größeren Geldbetrag abgehoben hatte. Es war aber nicht klar, ob er das freiwillig oder unter Druck getan hatte. Uhlenberg hatte beim Sichten der Bankdaten gesehen, dass es über die letzten zwei Monate eine ganze Reihe von derartigen Abhebungen gegeben hatte. Ruffings Frau Thekla konnte diese auch nicht erklären. Eine Geliebte schloss sie aus. Überhaupt war Ruffing ein Muster an Mustermensch. Er trank nicht, rauchte nicht, war überall beliebt, leitete den Männerchor der Gemeinde und, und, und. Vielleicht war ihm seine Hilfsbereitschaft zum Verhängnis geworden, das war eine Mutmaßung, die Uhlenberg mehrfach hörte. Jemand bat ihn um Hilfe, Ruffing tat genau das und dann schnappte die Falle zu.

Uhlenberg erklärte Mehlan, dass der Pool bis zum Ende der Spurensuche geschlossen sein würde. Dann verlangte er, Balzers Zimmer zu sehen. Mehlan sollte auch die Kollegen des Toten in einem Raum zusammenbringen, damit er sie im Anschluss befragen konnte. „Das ist kein Problem. Kann ich Sie um eines bitten, Herr Kommissar? Könnten Sie es vermeiden, der Presse mitzuteilen, dass der Tote ein Lobsterkostüm trug?“ Uhlenberg fand die Bitte eigentlich lustig, versprach aber sein Bestes zu tun.

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