(78) Hanno Stein stand vor dem Flipchart, auf dem er seine Grundsätze aufgeschrieben hatte.

von Alain Fux

Hanno Stein stand vor dem Flipchart, auf dem er seine Grundsätze aufgeschrieben hatte. Die Gruppe, die sich vor ihm in ihren Stühlen fläzte, schien gelangweilt. Zivilisten, dachte er verächtlich, ließ sich aber nichts anmerken. Er setzte die Füße zwanzig Zentimeter auseinander, nahm die Hände auf den Rücken und kam zur Zusammenfassung seines Vortrags.

„Meine Damen und Herren. Ein Team ist wie eine Kette, die immer nur so stark ist, wie ihr schwächstes Glied. Entweder es gelingt, dieses Glied zu verstärken, oder es muss aus der Gruppe ausgeschlossen werden. Manchmal ist es besser, weniger, aber gute Leute zu haben, als viele, von denen einige nicht auf der Höhe ist. Nur so können taktische Aktionen durchgeführt werden. Ich erinnere daran, dass die Taktik darin besteht, dass Befehle umgesetzt werden. Und was ist ein Befehl? Das ist die Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, die vom Vorgesetzten schriftlich, mündlich oder in anderer Weise, allgemein oder für den Einzelfall und mit dem Anspruch auf Gehorsam erteilt wird. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass es einen Anspruch auf Gehorsam gibt. Immer. Außer bei einem Nichtbefehl, aber das sollte uns hier nicht weiter beschäftigen.“

Hanno Stein wippte auf den Zehenballen und fühlte sich von seiner Zuhörerschaft angeekelt. Es war widerlich, dass er nach dem Ausscheiden aus dem Heer sein Geld mit solchen demütigenden Kursen verdienen musste. Für solche Memmen hatte er sein Leben aufs Spiel gesetzt? War es das wert gewesen? Egal, er hatte den Auftrag angenommen und er würde auch dieses Seminar zu Ende bringen. Hoffentlich ohne Verluste.

„Und hier, meine Damen und Herren, ist die zentrale Botschaft meines Seminars. Wenn es diesen bedingungslosen Gehorsam gibt, dann haben wir kein Thema mit Motivation. Dann sind wir alle motiviert und tun alles, was wir tun müssen, um die Taktik umzusetzen. Deshalb: Wer gehorsam Befehle ausführt, der ist motiviert. Wer aufmuckt, hat nichts im Team verloren. Ja?“

Martin Balzer, der Technikchef hatte den Finger gehoben. „Ich bin überzeugt, dass man mit Ihrer Vorgehensweise ganze Regimenter in den Tod schicken kann, aber in einem Unternehmen hat das nichts verloren.“

Es war still im Seminarraum. Stein beobachtete seine Zuhörer mit zusammengekniffenen Lippen. Heidi Strömer, dieser blonde Marilyn-Verschnitt nickte Balzer wimpernklimpernd zu. Keiner hatte etwas hinzuzufügen.

„Herr… Balzer“, antwortete Stein, nachdem er auf das Namenschild auf Balzers Pulli geschaut hatte, „ich bin froh, dass Sie diese Frage stellen, denn sie illustriert vorzüglich, was ich eben gesagt habe. Ihre Fragestellung unterminiert die Bereitschaft des ganzen Teams, die taktischen Vorgaben umzusetzen. Ich sage, wo es lang geht und Sie sperren sich dagegen. Sie sind daher das schwächste Glied in dieser Gruppe und daher müssen Sie sich fragen, was zum Teufel Sie in dieser Gruppe verloren haben.“ Aus den Augenwinkeln bemerkte Stein, wie Tollkamp, der Chef der Gruppe, sein Gesicht in den Händen vergrub. Ein Waschlappen, dachte Stein. Kein Wunder, dass die Gruppe ratsuchend zu ihm gekommen war.

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