Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Mai, 2017

(102) Michaela war ein Drag King…

Michaela war ein Drag King, aber noch nicht bereit, sich gegenüber ihren Eltern zu outen. Sie hatte überlegt, dass sie die Pistole in ihr Outfit einbauen könnte. Dann hätte sie ihrer Mutter aber gestehen müssen, welches Outfit sie meinte und dann würde sie irgendwann sagen müssen, was Sache war. Dazu war noch nicht die Zeit gekommen. Andererseits wollte sie damit auch nicht warten, bis sie Arthrose im Knie hatte.

Sie legte das Telefon auf und betrachtete sich im Spiegel. Sie trug Cowboystiefel, Jeans mit Chaps darüber, ein kariertes Hemd mit Lederweste und einen Stetson. Der Bart war angeklebt. Ihre Brüste lagen unter dem Kompressionsshirt eng an. Als Cowboy nannte sie sich Mika. Tagsüber arbeitete sie in einer Versicherung und kümmerte sich um dubiose Brandfälle, allerdings nur vom Schreibtisch aus. An mehreren Abenden in der Woche wurde sie zu Mika. Auf einer Kleinkunstbühne gab sie zwei- oder dreimal im Monat eine Darbietung als Countrysänger. Sie hatte damit Erfolg, verdiente sogar etwas Geld damit. Eines Tages würde sie den Sprung vielleicht wagen und nur noch von ihren Auftritten leben. Sie war sich selbst nicht im Klaren, ob ihr Abwarten mit ihren Eltern oder mit ihrem Mangel an Mut im Allgemeinen zu tun hatte.

Fragen zu ihrer sexuellen Ausrichtung konnte Mika mit einem Satz beantworten: „Es ist kompliziert.“ Als Frau gekleidet mochte sie Männer. Als Drag King hatte sie mehr Interesse an Frauen. Manchmal traf es sich, dass sie als Mika eine Frau traf, die die Verkleidung nicht durchschaute und Michaela versuchte dann zu testen, wie weit sie gehen konnte.

Einmal hatte Michaela Sporen gekauft, die sie an ihren Cowboystiefeln befestigte. Durch das metallische Scheppern beim Gehen fühlte sie sich besonders männlich. Als sie sich in einer Bar an den Tresen setzte, kam sie sich vor wie John Wayne. Erst als sie ein Corona bestellt hatte, bemerkte sie, dass eine große blonde Frau neben ihr saß. Die Frau trug einen Jeansrock zu roten High Heels und schien Mika über den Barspiegel zu beobachten. Mika war sich nicht sicher, denn es war recht dunkel an der Bar. Als der Bartender das Bier vor Mika abgestellt hatte, hob sie die Flasche und prostete ihrer Nachbarin im Spiegel zu. Das brach das Eis und sie waren schnell im Gespräch.

Die Frau hieß Donna und sagte, dass sie auf Geschäftsreise in der Stadt sei. Werbebranche. Mika nickte und schob den Stetson etwas weiter ins Genick. Schon allein am Vorbild ihres Vaters hatte sie die Erfahrung, dass man als Mann eher weniger sagte. Donna hingegenredete viel. „Was machst du so, wenn du nicht das Vieh durch die Prärie treibst?“, fragte Donna. Mika hatte an dem Abend noch einen kurzen Auftritt als Countrysänger in diesem Club und sagte selbstbewusst: „Ich bin Countrysänger.“ Donna war ein großer Fan von Country-Musik und fragte, welche Art von Songs Mika zum besten gab. „Ich habe gleich noch einen Auftritt hier. Und für dich werde ich ‚Ring of Fire‘ singen.“

Als Mika später auf der kleinen Bühne stand, kündigte sie an: „Und der nächste Song ist für Donna, die Lady an der Bar. Ring of Fire.“

(101) Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt.

Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt. Wenn alles am richtigen Platz war und sauber glänzte, dann war die Welt für sie in Ordnung. Sie hatte zwei Ablenkungen: das Radio und das Telefonieren. Aber sie konnte alles gleichzeitig erledigen. Zum Beispiel bereitete es ihr keine Probleme, gleichzeitig den Boden in der Küche zu schrubben, Radio zu hören und dabei zu telefonieren. Den Hörer klemmte sie zwischen Schulter und Ohr, um die Hände frei zu haben. Das Einzige, was sie in ihrem Leben nicht geordnet bekam, war ihr Mann Hubert. Wenn er da war, saß er nur in seinem Sessel und schwieg. Versuche, mit ihm ein Gespräch zu führen, waren sinnlos. Deshalb war Hedda auch froh, dass er meistens nicht da war.

Gerade stand sie in der Küche und telefonierte mit ihrer Tochter Michaela. „Wie geht es Vater?“, fragte Michaela. „Keine Ahnung. Du weißt, dass dein Vater nicht redet. Ich glaube, schon seit Jahren nicht mehr. Ich frage mich, ob er es noch kann.“ – „Du übertreibst Mutter. Vater ist halt keine Quatschbacke.“ – „Weiß Gott nicht. Wusstest du, dass er eine Pistole besitzt?“ – „Vater? Unmöglich.“ – „Doch, ich habe sie gefunden, unten in seinem Nachtkasten, hinter den Westernromanen. Die muss schon sehr alt sein. Auf jeden Fall war sie komplett klebrig und fettig. Ich bin gerade dabei, sie zu reinigen.“ – „Mutter! Pistolen reinigt man nicht! Was ist, wenn sie geladen ist?“ – „Nee, ist sie nicht, ich habe reingeschaut, da war nix. Dann habe ich auch noch mal abgedrückt, zur Sicherheit. Bin ja nicht blöde.“ – „Und jetzt?“ – „Na was wohl? Pril macht volle Arbeit. Da war aber auch eine schwarze Brühe drin, meine Herren. Die hat er wohl von der Armee mitgehen lassen. Er war früher ein schlimmer Finger und klaute viel.“ – „Das wusste ich gar nicht.“ – „Ist auch nichts, worüber man in der Öffentlichkeit redet. Naja, er ist ja jetzt auch sehr ruhig geworden. Aber früher, da war er schon ein richtiges Alphatier. Deshalb war ich ihm auch verfallen.“ – „Ja gut, Mutter. Ich muss jetzt los. Aber glaubst Du nicht, dass er es nicht gut finden wird, dass du seine Pistole reinigst? Die gehören ölig und verfettet.“ – „Das mag sein, aber dann soll er das Ding nicht in den Nachtkasten legen. Ich kümmere mich nicht um seinen Werkzeugkasten, da hätte er es hinlegen sollen. Wenn es im Nachtkasten ist, dann sorge ich dafür, dass es sauber wird.“ – „Klingt beeindruckend, Mutter. Vielleicht kannst du deine Dienste ja auch der Mafia anbieten. Du wärst ideal, um Leichen zu beseitigen.“ – „Das ist zwar makaber, Michaela, aber so eine Leiche besteht ja auch nur aus Wasser und Fett. Und damit schlage ich mich rum, seit ich deinen Vater geheiratet hab.“ – „Grüß Vater von mir. Und versteck die Pistole, dass er sie nicht gleich sieht. Das wird dir Ärger ersparen.“ – „In meinem Alter ärgert mich keiner mehr. Wer einmal Arthrose im Knie hat, der sieht viele Dinge gelassener.“

(100) Es war dunkel geworden…

Es war dunkel geworden und die Autos fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern die breite Straße entlang. Gotthilf Mertins mochte diese Stimmung, auch wenn es bald Zeit sein würde, nach Hause zu gehen. Neben ihm auf der Bank saß sein langjähriger Freund Hubert Holtz. Die beiden Rentner trafen sich an jedem Tag an dieser Stelle und das sogar zweimal am Tag: einmal vor dem Mittagessen und einmal am Abend. Viel zu reden gab es nicht, sie saßen beide nur da und hingen ihren Gedanken nach.

Gotthilf dachte an Daniela, seine Schwiegertochter, bald Ex-Schwiegertochter. Das war schade. Er hatte sie immer gemocht. Er hatte sie sogar mehr gemocht als schicklich für einen Schwiegervater. Aber er war immer sauber geblieben, hatte sich nichts anmerken lassen. Auch jetzt, nach ihrer Trennung von Hugo, hatte Gotthilf nichts unternommen. Es hätte alles sehr viel komplizierter gemacht. Hugo war ein Dummkopf, Daniela wegen dieser hirnlosen Unterwäscheverkäuferin Karin zu verlassen. Diese Karin hatte Gotthilf von oben herab beghandelt, nicht so warmherzig wie Daniela war.

Hugos schwanzgesteuertes Benehmen war einfach nur peinlich. Das hatte er nicht von Gotthilf. In der Ehe mit Hugos Mutter war Gotthilf immer absolut treu gewesen und auch später, gab es kaum etwas, für das er sich schämen musste. Hugo hatte erzählt, dass Daniela sogar eine Schönheitsoperation hatte machen lassen. Als ob sie das nötig gehabt hätte. Sie sah schon immer richtig scharf aus. Hugo hatte die Operation nicht gefallen, aber nicht ausgeführt warum. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass er einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht sollte Gotthilf sich mal mit Daniela treffen… Zumindest könnte er sich ein Urteil bilden. Hoffentlich würde sie dann nicht glauben, dass Hugo ihn geschickt hatte. Wäre aber auch unwahrscheinlich, denn Hugo nahm für kein Geld der Welt den Rat oder die Hilfe seines Vaters an. Dabei hatte Gotthilf sehr viele Opfer gebracht, damit Hugo vernünftig aufwachsen und studieren konnte. Und jetzt sah er ihn nur sporadisch.

Hubert saß wie immer mit zusammengepressten Lippen am anderen Ende der Bank. Er hatte eine Tochter, mit der auch er nur wenig Kontakt hatte. Huberts Frau musste eine Megäre sein, zumindest nach den wenigen Worten, die Hubert jemals über sie verloren hatte. Und warum saß er sonst jeden Tag mit Gotthilf auf dieser Bank, wenn er eine angenehme Zeit mit seiner Frau verbringen könnte? Gotthilf würde auf jeden Fall lieber mit einer Frau zu Hause sitzen als auf der Bank. Daniela. Was sie wohl an sich hatte machen lassen? Vielleicht ein größerer Busen, um Hugo herumzukriegen. War Hugo ein Busenmann? Gotthilf wusste auch das nicht über seinen Sohn. Er selbst hatte nichts gegen einen festen Busen einzuwenden, die Größe war zweitrangig. Er stellte sich vor, wie er Daniela die Hände auf ihre nackten, festen Brüste legte und wie er ihre harten Nippel unter seinen Fingerkuppen spürte. Zufrieden stellte er fest, dass sein Schwanz bei den Gedanken härter wurde. Er beschloss, Daniela morgen anzurufen. Und wenn es Chaos deswegen geben sollte, dann sei es drum. Er war ein alter Mann und man konnte nicht mehr von ihm erwarten, dass er immer nur vernünftig blieb.

(99) Warum liebst du mich nicht mehr?

„Warum liebst du mich nicht mehr?“, hatte sie ihn gefragt. „Aber ich liebe dich doch“, hatte er geantwortet. Es lag an ihr, dass er sie verlassen hatte. Daniela Mertins musste etwas tun, um ihren Ehemann Hugo zurückzugewinnen. Er hatte zwar eine Freundin, Karin, aber das war nur vorübergehend, sagte sich Daniela. Sie hatte die Freundin beobachtet, die einen Unterwäscheladen führte, ‚Karins Dessous‘. Wie abgeschmackt war das denn? Daniela war sogar in das Geschäft hineingegangen und hatte sich von ihrer Konkurrentin beraten lassen. Karin war etwas einfach im Kopf, fand Daniela. Das würde Hugo früher oder später nerven. Aber Karin war äußerlich ansprechend. Vielleicht zwei oder drei Jahre jünger, dafür volle Lippen, glatte Gesichtshaut und ein straffes Kinn.

Daniela hatte nichts gekauft. Als sie wieder zu Hause war, stellte sie sich vor den Spiegel und verglich sich mit ihrer Erinnerung von Karin.

Am nächsten Tag ging sie zu einem Schönheitschirurgen. Als sie im Wartezimmer saß, wunderte sie sich über sich selbst, denn das hätte sie nicht von sich erwartet. Der Arzt machte Vorschläge und gab ihr eine Idee, wie sie nach einem Eingriff aussehen könnte. Daniela zögerte und er riet ihr, die Entscheidung sorgsam zu überdenken. Am besten, empfahl er ihr, sollte sie auch mit ihrem Mann darüber sprechen. „Schnelle und unvorhergesehene Veränderungen können der Partnerschaft abträglich sein“, mahnte er.

Nach dem Arzttermin ging sie noch einmal im Dessous-Laden und kaufte von Karin einen figurformenden, aber doch verführerischen Body. Zu Hause zog sie ihn an und darüber das blaue Abendkleid, das Hugo so gut gefiel. Sie ging in die innere Beratung und am nächsten Morgen hatte sie beschlossen, den Empfehlungen des Arztes zu folgen.

Zwei Wochen später fand der Eingriff statt. Alles verlief nach Plan und Daniela fuhr für zwei Wochen in eine Kurklinik, weil sie nicht wollte, dass Bekannte sie mit den Spuren des Eingriffs sehen konnten. Der Arzt war zufrieden mit seinem Werk und, als sie wieder zu Hause war, zog sie wieder das Abendkleid mit dem neuen Body darunter an und setzte sich vor den Spiegel. Ihre Lippen waren schön prall, ohne dass es unnatürlich wirkte, fand sie. Sie hob den Kopf und streichelte mit der Hand an ihrem Hals entlang. Im Profil schaute sie auf ihr neues Kinn und drehte den Kopf hin und her. Sie sah sich selbst etwas fremd aus im Spiegel, aber insgesamt war sie rundum zufrieden, mit dem, was sie sah. Vielleicht war das alles eine glückliche Fügung des Schicksals, eine Episode, die ihr am Ende doch zu ihrem Glück verhelfen würde.

Der Köder war bereit. Jetzt musste sie noch Hugo wieder einfangen. Sie schickte ihm eine E-Mail, in der sie sagte, dass sie ihn treffen wolle. Sie wollte ihn nicht anrufen, damit er nicht in der ersten Reaktion Nein sagen konnte. Eine E-Mail war besser, weil er erst einmal nachdenken konnte, wie er antworten würde. Er musste eine Nacht darüber geschlafen haben, denn am nächsten Tag kam seine Antwort und er sagte, dass er sich freute, sie wieder zu sehen.

Sie verabredeten sich in einem Restaurant, in dem sie beide noch nicht waren. Das war wichtig für einen möglichen Neuanfang, dachte sie. Sie war vor ihm da und setzte sich mit dem Rücken zum Eingang. Sie wollte seine Reaktion genau beobachten, wenn er die Veränderungen sehen würde. Zuerst hörte sie seine Stimme, die nach dem reservierten Tisch fragte. Dann seine Schritte hinter ihr. Als er vor ihr stand und zu ihr hinunter sah, veränderte sich sein Lächeln in Erstaunen, aber kein positives.

„Gefalle ich dir?“, fragte sie schließlich. „Du bist geschmacklos“, antwortete er.

(98) Masahito setzte sich in die Seiza Sitzposition…

Masahito setzte sich in die Seiza Sitzposition und legte seinen rechten großen Zeh über den linken. Vor ihm saß Nobuko in der gleichen Position vor ihm. Sie schauten sich an. Wenn Masahito nicht bei Nobuko weilte, verzehrte er sich nach dem Anblick ihres Gesichts. Wenn er sich einmal in ihre dunklen Augen vertieft hatte, war er wie ein Taucher, der nie wieder die Oberfläche des Wassers nach oben durchstechen wollte. Wenn sie ihn anlächelte, so wie sie es jetzt tat, dann hatte sie ganz kleine zauberhafte Falten unter den Augen. Der Bogen ihrer Augenlider war perfekt geschwungen mit seinem höchsten Punkt etwas ein Drittel von dem mittleren Ende entfernt. Die Augenbrauen harmonierten perfekt mit dem Schwung ihrer Augenlider.

Was Masahito auch an Nobuko schätze, waren ihre Wangenknochen, die genau die richtige Präsenz hatten: nicht zu aufdringlich und nicht zu verwischt. Auch hier war der Schwung der Wangenknochen völlig synchron mit den Ausläufern ihrer Nasenflügel. Wenn sie lachte, waren ihre Lippen in ihrer Fülle und ihrem Schwung völlig mit allem anderen in ihrem Gesicht im Einklang. Es war, als ob sich Masahito beim Anblick seiner Geliebten Nobuko die Harmonielehre der Welt erschloss.

Neben dem tiefen Frieden, der ihn in diesem Augenblick durchfloss, verspürte er im Ansatz auch die Traurigkeit, diesen Augenblick nicht erhalten zu können. Bald würde er von Nobuko Abschied nehmen müssen, um nach Hause zu seiner Frau Asami zu gehen. Die Kosten für die zweite Wohnung, die er Nobuko zur Verfügung stellte, waren eine Extravaganz, die er sich nicht ewig würde erlauben können. Deshalb war es noch schmerzhafter, bei jedem Jauchzer des Willkommens seiner Seele gleichzeit auch den Abschied mitschwingen zu fühlen. Masahito verdrängte den Gedanken und schaute stattdessen noch genauer hin.

Er sah Nobukos Puls an ihrer Halsschlagader. Im Takt ihres jungen Lebens. Als ob sie die Zeit bis zu seinem Abschied vermaß.

Gerade wollten sich seine Augen mit Tränen füllen, als ein Luftzug hinter ihm das Öffnen der Tür bekundete. Nobukos Augen weiteten sich und ihr Puls wurde stärker. Masahito spürte, dass jemand hinter ihm stand. Als er einen Hauch von Chanel N°5 in die Nase bekam, wusste er, dass Asami hinter ihm stand. Nobuko schaute von Asami zu Masahito und wieder zurück. Aber sie bewahrte ihre äußere Ruhe, stellte Masahito mit Genugtuung fest. Auch seine Frau, so spürte er, bewegte sich nicht. Es war eine starre Komposition mit Masahito und Nobuko sich in Kimonos gegenüber sitzend und seine Frau stehend in der Tür, wahrscheinlich in Straßenkleidung. Asami schien alles zu beobachten. Es war gemessen an der Ewigkeit nur ein Nichts von Augenblick, aber sein Gewicht hinterließ Spuren im Gewebe der Zeit.

Dann war der Luftzug weg, der Duft von Parfüm stand noch kurz in der Luft. Asami war wieder gegangen. Nobuko schaute nur mehr auf Masahito. Eine Träne bildete sich in jedem von seinen Augen. Nobuko war so schön dass Masahito sich vor ihr wie ein endlos dehnbarer Wassertropfen ausbreiten und verdampfen könnte.

(97) Ihr Großvater hatte die Großmutter bei ihren Eltern gestohlen.

Ihr Großvater hatte die Großmutter bei ihren Eltern gestohlen. So ging die Familienlegende, aber ihr Großvater starb, als sie drei war und so konnte Nicole nicht mehr überprüfen, ob die Geschichte sich wirklich so zugetragen hatte. Alles was sie an ihren Großvater erinnerte, war das alte Schwarz-Weiß-Foto eines ernsten jungen Mannes, der mit seinem Schnurrbart entfernt an Errol Flynn erinnerte. Er sah wirklich gut aus. Ebenso wie die Großmutter. Nicole glaubte, dass sie die Schönheit der beiden Großeltern mütterlicherseits geerbt hatte. Das konnte sie keinem erzählen, weil es nach Prahlerei klang. Vor allem den Mädels konnte sie es nicht erzählen, denn das würde irgendwann wieder gegen sie verwendet werden. So wie diese Schlange Nicki, die eine Zufallsbegegnung am Parkplatz ausschlachtete, um sich bei Janine einzuschleimen.

Nicole mochte Carlo sehr gerne, aber sie war sich nicht sicher, ob sie die Beziehung weiterführen wollte. War er der Richtige? Sollte er der Vater ihrer Kinder werden?

An einer Stelle auf der Wange war das Foto ihres Großvaters so scharf, dass sie einzelne Bartstoppel erkennen konnte.

Das waren noch Zeiten, als zwar nicht alles möglich war, aber wo es doch Möglichkeiten gab, wie man trotzdem etwas erreichen konnte. Ihre Großmutter hatte nicht die Freiheit gehabt, von Zuhause wegzulaufen, um den Großvater zu heiraten – das hätten ihre Eltern nicht zugelassen. Aber die Großmutter hatte sich nicht damit abgefunden: Großvater entführte sie kurzerhand. Und das war damals ok. Es gab keinen Fernsehsender, der live von der Suche nach ihr berichtet hätte. Die Eltern der Großmutter waren nicht glücklich über die Entführung, aber sie gaben keine Pressekonferenz dazu und sie schalteten ihres Wissens auch nicht die Polizei ein. Die Liebe findet immer einen Weg, dachte Nicole wehmütig. Sie stellt den Fotorahmen mit dem Bild ihres Großvaters wieder zurück auf ihren Nachttisch. Vielleicht sollte sie sich ein Foto von Carlo daneben stellen. Sie stellte sich vor, wie ihr Großvater in der Nacht Carlo zu sich in den Fotorahmen bitten würde, um ihn dann zu testen und zu sehen, welche Absichten Carlo mit ihr hatte. Und am nächsten Tag würde der Großvater ihr davon berichten. Vielleicht würde er Carlo auch den Rat geben, Nicole zu entführen. Egal wohin, nur weg. Das wäre schön.

Nicole fragte sich, ob sie noch einmal zu den Mädelsabenden hingehen sollte. Die Quälerei war wie früher im Pausenhof, nur jetzt hatte sie die Wahl, einfach nicht mehr hinzugehen.

Diesen Gedanken wälzte Nicole hin und her, bis sie schließlich einschlief. In ihrem Traum verjagte ihr Großvater zuerst Janine und Nicki. Er hatte die Flinte in der Hand, die ihm gehörte und jetzt unten über dem Kamin hing. Sie flohen vor ihm. Das war gut. Dann richtete er aber die Flinte auch gegen Carlo, der reingekommen war, als die Mädels wegliefen. Aber Carlo, so freute sie sich, ließ sich nicht einschüchtern. Sie hoffte, dass es zu keinem Streit zwischen Carlo und ihrem Großvater kommen würde. Und tatsächlich, ihr Großvater hängte das Gewehr wieder an seinen Platz und ging in den Hinterhof hinaus, um eine Zigarre zu rauchen. Vielleicht auch, um ein Huhn zu schlachten, zur Feier des Tages.

Sie war jetzt mit Carlo allein. Als sie ihn ganz genau beobachtete, schien sein Gesicht vor ihren Augen zu zerfließen. Er veränderte sich und dann sah er aus wie ein Asiat. Wahrscheinlich ein Japaner, dachte sie noch.

(96) Heute war Nicole fällig, hatte sich Janine vorgenommen.

Heute war Nicole fällig, hatte sich Janine vorgenommen. Es war Mädelsabend und der beste Moment für eine denkwürdige Abreibung. Was dachte diese Frau sich dabei, mit einem inakzeptablen Mann knutschend in einem Wagen zu sitzen. Ohne dass sie es vorher erzählt hatte. Auch dann wäre Janine nicht einverstanden gewesen, aber man hätte wenigstens sprechen können, ohne dass vollendete Tatsachen geschaffen wurden. Nicki Huck, Janines allerbeste Freundin, hatte Nicole Nickel gesehen. Nicki war aus denselben Gründen an diesem Ort gewesen. Einem Parkplatz mit Aussicht, wie Janine ihn nannte und schätzte, denn auch sie erlaubte es manchem Mann gemeinsam mit ihr seinen Wagen dort einzuparken. Aber Nicki hatte darüber vorher berichtet und natürlich gab es kein Problem. Denn Nicki war loyal. Genau, das war es. Nicki war Janine und den anderen Mädels gegenüber loyal. Und tat, was man ihr sagte. Heute Abend, das hatte Janine mit Nicki abgesprochen, würde Janine den ersten Schuss abgeben. Nicole würde sich natürlich winden, alles versuchen abzustreiten. Die Ahnungslose geben, wie immer. Wo soll das gewesen sein? Nein, da musst du dich täuschen. Mit wem sollte ich auch dahin gehen…

Alle diese Ausreden, bei denen sich Janine die Ohren verschlossen und bei denen sie nur mehr das Rauschen ihres eigenen Blutflusses hören konnte. Aber dann, gerade wenn Nicole glaubte, dass man ihr nichts anhaben konnte, würde Janine Nicki in den Zeugenstand rufen. Nicki würde erzählen, was sie gesehen hatte. Ganz sachlich. Nicki konnte der kleinen Schlampe sogar die Farbe der Unterhose ihres Typen auf den Kopf zusagen. Vielleicht war das alleine nicht überzeugend, denn wahrscheinlich hatte sich nicht einmal Nicole die Farbe gemerkt. Aber es war ein guter Move, denn Nicole würde sehen, dass ihr Typ bis auf die Unterhose durchschaut war. Genau wie sie, diese kleine Missgeburt.

Zum Mädelsabend kommen und an allem teilhaben, aber nichts in die Gemeinschaft zurückgeben. Wenn sie einen neuen Freund hatte, sollte sie zumindest die Meinung oder das Urteil der Gruppe einholen, bevor sie sich auf dem Parkplatz unter Umständen sogar schwängern ließ von einem Mann, der braune Unterhosen trug. Braun… Janine schüttelte den Kopf. Warum nicht gleich moosgrün, dachte sie.

Die Uhr am Armaturenbrett zeigte zwanzig nach acht. Mittlerweile würden alle Mädels im Lokal eingetroffen sein und Janine konnte ihr Entree geben. Sie warf die fast ausgerauchte Zigarette auf den Asphalt, schloss das Fenster und zog den Zündschlüssel ab, der das Autoradio ausschaltete.

Showtime, dachte sie und schob sich die Sonnenbrille nach oben in die Haare.

(95) Auf dem Schild stand in schwarzen Lettern ‚Es wird alles noch schlimmer werden!‘

Auf dem Schild stand in schwarzen Lettern ‚Es wird alles noch schlimmer werden!‘ Der Mann mit dem Pepitahut und dem grauen buschigen Schnurrbart trug zwei identische weiße Schilder, eines vorne und eines hinten. Vor der Bushaltestelle blieb er kurz stehen und schaute Walon an. Walon bemerkte ihn aber nicht und starrte stur auf den Boden. Der Mann zuckte mit den Schultern und kam über die Straße herüber. Der Regen schien ihm nichts auszumachen.

„Nun ja“, sagte er, „schade für Walon. Aber er wird sein Gewicht noch in die Waagschale werfen, wie man so sagt.“

Der Mann lächelte etwas unsicher wegen des offensichtlich schlechten Witzes.

„Kommen wir jetzt zu etwas ganz anderem. Drüben im Osten, da gab es diese Frau. Valeria Stantz. Zumindest war das der Name, den ihre Eltern ihr gaben. Sie selbst nannte sich ‚Janine‘. Wo ich herkomme, würde kein Mensch sich so nennen. Aber vieles machte keinen Sinn für mich. Deshalb fand ich es ja auch so interessant. Aber mal ehrlich, so viel weiß ich nicht, dass ich der Spezialist wäre. Wenn ich sage, es ist interessant, dann kann das für jeden anderen Pillepalle sein. Wie sagte mal einer: Ich bin noch keiner Königin im Schlüpper begegnet. Also es geht hier um Janine und ich will ihre Geschichte erzählen, damit mir keiner sagen kann, dass er um diese Erfahrung betrogen wurde. Die Geschichte ist schon ein paar Jahre alt, aber das sind die meisten Geschichten immer. Im Grunde haben die Höhlenmenschen diese Geschichten schon erzählt, auch wenn es damals keinen Jacuzzi oder keinen Toaster gab in der Höhle. Also noch mal. Es geht um Janine. Sie ist die Kernfigur dieser Geschichte. Heldin würde ich nicht sagen, denn was ist auch schon eine Heldin, oder? Aber manchmal ist da eine Frau, und ich rede jetzt über Janine. Sie ist die Frau, die perfekt in ihre Zeit und an ihren Platz passt. Wie die Faust aufs Auge.

Und auch wenn sie eine ganz schreckliche Zicke ist. Und das war Janine ohne Zweifel. Sie war wahrscheinlich die größte Zicke im Umkreis von hundert Kilometern. Aber, manchmal ist da eine Frau. Und diese Frau…“

Der Mann stemmte die Hände in die Hüften und schaute den Regentropfen zu, wie sie beim Aufprall immer noch ein paar Zentimeter wieder in die Höhe sprangen.

„Verdammt, jetzt habe ich den Faden verloren.“

Hinter ihm fuhr ein Bus vor die Haltestelle, blieb stehen und Walon Berry stieg ein. Bevor er sich setzten konnte, fuhr der Bus los und Walon musste sich festhalten, damit er nicht kopfüber in den Gang flog.

Die Regentropfen perlten dem Mann über den Rand des Pepitahutes auf die Schultern und dann auf die Erde. Der buschige Schnurrbart hatte sich ebenfalls mit Wasser vollgesogen.

„Ich komm‘ nicht mehr drauf, was ich noch sagen wollte. Dieser Scheißregen macht einen noch ganz mürbe, ehrlich… Egal, ich habe genug zu Janine gesagt…“

(94) Außer ihrer Liebe zum Schlamm hatten Walt und Walon gar nichts gemeinsam.

Außer ihrer Liebe zum Schlamm hatten Walt und Walon gar nichts gemeinsam. Walt war athletisch, nett und hatte einen ganz ungeheuren Schlag bei den Frauen. Walon war adipös fett, nachtragend und hatte einen feuchten Händedruck. Letzteres war bei seinem Job als Verkäufer von Aquarien nicht so schlimm. Neben Schlamm zählten Guppys zu seinen liebsten Beschäftigungen. Er hatte auch schon versucht, Aquaristik und Schlamm miteinander zu verbinden, allerdings gelang ihm die Zucht von Schlammpeitzgern nicht. Schlammpeitzger, lateinisch Misgurnus, waren Fische, die gerne im Schlamm lebten. Vielleicht lag es daran, dass Walon die richtige Schlammmischung nicht hinbekam. Auf jeden Fall gingen die Tiere immer ein und er merkte es erst, wenn aus dem Schlamm die Faulgase der Verwesung entwichen. Der Schlammpeitzger hatte daher keinen Einzug in die Aquaristik gefunden.

Eines Tages saßen Walon und Walt bei einem Clubabend nebeneinander im Schlammjacuzzi. Wie immer versuchte Walon in so einer Situation, seine Speckrollen zu verstecken. Aber Walt schien es gar nicht darauf anzulegen, irgendwelche abfälligen Bemerkungen zu machen. Im Gegenteil, er war freundlich und redete so lange mit Walon, bis dieser sein natürliches Misstrauen ablegte. Vielleicht war dies ja der Punkt, an dem sich seine soziale Stellung änderte.

Beiläufig fragte Walt, ob Walon noch etwas anderes vorhabe, denn er wolle noch zu einer Party und würde Walon gerne mitnehmen. Eine zwanglose Zusammenkunft mit Getränken, Essen und Frauen. Walon überlegte, während die Luftblasen in dem Schlammjacuzzi hochstiegen und zerplatzten. Er sagte zu. Die letzte Party, auf der Walon war, musste eine Geburtstagsfeier gewesen sein. Er hatte sie schon verdrängt, aber es war natürlich ein Desaster gewesen. Er hatte ein ungutes Gefühl dabei, aber er sagte zu.

Natürlich wurde auch diese Party eine Katastrophe. Es war sogar noch schlimmer. Walon empfand sie als die ultimative Demütigung und schwor sich, dass er Walt umbringen würde.

Es stellte sich nämlich heraus, dass die Party unter dem Motto Hausgräuel stand. Die Hausgräuel waren Freunde oder Bekannte, die die eingeladenen Gäste mitbringen sollten. Die Begleiter oder Begleiterinnen sollten möglichst hässlich und abstoßend sein. Das wurde Walon allerdings erst bei der Preisverleihung bewusst – dem furiosen Ende der Party, nach der es zu Prügeleien und anderen unschönen Szenen kam. Vorher hatte sich Walon eigentlich ganz wohlgefühlt, weil die Hälfte der Gäste aus seiner Sicht vielleicht etwas schräg, aber ansonsten völlig normal war. Er sagte sich, dass er viel öfters auf Partys gehen sollte und dass er einfach ein zu negatives Bild von sich und der Welt hatte.

Nach der Preisverleihung an ein dürres Mädchen mit Haarausfall, war Walon geschockt und verdrückte sich so schnell er konnte. Walt musste kurz vorher gegangen sein. Mit geballten Fäusten stand Walon an der Bushaltestelle im Regen und sann auf Rache.

(93) Dennis Hill schritt vor den nackten Männern auf und ab.

Dennis Hill schritt vor den nackten Männern auf und ab. Er stimmte sie auf den Wettkampf ein. Auch er war nackt, würde aber nicht mit durch den weichen Schlamm robben. Einer musste schließlich die Übersicht halten und die Wettkämpfer durch Rufen ins Ziel lenken. Wer mit dem Gesicht im Schlamm voran robbte, hatte sonst Schwierigkeiten, die Richtung beizubehalten.

Der Schlammclub, wie die Männer sich selbst nannten, traf sich einmal im Monat zu verschiedenen Aktivitäten: Schlammjacuzzi, Schlammrutsche, Slacklining über Schlammtümpel oder, wie jetzt, Robben durch den Schlamm. Das Robben war sehr kräftezehrend und daher machten nicht alle Mitglieder mit. Die zehn Teilnehmer an diesem Tag waren ein guter Durchschnitt, dachte Dennis Hill, als die Männer an einem Ende der Strecke Aufstellung nahmen. Hill hatte die Strecke selbst ausgewählt und die größeren Steine mit einer Harke beseitigt. Es hatte noch am Tag vorher geregnet und der Schlamm war herrlich sämig, nicht zu flüssig. Wettkampfkonditionen.

Hill bemerkte, dass Walt Green auch dieses Mal eine Wollmütze und Handschuhe trug. Hill machte sich in Gedanken eine Notiz, dass der Club die Teilnahmebedingungen ändern und Mützen und Handschuhe beim Robben verbieten sollte. Es war affig. Neben Walt Green stand der dicke Walon Berry, der trotz seiner Leibesfülle wendig wie ein Otter war. Erstaunlich, dass gerade er neben Green stand, da die beiden sich schon seit Wochen aus dem Weg gingen oder heftig stritten.

Hill stellte sich vor die Männer, vergewisserte sich, dass keiner die Startlinie überschritten hatte. Dann blies er in die Trillerpfeife. Die Männer ließen sich vornüber in den Schlamm fallen, dass es nur so hochspritzte. Es war jedes Mal wieder ein Vergnügen, auch für Hill, der es bedauerte, nicht aktiv teilzunehmen. Die Männer robbten im Schlamm vorwärts. Hill blies alle paar Sekunden in die Trillerpfeife, um die Richtung vorzugeben. Er achtete auch darauf, dass die Teilnehmer sich an die Regeln hielten. Insbesondere war es nicht erlaubt, den Hintern mehr als fünf Zentimeter über der Normalposition anzuheben. Wen er dabei erwischte, bekam einmal einen Schlag mit der Rute auf den Hintern und wurde beim zweiten Mal disqualifiziert. Letzteres kam aber so gut wie nie vor.

Nach dem Rennen ehrte Hill den glücklichen Sieger mit dem Wanderpokal fürs Schlammrobben, das aus einem Pokal mit einer Männerskulptur oben drauf bestand. Dass Walt Green nicht mit der Gruppe ankam, bemerkte Hill nicht. Erst nachdem Greens Frau am Abend bei Hill angerufen hatte, um nach dem Verbleib ihres Gatten zu fragen, musste Hill sich eingestehen, dass er nicht sicher sagen konnte, wann er Green zum letzten Mal gesehen hatte. Nach dem Wettkampf sah ein schlammbedeckter nackter Mann aus wie der nächste. Hatte einer davon eine Mütze getragen? Hill wusste keine Antwort darauf.

Was passiert war: Nach einem Drittel des Weges hatte Hill sich um einen Teilnehmer kümmern müssen, der in die völlig falsche Richtung robbte. Das hatte Walon Berry mitbekommen und die Gelegenheit genutzt. Er hatte sich von seiner Spur einfach zu Walt Green hinübergewälzt und ihn unter sich begraben, bis Green keine Luft mehr bekam und erstickte. Dann drückte Berry ihn noch ein wenig mehr unter den Schlamm und robbte schnell weiter, um den Rückstand zu den anderen wieder wettzumachen. Hill hatte es nicht bemerkt.