Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Mai, 2017

(108) Jobst Löbe legte gerade eine Salamischeibe in das Brötchen…7

Jobst Löbe legte gerade eine Salamischeibe in das Brötchen, als das Telefon klingelte. Der Nachtportier erhielt als Nachtspeisung immer Reste vom Frühstücksbüffet. Zwar waren die Lebensmittel nicht mehr taufrisch, aber Löbe mochte die Salami sehr und am Abend, wenn er sie bekam, war sie durch die Verdunstung etwas härter geworden. Löbe schätzte das kleine Vergnügen. „Hotel Penta, Nachtportier“, meldete sich Löbe.

Eine Frau Wernecke meldete sich am anderen Ende der Leitung. Sie klang verzweifelt, fand Löbe und legte das Salamibrötchen aus der Hand. Es ging um einen Gast, Urban Koch von Zimmer 307, vor dem ihn schon sein Tagespendant gewarnt hatte. „Querulant. Immer nur ich, ich, ich“, hatte ihm der Kollege erzählt. Koch war der Chef von Wernecke und mit seiner Unterbringung unzufrieden. Frau Wernecke sagte Löbe, dass er sie retten müsste, denn anderenfalls verliere sie den Job. Löbe fragte, ob das angesichts von Herrn Kochs Wesen eine schlimme Sache sei. Frau Wernecke verstummte, weil sie über seinen Einwurf erst nachdenken musste. Löbe lachte trocken, denn er scherzte nur sehr selten und normalerweise bemerkten seine Gesprächspartner nie, dass er überhaupt einen Witz gemacht hatte. Sein Lachen brachte sie auf die richtige Spur. „Naja, haha“, antwortete Frau Warnecke, „da hätten Sie mal nicht so unrecht. Aber es gibt hier nichts anderes und das Unternehmen, bei dem ich arbeite, ist zwar sehr streng, aber dann auch verlässlich darin.“

Frau Wernecke bat Löbe inständig darum, dass er ihrem Chef ein Upgrade geben sollte. Dazu war Löbe zwar nicht befugt, allerdings war gerade eine Junior Suite frei geworden, weil ein Gast ins Krankenhaus übergewechselt hatte, nachdem ihm auf der Landwirtschaftsmesse ein Pferd mit dem Huf das Schlüsselbein gebrochen hatte. Löbe würde den Tausch im System vollziehen können, ohne dass jemand etwas davon merkte. Er hatte Mitleid mit Frau Wernecke. Er kannte diese präpotenten Businessmänner, die das Hotel bevölkerten und so taten, als ob die Sonne aus ihrem Hintern auf die Welt schien.

Löbe sagte Frau Wernecke, dass er eine Lösung finden würde und sie getrost schlafen gehen konnte. Nachdem er aufgelegt hatte, ging Löbe zu Zimmer 307 hoch und entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten. Koch leckte sich die Lippen, als ob er Löbes Worte genoss. Der Nachtportier sagte, dass man Herrn Koch kostenlos ein Upgrade anbieten wollte. Er zeigte Koch das neue Zimmer. Der Geschäftsmann nickte beiläufig, nachdem er sich seine neue Behausung im Detail angeschaut hatte.

Als der Umzug vollzogen war, ging Löbe wieder zurück an seinen Platz. Er loggte sich im Computer mit den Daten des Hoteldirektors ein und veränderte die Belegung. Er hatte die Zugangsdaten des Chefs zufällig gesehen und fotografieren können, als der Direktor seine Brieftasche liegen ließ. Am nächsten Morgen, bevor er nach Hause ging, buchte Löbe noch einen PayTV-Streifen auf Kochs Zimmerrechnung. Aus der Liste der Filme im Abrechnungssystem wählte er Nummer 277 aus. ‚Tittorama – Monstermöpse in Aktion‘ ließ keinen Spielraum für Zweifel. Dann klickte er noch auf ‚Volltitel in Rechnung anzeigen‘.

„Perfekt“, sagte sich Löbe, als er seinen Feierabend antrat. Gerade vorher hatte er die Rechnung gedruckt und per Fax an Frau Wernecke geschickt. Löbe fragte sich, wie lange es dauern würde, bis Kochs Filmgeschmack in der ganzen Firma bekannt sein würde. Und auch wenn er es leugnete, das Brandzeichen würde Koch so schnell nicht loswerden.

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(107) Das, Frau Wernecke, ist das schlechteste Hotel, in das Sie mich je einquartiert haben!

Das, Frau Wernecke, ist das schlechteste Hotel, in das Sie mich je einquartiert haben! Hier stimmt gar nichts. Das Zimmer ist in einem total verlotterten Zustand: Die Badetücher lagen auf dem Bett und das Fenster war geöffnet. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis endlich mein Koffer kam. Der Boy, wenn man ihn so nennen darf, war schon über achtzig oder sah zumindest so aus. Überhaupt das Personal. Der Idiot am Empfang hat mich absichtlich warten gelassen und mit einer Kollegin getuschelt. In dem Aufzug riecht es und man bekommt Platzangst.“

Urban Koch lief aufgestachelt in seinem Hotelzimmer auf und ab. Er telefonierte mit Birgit Wernecke, seiner Sekretärin. Da sie noch in der Probezeit war, musste sie diese Tirade über sich ergehen lassen. Der Mitarbeiter in der Personalabteilung, der sie einstellte, hatte ihr gesagt, dass Koch ein schwieriger Chef sei und damit hatte sie auch kein Problem gehabt. Aber Koch war in einer Art schwierig, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Er fand an allem, was sie tat, etwas auszusetzen. Nicht nur, dass er ihr seine Unzufriedenheit mitteilte, er wurde dabei auch aggressiv. Seine Stimme überschlug sich fast. Obwohl sie per Telefon keine physische Angst vor ihm haben musste, war sie dennoch aufgeregt und das Herz hüpfte ihr fast zum Hals hinaus.

Koch selbst hatte auf diesem Hotel bestanden, weil es in der Nähe des Unternehmens lag, das er besuchen wollte. Sie hatte ihn explizit darauf aufmerksam gemacht, dass das Hotel nur drei Sterne hatte, anstatt der fünf, an die Herr Koch gewöhnt war. Aber er hatte ihren Einwand beiseite gewischt und hatte ihr befohlen, ihm genau dieses Hotel zu buchen. Bei dem Preis könne das ja nicht schlecht sein. Der Preis war allerdings der großen Viehzuchtmesse Tier-Stall-Produktion geschuldet und deshalb waren die Hotelpreise insgesamt viel höher als sonst ortsüblich.

„Ich habe versucht, mich selbst zu beschweren, stellen Sie sich vor. Ich bin mir auch dafür nicht zu schade, Frau Wernecke. Aber wissen Sie, was die gemacht haben? Sie haben mir nur gesagt, dass alles in Ordnung sei. Und da stand ich dann wie der Ochse vor dem Berg.“ – „Das tut mir leid, Herr Koch.“ – „Davon, Frau Wernecke, kann ich mir rein gar nichts kaufen. Gar nichts. Machen Sie etwas. Wenn ich nicht im Büro bin, sitzen Sie doch eh nur rum und drehen Däumchen.“

Koch nahm einen Apfel aus der Willkommensobstschale und biss hinein. Der Apfel war mehlig. Er spuckte den Bissen in den Papierkorb und schmiss den Apfel hinterher.

„Jetzt sorgen Sie dafür, dass ich etwas Besseres bekomme. Und ich brauche Sie wohl nicht daran zu erinnern, dass Sie immer noch in der Probezeit sind.“

„Ja, Herr Koch. Ich kümmere mich sofort darum und melde mich.“

Zufrieden beendete Koch den Anruf und fischte die Banane aus der Willkommensobstschale. Bevor er sie aufschälte, drehte er sie nach allen Seiten und schaute sich die Schale genau an.

(106) Natürlich lag Torsten Wemmels Bestimmung nicht darin…

Natürlich lag Torsten Wemmels Bestimmung nicht darin, für Dr. Opls windige Studien Patienten festzuzurren und zu überwachen. In Wirklichkeit war er ein Songwriter. Und er wollte ein erfolgreicher werden. Auch er war einmal Meerschweinchen bei Dr. Opl gewesen und dann war der Wärterjob frei geworden. Wemmel hatte ihn aus Mangel an anderen Möglichkeiten übernommen. In den langen Nächten, in denen er im Kontrollraum wachte, suchte er nach Inspiration für seine Lieder.

Während im Studienraum Alex Pesel aufgrund der falschen Einstellungen der Kontrollapparatur Höllenqualen litt, bevor ihn die Bewusstlosigkeit erlöste, saß Wemmel im Kontrollraum, kaute auf seinem Bleistift und schrieb an einem Song.

Bisher hatte er nur den Titel im Kopf: ‚Bad Hotel‘. Er war ihm eingefallen, als er Pesel fixiert hatte. Wemmels Ausgangspunkt war: Was, wenn es ein Hotel gäbe, das seine Gäste ähnlich schlecht behandelte, wie Opl seine Versuchskaninchen? Immer wieder aber glitt der Schneepflug seiner Fantasie in den Refrain von Hotel California. Dabei hasste Wemmels die Eagles. Aber er musste zuerst den Refrain schreiben, das war die Seele des Songs. Der Rest ergab sich dann von selbst. Manchmal schrieb Wemmels Songs, bei denen nach einer Intro nur immer wieder der Refrain in wechselnden Tonarten wiederholt wurde. Zugegebenermaßen waren es nicht seine besten Songs, aber immerhin. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, jede Nacht, in der er in Opls Institut arbeitete, einen Song zu schreiben. So kam er sich weniger käuflich vor. Und um dieses Ziel zu erreichen, durfte man nicht immer wählerisch sein.

In der Kladde Nr. 13, die vor ihm lag, hatte er auf Seite 179 bisher nur die Worte ‚Bad Hotel. Bad Hotel‘ aufgeschrieben. Er fügte in der zweiten Zeile hinzu: ‚Such a terrible place.‘ Dann noch einmal ‚Such a terrible place.‘ Er las es noch einmal und schüttelte den Kopf. Nahm den Radiergummi und löschte die beiden letzten Zeilen. Nach kurzer Überlegung auch die erste. Er kaute auf dem Bleistift. Dann schrieb er wieder ‚Bad Hotel.‘ Er starrte an die Decke. Dann schrieb er entschlossen noch einmal ‚Bad Hotel‘, um es dann gleich wieder zu löschen.

Plötzlich hatte er eine Inspiration. Seine Ohren glühten und es war, als ob der kalte Kontrollraum plötzlich in ein warmes Licht getaucht wäre. Wie besessen schrieb er: ‚Bad hotel on a lonely highway/ Bad hotel life don’t work out my way/ I wait alone each lonely night. Bad hotel, bad hotel.‘ Das schien ein brauchbarer Refrain zu sein. Er las es einmal laut vor. Irgendwie kam der Text ihm vertraut vor. Beim fünften Vorlesen fiel es ihm schlagartig auf. Er hatte eben den fast gleichen Text geschrieben wie ‚Blue hotel‘ von Chris Isaak. So etwas Dummes. Er radierte den Refrain aus. Prompt fiel ihm wieder ‚Such a terrible place‘ ein. Heute war kein guter Tag für den Songschreiber in Wemmel. Es war ganz bestimmt keine Grammy-Nacht heute.

(105) Sie vertragen die Behandlung sehr gut, Herr Pesel.

„Sie vertragen die Behandlung sehr gut, Herr Pesel“, hatte der Arzt lobend gesagt. Auf seinem weißen Kittel stand in himmelblauen Buchstaben aufgestickt ‚Dr. Opl‘. „Wenn Sie einverstanden sind, können wir zur zweiten Phase schreiten.“ Da die Bezahlung höher war, erklärte sich Alex mit der zweiten Phase einverstanden. Während er das hingehaltene Formular zum Zeichen seines Einverständnisses unterschrieb, erläuterte ihm Dr. Opl, worum es ging. Es war eigentlich sehr ähnlich wie die erste Phase, aber der Strom sollte längere Zeit fließen. Da er gut auf Phase I reagiert hatte, ging man davon aus, dass er auch in der nächsten Phase brauchbare Ergebnisse liefern würde. Und da Zeit Geld war, beschlossen der Arzt und Pesel, dass Phase II noch am gleichen Abend beginnen sollte. „Ausgezeichnet“, sagte Dr. Opl und versprach Pesel, dass er für diesen Tag bereits den vollen Tagessatz erhalten würde.

Abends wurde Pesel im Bett fixiert, damit er im Schlaf die Kabel nicht überdehnen und herausziehen konnte. „Keine Angst“, sagte Dr. Opl, „im Kontrollraum wird die ganze Nacht über Herr Wemmel über Sie wachen.“ Der junge Mann mit den lockigen blonden Haaren, der Pesel fixiert hatte, winkte ihm kurz zu. Pesel nickte zurück, bevor man auch seinen Kopf mit Gurten festzurrte. Dann befestigte Dr. Opl die Kabel mit Klebebändern. „Perfekt“, sagte er, als er geendet hatte. Er wünschte Pesel eine angenehme Nachtruhe, „trotz allem“.

Dr. Opl und Wemmel verließen den Raum und löschten das Licht. Pesel lag in völliger Dunkelheit und konnte im Prinzip nur die Augenlider bewegen, aber auch hier merkte er keinen Unterschied. Nach einiger Zeit, fragte er sich, ob er schon eingeschlafen war und ob vielleicht der Morgen schon nahte. Er hatte kein Zeitgefühl. Er konnte nicht einmal die Position der Wände erahnen. Es wäre möglich, dass sie so eng an ihm dran waren, wie in einem Grab. Als ob er lebendig begraben worden wäre.

Dort, wo ihm der Strom unter die Haut drang, verspürte er ein ganz leichtes Brennen, das ihn vielleicht geweckt hatte. Es wäre gut, dachte er, wenn er sich an der Stelle etwas kratzen könnte, aber das war natürlich unmöglich. Dann wurde das Brennen heftiger und er fragte sich, ob er es sich einbildete. Als ihm vor Schmerzen der Schweiß bis in die Augen lief, wusste er, dass das Experiment nicht nach Plan verlief. Er schrie. Als er aufhörte, war der Schmerz noch größer geworden. Sonst passierte nichts. Dann sah er einen roten Lichtschein aus dem Dunkeln auf ihn zukommen. Das Licht fiel von der Decke, wie ein Tropfen. Dann mehr Tropfen aus rotem Licht, die immer nur fielen, ohne ihn zu erreichen. Auch von ihm selbst ging ein roter Schein aus. Es war, als ob er glühte. Das Licht über und in ihm wurde zuerst gelb, dann weiß, immer heller, immer gleißender. Dann wurde es mit einem Schlag dunkel.

(104) Im TafelnSchluckenPoppen war Mika um diese Uhrzeit einer der wenigen Gäste.

Im TafelnSchluckenPoppen war Mika um diese Uhrzeit einer der wenigen Gäste. Sie bestellte das große amerikanische Frühstück und freute sich, als der Kaffee kam. Nach der ersten Tasse fühlte sie sich wieder klarer im Kopf. Was für eine Nacht, dachte sie. Klang wie ein schlechter Witz: Gehen eine Transe und ein Drag King zusammen ins Bett…

„Hey Mika“, hörte sie eine Stimme. Es war Alex Pesel und er sah mager und bleich aus. Sie kannte ihn, weil er von Aushilfejobs lebte und bei kleineren Konzerten oft die Bühnentechnik aufbaute. „Hey Alex“, antwortete sie, „du siehst ja Scheiße aus.“ Alex war außerdem Punk und man konnte Klartext mit ihm reden. Er schwang seine staksigen Beine über die Stuhllehne und setzte sich neben sie. Sie spendierte ihm einen Kaffee und gab ihm auch von Speck und Eiern ab.

Alex erzählte, dass er zur Zeit auch als Medikamententester arbeitete. „Ich bin das Meerschweinchen. Wird gut bezahlt und man macht sich den Rücken nicht kaputt.“ – „Nebenwirkungen?“ – „Naja, meistens keine. Aber diesmal war heftig. Und dabei war es nicht mal ein Medikament, sondern es ging um so einen kosmetischen Apparillo.“ Mika war interessiert, mehr von ihm zu hören, wollte sich aber das Frühstück nicht mit auslaufenden Körperflüssigkeiten verderben lassen. „Eklig?“ – „Nee.“ – „Dann erzähl.“

Bei der Studie ging es um ein medizinisches Gerät mit dem Strom durch die Haut geleitet wurde, um eine Straffung der Haut zu erzielen. „So eine Art elektrisches Lifting“, erklärte Alex. „Ausgerechnet bei mir. Ab das war wohl diese Stufe in den Tests, wo sie sich Herausforderungen stellen wollten. War gut bezahlt und ich dachte, wenn ich danach besser aussehe, warum nicht. Punk hin oder her.“

Für die erste Stufe der Behandlung wurde Alex an eine Liege festgeschnallt. Eine Krankenschwester nahm einem metallenen Stab, der an einem Ende über ein Kabel mit einer Maschine verbunden war und am anderen eine Kugel von einem Zentimeter Durchmesser trug. „Ein Typ in weißem Kittel stand mit einem Klemmbrett neben der Maschine und schaltete sie ein. Es brummte so elektrisch. Genau konnte ich das nicht sehen, weil mein Kopf und das Kinn ja festgeschnallt waren. Die Krankenschwester setzte dann die Kugel auf mein Gesicht auf. An verschiedenen Stellen, jeweils immer nur für ein paar Sekunden. Damit mussten sie etwas messen, denn die Frau sagte immer Zahlen an den Typ weiter und der notierte alles.“

„Und das war schlimm?“ – Gar nicht, es war angenehm kühl. Außerdem sah die Krankenschwester verdammt scharf aus.“ Mika nickte gnädig. „Aber das war jetzt nicht das Problem, oder? Das klingt doch eher nach einem Softporno.“ – „Das war nur die erste Phase.“ – „Und was war die zweite Phase?“ – „Die zweite Phase war das Problem.“

(103) Mit Freude sah Mika, dass Donna nach ihrem Auftritt immer noch an der Bar saß.

Mit Freude sah Mika, dass Donna nach ihrem Auftritt immer noch an der Bar saß. Donna bedankte sich für die Widmung des Songs. Sie sagte, dass sie sich mit einem Glas Champagner revanchieren wollte. Mika sah etwas unwillig aus, denn sie machte sich nichts aus Champagner. „Es ist die Marke für die ich arbeite. Probier sie mal. Ich möchte wissen, wie es dir schmeckt nach ‚Ring of Fire‘.“

Sie prosteten sich zu. Der Champagner war gut, aber natürlich nur zweitklassig, wenn man eigentlich Bier wollte. Trotzdem lobte Mika aus Höflichkeit.

„Man sagt ja immer, dass es auf die Größe ankommt“, sagte Donna mit einem Zwinkern. „Diesen Champagner gibt es in vielen Größen. Die größte ist eine 18-Liter-Flasche, die man Melchior nennt.“ – „Interessant“, nickte Mika. Sie redeten weiter über Musik, die Stadt und die Welt. Mika lud Donna auf eine Corona ein und sie redeten weiter. Dann machte die Bar zu und Donna schlug vor, dass sie zu ihr ins Hotel gehen sollten.

Dort schauten sie nach, was es in der Minibar gab. Dann sagte Donna: „Und jetzt will ich mal sehen, was dein Melchior draufhat.“ Sie landeten im Bett.

Natürlich hatte Mika schon bei der Vorstellung bemerkt, dass Donna ein Mann war und natürlich hatte Dirk, denn so hieß Donna wirklich, sofort erkannt, dass Mika eine Frau war. Und erstaunlicherweise gestaltete sich der sexuelle Teil des Abends überraschend frei von Peinlichkeiten. Donna half Mika beim Ablegen der Sporen und Mika war Donna mit dem Hüfthalter behilflich.

Als Dirk alias Donna, dem über Nacht die Bartstoppel nachgewachsen waren, ihr am nächsten Morgen seine Geschichte erzählen wollte, winkte Mika ab. „Tut mir leid, Donnadirk, wir hatten eine tolle Heteronacht zusammen, aber jetzt muss ich mich aufs Pferd schwingen.“

Sie stieg in die Cowboystiefel. Die Sporen ließ sie weg, für den Vormittag schien ihr das unpassend. Sie drückte Dirk einen Kuss auf die Stirn und streichelte kurz seinen Melchior. Beim Hinausgehen hing sie noch das rote Schild an die Klinke außen.

‚Was jetzt‘, dachte sie beim Warten auf den Aufzug. „Frühstück“, sagte ihr Magen. ‚Meinetwegen‘, dachte sie, ‚aber nicht hier im Hotel. Das ist a) teuer und b) voller Leute, die mich in dem Outfit schief ankucken.‘

In der Tat schaute die feine Dame im rosafarbenen Jogginganzug, die im zweiten Stock einstieg, sie aus den Augenwinkeln an. ‚Warum im 2. Stockwerk den Aufzug nehmen, um joggen zu gehen‘, dachte Mika. „Weil meine Kniegelenke nicht mehr zwanzig sind“, antwortete die Dame. Mika nickte beiläufig, wollte aber keine Diskussion über morsche Knochen anfangen. Im Erdgeschoss stürmte sie aus dem Fahrstuhl dem Ausgang zu. Entweder gab es eine Hellseher-Konferenz im Hotel oder Mika hatte die Weiche zwischen Reden und Denken nicht im Griff. Für Letzteres gab es eine Lösung, das TafelnSchluckenPoppen: 24/7 geöffnet, 1A Frühstückskarte und keiner scherte sich darum, was gedacht und/oder gesagt wurde. Auch Sporen an den Stiefeln interessierten niemanden.

(102) Michaela war ein Drag King…

Michaela war ein Drag King, aber noch nicht bereit, sich gegenüber ihren Eltern zu outen. Sie hatte überlegt, dass sie die Pistole in ihr Outfit einbauen könnte. Dann hätte sie ihrer Mutter aber gestehen müssen, welches Outfit sie meinte und dann würde sie irgendwann sagen müssen, was Sache war. Dazu war noch nicht die Zeit gekommen. Andererseits wollte sie damit auch nicht warten, bis sie Arthrose im Knie hatte.

Sie legte das Telefon auf und betrachtete sich im Spiegel. Sie trug Cowboystiefel, Jeans mit Chaps darüber, ein kariertes Hemd mit Lederweste und einen Stetson. Der Bart war angeklebt. Ihre Brüste lagen unter dem Kompressionsshirt eng an. Als Cowboy nannte sie sich Mika. Tagsüber arbeitete sie in einer Versicherung und kümmerte sich um dubiose Brandfälle, allerdings nur vom Schreibtisch aus. An mehreren Abenden in der Woche wurde sie zu Mika. Auf einer Kleinkunstbühne gab sie zwei- oder dreimal im Monat eine Darbietung als Countrysänger. Sie hatte damit Erfolg, verdiente sogar etwas Geld damit. Eines Tages würde sie den Sprung vielleicht wagen und nur noch von ihren Auftritten leben. Sie war sich selbst nicht im Klaren, ob ihr Abwarten mit ihren Eltern oder mit ihrem Mangel an Mut im Allgemeinen zu tun hatte.

Fragen zu ihrer sexuellen Ausrichtung konnte Mika mit einem Satz beantworten: „Es ist kompliziert.“ Als Frau gekleidet mochte sie Männer. Als Drag King hatte sie mehr Interesse an Frauen. Manchmal traf es sich, dass sie als Mika eine Frau traf, die die Verkleidung nicht durchschaute und Michaela versuchte dann zu testen, wie weit sie gehen konnte.

Einmal hatte Michaela Sporen gekauft, die sie an ihren Cowboystiefeln befestigte. Durch das metallische Scheppern beim Gehen fühlte sie sich besonders männlich. Als sie sich in einer Bar an den Tresen setzte, kam sie sich vor wie John Wayne. Erst als sie ein Corona bestellt hatte, bemerkte sie, dass eine große blonde Frau neben ihr saß. Die Frau trug einen Jeansrock zu roten High Heels und schien Mika über den Barspiegel zu beobachten. Mika war sich nicht sicher, denn es war recht dunkel an der Bar. Als der Bartender das Bier vor Mika abgestellt hatte, hob sie die Flasche und prostete ihrer Nachbarin im Spiegel zu. Das brach das Eis und sie waren schnell im Gespräch.

Die Frau hieß Donna und sagte, dass sie auf Geschäftsreise in der Stadt sei. Werbebranche. Mika nickte und schob den Stetson etwas weiter ins Genick. Schon allein am Vorbild ihres Vaters hatte sie die Erfahrung, dass man als Mann eher weniger sagte. Donna hingegenredete viel. „Was machst du so, wenn du nicht das Vieh durch die Prärie treibst?“, fragte Donna. Mika hatte an dem Abend noch einen kurzen Auftritt als Countrysänger in diesem Club und sagte selbstbewusst: „Ich bin Countrysänger.“ Donna war ein großer Fan von Country-Musik und fragte, welche Art von Songs Mika zum besten gab. „Ich habe gleich noch einen Auftritt hier. Und für dich werde ich ‚Ring of Fire‘ singen.“

Als Mika später auf der kleinen Bühne stand, kündigte sie an: „Und der nächste Song ist für Donna, die Lady an der Bar. Ring of Fire.“

(101) Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt.

Hedda Holtz‘ größter Stolz war ihr Haushalt. Wenn alles am richtigen Platz war und sauber glänzte, dann war die Welt für sie in Ordnung. Sie hatte zwei Ablenkungen: das Radio und das Telefonieren. Aber sie konnte alles gleichzeitig erledigen. Zum Beispiel bereitete es ihr keine Probleme, gleichzeitig den Boden in der Küche zu schrubben, Radio zu hören und dabei zu telefonieren. Den Hörer klemmte sie zwischen Schulter und Ohr, um die Hände frei zu haben. Das Einzige, was sie in ihrem Leben nicht geordnet bekam, war ihr Mann Hubert. Wenn er da war, saß er nur in seinem Sessel und schwieg. Versuche, mit ihm ein Gespräch zu führen, waren sinnlos. Deshalb war Hedda auch froh, dass er meistens nicht da war.

Gerade stand sie in der Küche und telefonierte mit ihrer Tochter Michaela. „Wie geht es Vater?“, fragte Michaela. „Keine Ahnung. Du weißt, dass dein Vater nicht redet. Ich glaube, schon seit Jahren nicht mehr. Ich frage mich, ob er es noch kann.“ – „Du übertreibst Mutter. Vater ist halt keine Quatschbacke.“ – „Weiß Gott nicht. Wusstest du, dass er eine Pistole besitzt?“ – „Vater? Unmöglich.“ – „Doch, ich habe sie gefunden, unten in seinem Nachtkasten, hinter den Westernromanen. Die muss schon sehr alt sein. Auf jeden Fall war sie komplett klebrig und fettig. Ich bin gerade dabei, sie zu reinigen.“ – „Mutter! Pistolen reinigt man nicht! Was ist, wenn sie geladen ist?“ – „Nee, ist sie nicht, ich habe reingeschaut, da war nix. Dann habe ich auch noch mal abgedrückt, zur Sicherheit. Bin ja nicht blöde.“ – „Und jetzt?“ – „Na was wohl? Pril macht volle Arbeit. Da war aber auch eine schwarze Brühe drin, meine Herren. Die hat er wohl von der Armee mitgehen lassen. Er war früher ein schlimmer Finger und klaute viel.“ – „Das wusste ich gar nicht.“ – „Ist auch nichts, worüber man in der Öffentlichkeit redet. Naja, er ist ja jetzt auch sehr ruhig geworden. Aber früher, da war er schon ein richtiges Alphatier. Deshalb war ich ihm auch verfallen.“ – „Ja gut, Mutter. Ich muss jetzt los. Aber glaubst Du nicht, dass er es nicht gut finden wird, dass du seine Pistole reinigst? Die gehören ölig und verfettet.“ – „Das mag sein, aber dann soll er das Ding nicht in den Nachtkasten legen. Ich kümmere mich nicht um seinen Werkzeugkasten, da hätte er es hinlegen sollen. Wenn es im Nachtkasten ist, dann sorge ich dafür, dass es sauber wird.“ – „Klingt beeindruckend, Mutter. Vielleicht kannst du deine Dienste ja auch der Mafia anbieten. Du wärst ideal, um Leichen zu beseitigen.“ – „Das ist zwar makaber, Michaela, aber so eine Leiche besteht ja auch nur aus Wasser und Fett. Und damit schlage ich mich rum, seit ich deinen Vater geheiratet hab.“ – „Grüß Vater von mir. Und versteck die Pistole, dass er sie nicht gleich sieht. Das wird dir Ärger ersparen.“ – „In meinem Alter ärgert mich keiner mehr. Wer einmal Arthrose im Knie hat, der sieht viele Dinge gelassener.“

(100) Es war dunkel geworden…

Es war dunkel geworden und die Autos fuhren mit eingeschalteten Scheinwerfern die breite Straße entlang. Gotthilf Mertins mochte diese Stimmung, auch wenn es bald Zeit sein würde, nach Hause zu gehen. Neben ihm auf der Bank saß sein langjähriger Freund Hubert Holtz. Die beiden Rentner trafen sich an jedem Tag an dieser Stelle und das sogar zweimal am Tag: einmal vor dem Mittagessen und einmal am Abend. Viel zu reden gab es nicht, sie saßen beide nur da und hingen ihren Gedanken nach.

Gotthilf dachte an Daniela, seine Schwiegertochter, bald Ex-Schwiegertochter. Das war schade. Er hatte sie immer gemocht. Er hatte sie sogar mehr gemocht als schicklich für einen Schwiegervater. Aber er war immer sauber geblieben, hatte sich nichts anmerken lassen. Auch jetzt, nach ihrer Trennung von Hugo, hatte Gotthilf nichts unternommen. Es hätte alles sehr viel komplizierter gemacht. Hugo war ein Dummkopf, Daniela wegen dieser hirnlosen Unterwäscheverkäuferin Karin zu verlassen. Diese Karin hatte Gotthilf von oben herab beghandelt, nicht so warmherzig wie Daniela war.

Hugos schwanzgesteuertes Benehmen war einfach nur peinlich. Das hatte er nicht von Gotthilf. In der Ehe mit Hugos Mutter war Gotthilf immer absolut treu gewesen und auch später, gab es kaum etwas, für das er sich schämen musste. Hugo hatte erzählt, dass Daniela sogar eine Schönheitsoperation hatte machen lassen. Als ob sie das nötig gehabt hätte. Sie sah schon immer richtig scharf aus. Hugo hatte die Operation nicht gefallen, aber nicht ausgeführt warum. Wahrscheinlich hatte er gemerkt, dass er einen Fehler gemacht hatte. Vielleicht sollte Gotthilf sich mal mit Daniela treffen… Zumindest könnte er sich ein Urteil bilden. Hoffentlich würde sie dann nicht glauben, dass Hugo ihn geschickt hatte. Wäre aber auch unwahrscheinlich, denn Hugo nahm für kein Geld der Welt den Rat oder die Hilfe seines Vaters an. Dabei hatte Gotthilf sehr viele Opfer gebracht, damit Hugo vernünftig aufwachsen und studieren konnte. Und jetzt sah er ihn nur sporadisch.

Hubert saß wie immer mit zusammengepressten Lippen am anderen Ende der Bank. Er hatte eine Tochter, mit der auch er nur wenig Kontakt hatte. Huberts Frau musste eine Megäre sein, zumindest nach den wenigen Worten, die Hubert jemals über sie verloren hatte. Und warum saß er sonst jeden Tag mit Gotthilf auf dieser Bank, wenn er eine angenehme Zeit mit seiner Frau verbringen könnte? Gotthilf würde auf jeden Fall lieber mit einer Frau zu Hause sitzen als auf der Bank. Daniela. Was sie wohl an sich hatte machen lassen? Vielleicht ein größerer Busen, um Hugo herumzukriegen. War Hugo ein Busenmann? Gotthilf wusste auch das nicht über seinen Sohn. Er selbst hatte nichts gegen einen festen Busen einzuwenden, die Größe war zweitrangig. Er stellte sich vor, wie er Daniela die Hände auf ihre nackten, festen Brüste legte und wie er ihre harten Nippel unter seinen Fingerkuppen spürte. Zufrieden stellte er fest, dass sein Schwanz bei den Gedanken härter wurde. Er beschloss, Daniela morgen anzurufen. Und wenn es Chaos deswegen geben sollte, dann sei es drum. Er war ein alter Mann und man konnte nicht mehr von ihm erwarten, dass er immer nur vernünftig blieb.

(99) Warum liebst du mich nicht mehr?

„Warum liebst du mich nicht mehr?“, hatte sie ihn gefragt. „Aber ich liebe dich doch“, hatte er geantwortet. Es lag an ihr, dass er sie verlassen hatte. Daniela Mertins musste etwas tun, um ihren Ehemann Hugo zurückzugewinnen. Er hatte zwar eine Freundin, Karin, aber das war nur vorübergehend, sagte sich Daniela. Sie hatte die Freundin beobachtet, die einen Unterwäscheladen führte, ‚Karins Dessous‘. Wie abgeschmackt war das denn? Daniela war sogar in das Geschäft hineingegangen und hatte sich von ihrer Konkurrentin beraten lassen. Karin war etwas einfach im Kopf, fand Daniela. Das würde Hugo früher oder später nerven. Aber Karin war äußerlich ansprechend. Vielleicht zwei oder drei Jahre jünger, dafür volle Lippen, glatte Gesichtshaut und ein straffes Kinn.

Daniela hatte nichts gekauft. Als sie wieder zu Hause war, stellte sie sich vor den Spiegel und verglich sich mit ihrer Erinnerung von Karin.

Am nächsten Tag ging sie zu einem Schönheitschirurgen. Als sie im Wartezimmer saß, wunderte sie sich über sich selbst, denn das hätte sie nicht von sich erwartet. Der Arzt machte Vorschläge und gab ihr eine Idee, wie sie nach einem Eingriff aussehen könnte. Daniela zögerte und er riet ihr, die Entscheidung sorgsam zu überdenken. Am besten, empfahl er ihr, sollte sie auch mit ihrem Mann darüber sprechen. „Schnelle und unvorhergesehene Veränderungen können der Partnerschaft abträglich sein“, mahnte er.

Nach dem Arzttermin ging sie noch einmal im Dessous-Laden und kaufte von Karin einen figurformenden, aber doch verführerischen Body. Zu Hause zog sie ihn an und darüber das blaue Abendkleid, das Hugo so gut gefiel. Sie ging in die innere Beratung und am nächsten Morgen hatte sie beschlossen, den Empfehlungen des Arztes zu folgen.

Zwei Wochen später fand der Eingriff statt. Alles verlief nach Plan und Daniela fuhr für zwei Wochen in eine Kurklinik, weil sie nicht wollte, dass Bekannte sie mit den Spuren des Eingriffs sehen konnten. Der Arzt war zufrieden mit seinem Werk und, als sie wieder zu Hause war, zog sie wieder das Abendkleid mit dem neuen Body darunter an und setzte sich vor den Spiegel. Ihre Lippen waren schön prall, ohne dass es unnatürlich wirkte, fand sie. Sie hob den Kopf und streichelte mit der Hand an ihrem Hals entlang. Im Profil schaute sie auf ihr neues Kinn und drehte den Kopf hin und her. Sie sah sich selbst etwas fremd aus im Spiegel, aber insgesamt war sie rundum zufrieden, mit dem, was sie sah. Vielleicht war das alles eine glückliche Fügung des Schicksals, eine Episode, die ihr am Ende doch zu ihrem Glück verhelfen würde.

Der Köder war bereit. Jetzt musste sie noch Hugo wieder einfangen. Sie schickte ihm eine E-Mail, in der sie sagte, dass sie ihn treffen wolle. Sie wollte ihn nicht anrufen, damit er nicht in der ersten Reaktion Nein sagen konnte. Eine E-Mail war besser, weil er erst einmal nachdenken konnte, wie er antworten würde. Er musste eine Nacht darüber geschlafen haben, denn am nächsten Tag kam seine Antwort und er sagte, dass er sich freute, sie wieder zu sehen.

Sie verabredeten sich in einem Restaurant, in dem sie beide noch nicht waren. Das war wichtig für einen möglichen Neuanfang, dachte sie. Sie war vor ihm da und setzte sich mit dem Rücken zum Eingang. Sie wollte seine Reaktion genau beobachten, wenn er die Veränderungen sehen würde. Zuerst hörte sie seine Stimme, die nach dem reservierten Tisch fragte. Dann seine Schritte hinter ihr. Als er vor ihr stand und zu ihr hinunter sah, veränderte sich sein Lächeln in Erstaunen, aber kein positives.

„Gefalle ich dir?“, fragte sie schließlich. „Du bist geschmacklos“, antwortete er.