(76) Der Lobstertanz kostete ihn Umsatz, die Zahlen waren eindeutig.

von Alain Fux

Der Lobstertanz kostete ihn Umsatz, die Zahlen waren eindeutig. Fritz Mehlan hatte die minutengenauen Abrechnungen der Kasse an verschiedenen Tagen miteinander verglichen und war sehr nachdenklich geworden. Weil ihn ein Stammgast darauf ansprach, hatte Mehlan am Tag davor spontan entschieden, den Lobstertanz der Kellnerinnen ausfallen zu lassen. Er wollte die Umsatzentwicklung vergleichen. Jetzt saß er, wie an jedem Vormittag, an der Bar, trank einen Caffé latte und schaute die Abrechnungen durch.

In der Aufstellung vom Vortag verlief die Umsatzkurve sehr gleichmäßig durch den ganzen Abend. Ständig gab es Bestellungen, keine besonderen Vorkommnisse. An anderen Tagen gab es immer einen Abfall der Bestellungen, wenn die Kellnerinnen ihre Lobsterkostüme anzogen und dann darin tanzten. Mehlan hatte erwartet, dass die Bestellungen einfach später aufgegeben wurden und viele Gäste durch diesen Tanz angeregt wurden und länger blieben, vielleicht noch ein Dessert bestellten oder einen Digestif tranken. Jetzt hatte er die Vergleichswerte vor sich liegen. An den Tagen, an denen ein Tanz aufgeführt wurde, war der Pro Kopf-Umsatz geringer als an dem gestrigen Abend. Am Vortag waren die Gäste länger geblieben und hatten mehr bestellt. Sonst war es ein Abend wie jeder andere. Mehlan war sich bewusst, dass er noch weitere Versuche machen musste. Vielleicht gab es doch eine Besonderheit, die ihm nicht sofort auffiel. Aber er musste sich ebenfalls damit beschäftigen, ob der Lobstertanz als Kundenbindungsmaßnahme nicht einfach überaltert war. Er musste sich etwas Neues ausdenken. Es traf sich gut, dass die Lobsterkostüme etwas in die Jahre gekommen waren und er sie auf jeden Fall auswechseln musste. Vielleicht eine gute Gelegenheit etwas Neues zu probieren.

Mehlan trank aus der großen Tasse und schaute dabei auf den Fluss, der von hinten am Restaurant vorbeifloss, bevor er sich direkt daneben in das Meer ergoss. Die Landzunge war ein hervorragender Platz für das Restaurant. Gerade für ein Fischrestaurant.

Dann hatte er eine Idee: Was wäre, wenn er als Attraktion eine ganze Flotte von Tretbooten einsetzte, die alle in Gestalt von Lobstern daher kämen? Man könnte damit die Kinder ködern oder auch Liebespaare. Das wäre eine Attraktion für den frühen Abend und dann blieben die Leute für das Abendessen. Er stellte sich eine ganze Reihe von roten Pedalos mit erhobenen Zangen vor. Vielleicht war das zu martialisch, zu furchterregend für Kinder. Schwäne!, das wäre bestimmt besser, freundlicher. Auch hatte er schon einmal Tretboote in Schwanenform gesehen. Das war bestimmt günstiger, als Sonderanfertigungen von Lobstern. Man müsste es einmal ausrechnen, dachte Mehlan. Wie lange würde er die Tretboote nutzen können? Wie viele brauchte er, zu welchem Preis? Konnte man sie vielleicht leasen? Dann war es eine ganz einfache Kosten-/ Nutzenanalyse. Auf jeden Fall würde es erst einmal keine weiteren Lobstertänze geben, um sicher festzustellen, ob sie wirklich dem Umsatz abträglich waren.

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