(74) Macho war ein schrecklicher Schisser.

von Alain Fux

Macho war ein schrecklicher Schisser. Schon seit längerer Zeit hatte Aldo mit seinem Bruder über die große Flucht geredet. Macho hatte immer nur Gründe hervorgebracht, warum sie es nicht tun sollten. Der Zwinger und die Hütte waren ganz angenehm, das Fressen war in Ordnung, es gab genügend Freiheit… Aber Aldo war anderer Meinung. Warum sollte diese Freiheit nur auf ein paar Stunden pro Woche beschränkt sein? Warum konnten sie nicht immer nach Herzenslust durch die Wiesen tollen? Es war nicht einzusehen. Und es würde, da war sich Aldo ganz sicher, niemals besser werden. Das hatte ihm Kuno erzählt, ein alter Hund, der manchmal auch auf dem Deich herumlief. Er hatte auch geglaubt, es würde noch einmal eine bessere Zeit kommen, aber sie kam nie. Nur er veränderte sich und wurde alt und schwach.

Macho hatte manchmal gesagt, dass er bei der großen Flucht mitmachen würde, denn er wollte seinen Bruder nicht alleine lassen. Dann hatte er wieder kalte Pfoten bekommen. Zwischendurch hatte er auch versucht, Aldo davon abzubringen, sogar mit Petzen hatte er gedroht. Aber er wusste, dass er damit bei Aldo nicht durchkam.

Deshalb hatte sich Aldo auch mit Milko, einem quirligen Jack-Russell-Terrier zusammengetan, um den gewichtigen Schritt zu wagen. Macho hätte bis zum letzten Augenblick mitkommen können, aber er musste ja dem Herrchen weiter nachlaufen. Selber schuld.

Aldo konnte auch nicht verstehen, warum das Herrchen immer nach Fleisch roch, aber nie irgendetwas davon mitbrachte. Er wollte wohl alles für sich haben, in der Zeit, wenn er nicht zu Hause war. Das war eigentlich eine einzige Quälerei. Und das Frauchen ging gar nicht mehr spazieren mit Macho und ihm. Früher tat sie das gern und nahm die beiden überall mit. Aber jetzt geschah gar nichts mehr. Vielleicht hing es auch mit Macho zusammen. Er war in den letzten Jahren immer ängstlicher geworden und rastete bei Kleinigkeiten aus. Ein lauter Knall, schon ging das große Gekläffe los. Sicherheit ging Macho über alles. Er wollte immer nur seine Ruhe. Am liebsten gar nicht mehr aus dem Zwinger raus. Aber so ging das nicht. Aldo konnte sich nicht vorstellen, den Rest seines Hundelebens in so einer Umgebung zu verbringen. Es reichte jetzt.

Am Treffpunkt wartete bereits Milko. Aldo freute sich darauf, mehr aus Milkos spannendem Leben zu hören. Der Jack-Russell-Terrier war weit gereist und hatte schon mehrfach das Herrchen gewechselt. Das war ein Hund, der sich nicht alles gefallen ließ. Von ihm würde Aldo noch viel lernen.

„Hey Milko“, sagte Aldo. „Hey Aldo. Das hat ja gut geklappt. Willkommen im Club der freien Hunde.“ Aldo hechelte freudig. Gemeinsam pinkelten sie gegen eine Buche. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

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