(73) Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen.

von Alain Fux

Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen. In einem Traum hatte er die Obduktion von Marylin Monroe durchgeführt und es war ein erhebender Traum gewesen. Brigitte hingegen musste schon wieder von Minna von Barnhelm geträumt haben. So ging das jetzt schon seit mehreren Nächten. Kraushaar hatte schon darüber nachgedacht, seiner Frau ein paar Tropfen Flunitrazepam in den abendlichen Kräutertee zu mischen.

Während Brigitte missmutig am Frühstückstisch saß, ging Kraushaar mit den beiden Schäferhunden Aldo und Macho spazieren. Der Weg auf dem Deich am Fluss entlang war immer eine gute Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen und die Dinge in Perspektive zu setzen. Kraushaar ließ die beiden Hunde von der Leine. Beide waren äußerst friedfertig, nachdem der Hundetrainer sich um sie gekümmert hatte.

Brigitte hingegen war über die Jahre immer schwieriger geworden. Als er sie kennengelernt hatte, war sie ein unkompliziertes, junges Ding gewesen, das sein Leben erfrischte. Wäre die Aufführung des Lessing-Stücks damals gewesen, sie hätte sich mit ihm über die verletzten Spießer amüsiert. Heute war sie selbst so eine Spießerin geworden.

Im Institut lief es auch nicht so gut. Nach zwanzig Jahren, davon dreizehn als Leiter, war das nicht mehr so spannend. Sein Assistent war auch nicht immer eine Hilfe. Eine Leiche hatte er verloren. Ja und? Wo Leichen aufgeschnitten und aufgeteilt wurden, da gab es schon mal Schwund. Wer will da noch wissen, ob alle Einzelteile zusammen genommen wieder eine ganze Leiche ergaben oder nicht? Keiner.

Es fehlten Kraushaar die Herausforderungen. Gut, es war schön, dass die Leute ihn schon so sehr kannten, dass sie selbst vorbei kamen, um ihre Körper anzudienen, wie dieser seltsame Vogel neulich. Aber es war keine Herausforderung mehr.

Damals hatte er noch Neuland beschritten. Der Kraushaar-Schnitt zur Öffnung von Thorax und Abdomen hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Ja, die Deutschen. Niemand schaffte es, so effizient Leichen aufzuschlitzen, wie die Deutschen. Und Prof. Kraushaar war darin ein Meister. Das hatte man ihm auf vielen Kongressen bestätigt. Jetzt war es natürlich sinnlos, über diese Schnitttechnik noch einen Vortrag zu halten. Die Yamairgendwas-Technik war natürlich auch nicht schlecht, aber sie war halt nicht von ihm.

Kraushaar war mittlerweile an seiner Wendemarke, einer roten Fahrrinnentonne, angekommen und blieb stehen. Er starrte über den braunen, schnell fließenden Fluss auf die andere Uferseite. Er pfiff nach den Hunden. Macho kam schuldbewusst angeschlichen. „Wo ist Aldo?“, fragte Kraushaar. Macho sah betroffen aus. Kraushaar pfiff noch einmal. Erfolglos. Wann hatte er Aldo zum letzten Mal gesehen? Eigentlich nicht mehr, seit er den Hund von der Leine gelassen hatte. Er seufzte und klipste den Karabinerhaken an Machos Halsband. Jetzt auch noch Schwund bei den Hunden. Kraushaar machte sich auf den Heimweg.

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