(72) Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen.

von Alain Fux

Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen. Die Theaterabende mit seiner Frau Brigitte waren sonst immer so langweilig, dass er spätestens nach der Pause in die innere Einkehr gehen musste. Dieses Mal hatte ihn sogar dieses unkaputtbare Schlachtross des Abonnementtheaters fesseln können. Als er nach der Vorstellung mit Brigitte nach Hause fuhr, wagte er es allerdings nicht, seine Freude zum Ausdruck zu bringen. Seine Frau war immer noch schockiert von der Inszenierung und saß düster schweigend neben ihm.

Der Regisseur hatte das Stück gründlich entstaubt. Major von Tellheim war ein kompletter Schlappschwanz, der nicht wusste, was er wollte und nur von Bedenken zerfressen wurde. Minna liebte ihn aus Gründen, die ein Außenstehender nicht nachvollziehen konnte. Aber das war für Kraushaar völlig in Ordnung, denn die Liebe einer Frau zu ergründen, das war einfach unmöglich. Das hatte er vor drei Monaten auch Frank gesagt, als er sich die Leiche eines Mannes angeschaut hatte, den eine verschmähte Geliebte entstellt hatte. Es kam zwar selten vor, dass sich die Gefühle einer Frau derart entluden, aber wenn, dann konnte es in die Fachbücher eingehen.

Minnas Liebe für Tellheim schien Kraushaar deswegen nicht unplausibel. Interessant wurde es, als Minna sich aktiv in den Prozess einmischte, der über Tellheims Schuld oder Unschuld entscheiden musste. Sie tat es, indem sie sich aus der Tellheimschen Waffensammlung, die dieser verpfänden musste, eine Maschinenpistole samt Munition besorgte, und damit einen Rachefeldzug gegen die Beamten startete, die Tellheim vor Gericht gebracht hatten. Erst becircte sie die Männer und ließ sie im Glauben, dass sie mit ihnen schlafen wollte. Den ersten Beamten, den sie aufsuchte, schoss sie in beide Knie und ins Genital, bevor sie ihm den Fangschuss gab. Den zweiten hielt sie zwischen ihren Schenkeln fest und schoss ihm dann den Kopf weg. Alarmiert durch den Schwund bei seinen höheren Beamten, ließ der König sich von den Fällen berichten. Gleichzeitig kam Graf von Bruchsal, Minnas Onkel, hinter die Absichten seiner Nichte und intervenierte beim König. Dieser ließ sich die Akten zu Tellheims Bestechungsfall bringen und verkündete sein Urteil: Tellheim war unschuldig.

Obwohl die Komödie wie bei Lessing ausging, war Brigitte von der Mischung aus Sex und Gewalt verstört. Allerdings war sie auch nicht bereit, vor Ablauf der Vorstellung nach Hause zu gehen, wie Kraushaar es ihr vorgeschlagen hatte, als er bemerkte, dass sie unter der Inszenierung litt.

Als sie zu Hause ankamen, ging Brigitte ohne weitere Worte ins Bett. Kraushaar trank noch ein paar Cognacs und las ein paar Fachmagazine. Am nächsten Tag erwähnte Brigitte das Theaterstück mit keinem Wort. Sie ging danach aber nie wieder ins Theater. Darüber freute sich Prof. Kraushaar.

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