(70) Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.

von Alain Fux

„Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.“ André Frank vergrub seine Hände in den Taschen des weißen Kittels und blieb zunächst in der Tür stehen. Er wollte zuerst die Reaktion von Prof. Dr. Benno Kraushaar abwarten, bevor er näher trat. Prof. Kraushaar war sein Chef und gleichzeitig der Leiter des anatomischen Instituts. Er war ausgewiesener Choleriker und es kam vor, dass er mit Gegenständen warf, die gerade greifbar waren. In einem anatomischen Institut zählten Leichenteile zu Gegenständen. Auf seinem Schreibtisch hatte Prof. Kraushaar natürlich keine Leichenteile herumliegen, dafür aber eine Reihe von robusten Bronzeskulpturen, die er sammelte.

Prof. Kraushaar las weiter in dem Vertrag, der vor ihm lag. Sein Füllfederhalter war bereits aufgeschraubt und mit einer Hand ließ er ihn über dem Papier kreisen. Als er ausgelesen hatte, setzte er seine schwungvolle Unterschrift auf das Dokument und schraubte zufrieden den Füllfederhalter zu. Er sah seinen Assistenten an.

„Eine Leiche fehlt? Hmm… Ich nehme an, es sind aber immer noch genug da für die Kurse, oder?“ Frank kam herein und drückte die Tür hinter sich zu. Prof. Kraushaar war guter Laune.

„Es gibt keinen Mangel an Leichen.“ – „Gut so, Frank. Denn ohne Leichen kann man ein anatomisches Institut wahrlich nicht führen.“ Dagegen hatte Frank auch nichts einzuwenden, schließlich musste er die Medizinstudenten auf die Leichen aufteilen unter besonderer Berücksichtigung des Stoffes, den sie gerade durchnahmen. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, die er aber sehr gut meisterte. Wofür er von Prof. Kraushaar auch manchmal ein wohlwollendes Brummen einheimste.

„Wo ist denn das Problem, Frank?“ – „Die Leiche wurde letzten Freitag eingeliefert und ich wollte sie für den Kurs in Unfallchirurgie einteilen, aber sie ist weg.“ – „Haben Sie überall geschaut?“ – „Ja, Herr Professor. Ich habe das Haus von oben bis unten durchsucht, in jede Kühlkammer, unter jedes Tuch habe ich geschaut. Uns fehlt eine Leiche.“ – „Hmm… Also weggelaufen wird sie wohl nicht sein.“

Frank sagte nichts. Es hatte sich nie ausgezahlt, über Prof. Kraushaars dünne Witze zu lachen. Sie infrage zu stellen auch nicht. Schweigen war die beste Antwort. „Was war es denn?“

Frank nahm die dünne Akte aus der Kitteltasche. „Ein Johannes Kara. Zirkusakrobat. Ihm ist ein Schweinwerfer ins Gesicht gefallen. Ich hatte ihn bei der Aufnahme noch gesehen. Die ganze Gesichtsfläche war quasi eine Trümmerfraktur. Daher Unfallchirurgie.“

„Zirkusakrobat, ja?“ Prof. Kraushaar dachte nach. „Kein Zauberkünstler?“ Frank schüttelte den Kopf. Prof. Kraushaar seufzte. „Dann weiß ich es auch nicht. Schreiben Sie doch einfach in die Akte, dass wir ihn“, er schaute auf die Uhr, „heute begraben haben. Und wenn Sie ihn irgendwann doch finden, dann lassen wir ihn halt wieder auferstehen. Wir sind ja eine Uniklinik hier.“ Prof. Kraushaar stand auf. „Ich muss jetzt los, meine Frau will, dass ich mal wieder ins Theater gehe. Ha, wenn die wüsste.“

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