(67) Widerwillig lief der Boxerhund dem Stöckchen nach.

von Alain Fux

Widerwillig lief der Boxerhund dem Stöckchen nach. Als er sah, dass es in die auslaufenden Wellen fallen würde, blieb er stehen und machte kehrt. Fred Bichler schüttelte den Kopf. Buddy hatte einen Dickschädel und weigerte sich ins Meer zu laufen. Er hatte eigentlich vorgehabt, den Urlaub an der Ostsee zu nutzen, um seinen Hund mehr zu fordern. Buddy hatte aber andere Prioritäten und verweigerte sich allem, das er nicht auch zu Hause machte. Bichler konnte ihn verstehen, denn in jedem Sommerurlaub kam der Moment, an dem er bereute, nicht in seinem Schuhladen zu stehen. Er sah lange Zeit auf das Meer hinaus und ging dann weiter auf der Strandpromenade. Buddy schloss sich ihm an.

Als die Promenade wieder in die Straße mündete, hatte Bichler einen dieser kleinen Schocks, die das Gedächtnis aus der hintersten Ecke hervorholte, wenn man am wenigsten darauf vorbereitet war. Er stand vor einem Aufsteller, der für einen Zirkus warb, den Topolino Show Palast, zu Gast in Warnemünde. Auf dem Plakat war das Bild einer jungen Frau, die Bichler zu kennen glaubte. Sie saß auf einem Elefanten und breitete in Artistenmanier die Arme aus. Ihren Namen hatte Bichler nicht sofort präsent, aber sie sah aus wie eine der vielen jungen Frauen, die er über die Jahre geliebt hatte. Er hatte ihnen Schuhgeschenke gemacht und sie hatten es toleriert, dass er sie als seine Freundinnen ausgeben konnte. Silke Sander, jetzt fiel ihm der Name wieder ein. Sie war ihm besonders präsent, weil sie nicht so ein passives Pflänzchen gewesen war. Sie hatte zu allem und jedem eine Meinung und war auch immer bereit, sich dafür zu streiten. Er hatte ihr vor vielen Jahren ihre ersten High Heels verkauft, ein Paar schwarze Slingpumps von Gabor. Größe 37. Er hatte ihre schlanken Fesseln in der Hand gehalten und ihr die Schuhe angezogen. Dieser Griff, den er in einer Woche mehrere dutzendmal anwendete, war meistens völlig belanglos für ihn. Manchmal aber war es wie eine heilige Handlung, die er vollführte. Es geschah immer wieder. Und dann war er ein paar Monate mit ihr zusammen gewesen. Irgendwann hatte es bei einer anderen Kundin gefunkt und es war aus mit Silke. Aber er konnte sich noch sehr gut an sie erinnern. Was wohl aus ihr geworden war? Unwahrscheinlich, dass sie jetzt beim Zirkus war. Die Frau auf dem Plakat sah auch so jung aus, wie Silke damals war. Mittlerweile würde sie anders aussehen und ihre Fesseln würden sich auch anders anfühlen. Silke hatte bestimmt studiert, so intelligent wie sie war. Und dann einen guten Job bekommen, einen tollen Mann geheiratet. Wahrscheinlich konnte sie sich heute Casadei-Schuhe leisten.

Buddy hatte den Aufsteller beschnüffelt und hob jetzt das Bein gegen das Plakat. Wenigstens traf er nur das Wort ‚Palast‘, dachte Bichler. Die junge Frau auf dem Bild sah wirklich aus wie Silke. Er würde sich den Zirkus mal ansehen. Vielleicht hatte er Glück und sah ihre Fesseln. Auf dem Bild sah man ihre Beine nicht hinter den Ohren des Elefanten. Und vielleicht waren ihre Fesseln genauso attraktiv wie die von Silke, damals.

Advertisements