(66) Miss Sanchez saß in ihrer Garderobe und hatte vor ihrem nächsten Auftritt noch eine halbe Stunde Zeit totzuschlagen.

von Alain Fux

Miss Sanchez saß in ihrer Garderobe und hatte vor ihrem nächsten Auftritt noch eine halbe Stunde Zeit totzuschlagen. Das Gespräch mit Thilo hatte sie am Ende nur frustriert. In solchen Fällen half nur ihr Schuhkoffer. Sie stellte ihn vor sich auf den Boden und klappte ihn auf.

Darin war eine Auswahl der Schuhe, die sie für ihre Auftritte mitgenommen hatte. Zu Hause hatte sie noch viel mehr davon. Wenn Sie auf Tournee ging, war es immer schwer, sich zwischen allen Modellen zu entscheiden. Bei längeren Tourneen kamen auch immer noch Exemplare dazu, die sie unterwegs kaufte. In diesem Koffer waren nur High Heels. Viele klassische Pumps, ein paar Slings, ein Peep Toe und zwei Paar hochhackige Stiefeletten. Damit konnte sie auf allen Bühnen der Welt etwas anfangen.

Sie nahm die schwarzen Lackpumps heraus und streichelte darüber. Sie hatte diese Schuhe vor vier Jahren in einem Geschäft in der Rue de Rivoli in Paris gekauft. Es war ein regnerischer Tag im November gewesen und sie hatte etwas Glanz gebraucht. Sie zog die Schuhe an und hielt die Füße hoch, um sie anzuschauen. Sie machten ihr einen sehr schmalen Knöchel – das gefiel ihr. Bei allen Schuhen, die sie besaß, konnte sie sich ganz genau erinnern, wann, wo und unter welchen Umständen, sie sie gekauft hatte.

Natürlich konnte sie sich auch erinnern, wie sie ihr erstes Paar High Heels gekauft hatte. Sie hatte die Schuhe im Schaufenster gesehen und dann wochenlang gespart, bis sie genug Geld dafür zusammen hatte. Sie hatte sich die Schuhe selbst zum 18. Geburtstag geschenkt. Der Schuhverkäufer war ein etwas traurig wirkender Mann von Mitte Dreißig mit einer dicken Haartolle auf dem Kopf. Er hatte sie sehr respektvoll bedient. Das kannte sie sonst nicht. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, wie seine warme Hand ihre Fessel ergriff und dabei ihren Fuß in den neuen Lackschuh einführte. Wie er über ihren Fuß strich, um sicherzugehen, dass alles passte. Es war ein schönes Gefühl. Als sie auf und ab ging und er auf den Knien sitzenblieb und zu ihr aufschaute, war ihr fast etwas schwindelig zumute. Er gab ihr einen Rabatt, als sie die Schuhe kaufte, und dann lud er sie zum Essen ein. Das hatte sie völlig auf dem falschen Fuß erwischt, aber sie sagte zu. Daraus wurde ihre erste Beziehung. Vor ihrer Familie und ihren Freunden hielt sie es geheim.

Mit Fred Bichler war sie so lange zusammen, wie es brauchte, dass er ihr sieben Paar Schuhe schenkte. Dann stritten Sie sich über seine Haare, die sie als nicht akzeptabel befand, und das war es dann gewesen. Es war eine Episode in ihrem Leben und sie dachte immer noch gern daran zurück.

Es klopfte an der Tür. „Fünf Minuten“, sagte eine Stimme draußen. „Alles klar!“, antwortete Miss Sanchez und strich noch einmal über das kühle Lackleder, das, obwohl es sehr glatt war, ihren Fingerspitzen doch Widerstand bot.

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