(63) Nach der Sache mit Grün hatte Silke Sander alias Miss Sanchez ihrem Agenten Magnus Landau gekündigt.

von Alain Fux

Nach der Sache mit Grün hatte Silke Sander alias Miss Sanchez ihrem Agenten Magnus Landau gekündigt. Um die Trennung zu beschleunigen, sagte sie ihm für einen letzten Job zu: ein Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff, The Sea Pearl. Eine Woche Karibik, das war nicht die Welt. Erst als sie unterschrieben hatte, erfuhr sie, dass es eine Clothing Optional Cruise war, bei der die meisten Teilnehmer Swinger waren. Sie hatte Lust, Landau zu ohrfeigen, tat es aber nicht. Eine Woche war schnell vorbei und wenigstens war der Job gut bezahlt.

Theoretisch war diese Kreuzfahrt offen für Paare ab 21 Jahren. In Wirklichkeit gab es keine Passagiere unter 50. Silke, sonst schon berufsmäßig nicht prüde, vermied es außerhalb ihrer Auftritte, mehr Haut zu zeigen, als unbedingt notwendig. Bestimmte Teile des Schiffes, in denen sich die Playrooms befanden, mied sie vollständig. Sie zählte die Tage an Bord und fühlte sich einsam in diesem Gewühl von ledrig braungebrannten Leibern.

Sie hatte an jedem Abend drei Auftritte – so lautete das Engagement. Kurz davor ging sie in die Bar, um sich mit einem Champagnercocktail in Stimmung zu bringen. Natürlich wurde sie angesprochen. Da sie, neben den weiblichen Mitgliedern des Personals, die einzige angezogene Frau auf dem Schiff zu sein schien, übte sie eine magische Anziehungskraft auf die Männer an Bord aus. Anfangs hatte sie sich mit bissigen Sprüchen die Kerle vom Leibe gehalten. Allerdings war sie zu weit gegangen, denn es gab Klagen. Der Entertainment-Chef der Sea Pearl hatte sie eindringlich gebeten, mit den zahlenden Gästen netter umzugehen. „Sie brauchen ja nicht gleich mitzuswingen, aber Sie sollten unsere Gäste nicht bedrohen.“

An dem Tag sprach sie wieder so ein Heini an der Bar an und sie beschloss, es diesmal höflicher angehen zu lassen. Wenigstens war der Mann, ein schmucker Mittfünfziger ohne Bauch und Hängehintern, selbst auch freundlich, sodass es ihr nicht so schwerfiel. „Thilo Bieber“, stellte sich der Mann vor und sagte, dass seine Frau unter fürchterlicher Seekrankheit litt und in völliger Dunkelheit die Kabine hütete. Silke erwartete jetzt, dass der sexuell wahrscheinlich ausgehungerte Swinger mit Nachdruck um sie werben würde, aber Thilo blieb ganz Gentleman. Er lud sie auf einen weiteren Cocktail ein. Da sie noch etwas Zeit vor ihrem ersten Auftritt hatte, willigte sie ein. Immerhin hatte Thilo ihr noch keine Erektion vorgeführt, wie manch andere Herren an Bord. Er breitete sorgfältig sein Handtuch auf dem Barhocker aus und setzte sich neben sie. Während er seine Genitalien sortierte, konnte sie sein ergrautes, sorgfältig geföhntes Kopfhaar bewundern. Er bemerkte es und fuhr mit der Hand durch die Frisur und meinte, dass alles echt sei. „Ich habe nicht daran gezweifelt“, antwortete Silke.

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