(62) Es war genau 17 Uhr, als es bei Theo Grün an der Tür klopfte.

von Alain Fux

Es war genau 17 Uhr, als es bei Theo Grün an der Tür klopfte. Er schaute auf die Uhr und grinste. „Die Tür ist offen“, sagte er laut und lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Miss Sanchez kam herein. Sie trug ein hellgrünes Wickelkleid und einen kleinen Hut schräg auf dem Scheitel. „Herr Grün?“, fragte sie. „Ganz richtig. Soll ich Sie Miss Sanchez nennen?“ Sie kam herein und schloss die Tür hinter sich. Sie stellte sich vor den Schreibtisch und schaute sich um wie eine Katze, die man in eine neue Wohnung gebracht hatte.

„Setzen Sie sich. Wollen Sie etwas trinken…, Miss Sanchez?“ Sie war mit ihrem Blick bei Grüns Gesicht angekommen und fixierte ihn. Er wollte aufstehen, aber dann blieb er doch sitzen, so schwer lastete ihr Blick auf ihm. „Hat Herr Landau Ihnen erklärt, worum es mir geht?“ Grün griff mit einem Finger unter seinen Hemdkragen, der plötzlich enger geworden war.

„Ist das hier ein Bordell, Herr Grün?“ Miss Sanchez stellte die Frage in einer sachlichen Art, aber Grün entging nicht, dass es für sie eine wichtige Frage war. „Nun ja, das hängt jetzt von Ihrer Definition ab.“ Grün bewegte seinen Hintern auf dem Stuhl hin und her. „Das sind ja alles erwachsene Menschen, da unten. Da kann es schon mal vorkommen, dass es dazwischen funkt und dann will ich als Gastgeber natürlich nicht im Wege stehen…“

Miss Sanchez starrte ihn an. „Hat Herr Landau Ihnen gesagt, was ich mache?“ – „Ähm, ja. Das hat er. Er sagte, Miss Sanchez tanzt, ist sexy und witzig zugleich. Das hat er so gesagt.“ – „Und welche dieser Fähigkeiten brauchen Sie hier?“ Grün röchelte etwas, bevor er antworten konnte. „Nun, ich denke alle diese Fähigkeiten sind genau das, was wir hier brauchen. Sie sind wirklich eine Persönlichkeit.“ – „Ich wette, das hat Herr Landau Ihnen auch gesagt.“ Grün nickte beflissen. „Das sagt er nämlich immer, Herr Landau. Er denkt, es wertet mich auf.“ Miss Sanchez ging vor Grün auf und ab. Er folgte ihr mit den Augen und wagte nicht, ungefragt zu sprechen. „Es gibt nur ein Problem hier, Herr Grün.“ Grün hielt den Atem an und erst als Miss Sanchez nichts mehr sagte, atmete er weiter und fragte er nach. „Was denn, Miss Sanchez?“ – Es gibt nur ein Problem hier, Herr Grün“, wiederholte sie. „Ich arbeite nie in einem Bordell und nach meiner Einschätzung ist das hier eindeutig ein Bordell. Habe ich recht?“ Grün bewegte den Kopf unschlüssig hin und her, bis Miss Sanchez ruckartig das Kinn hob und ihn dabei scharf anschaute. Er nickte. Sie kam auf ihn zu und stellte ihre Handtasche auf den Schreibtisch. Daraus zog sie einen Zettel, den sie Grün hinlegte. „Unterschreiben Sie hier.“ – „Was ist das?“, fragte Grün. „Nichts Schlimmes. Es besagt, dass ich hier war, mit Ihnen gesprochen habe und dass Sie mich nicht haben wollen. Ich brauche das für Herrn Landau.“ Grün blickte auf den Zettel vor ihm. „Aber, ich will sie haben. Ich meine, ich will nicht, dass Sie gehen. Auch wenn Sie hier nicht arbeiten wollen. Ich würde sie gerne wieder sehen.“ Miss Sanchez lachte laut auf und zeigte mit dem rot lackierten Nagel ihres Zeigefingers auf die Stelle, an der Grün schließlich unterschrieb.

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