(61) Miss Sanchez ist eine Bombe, Herr Grün.

von Alain Fux

„Miss Sanchez ist eine Bombe, Herr Grün. Es wird Sie umwerfen, und ich verspreche nicht zu viel.“ Magnus Landau telefonierte mit Theo Grün, dem Besitzer eines halbseidenen Nachtlokals mit dem Namen ‚Theo’s Safari Pub‘. Darin fanden müde Männer alles, was ihre Moral nach einem harten Arbeitstag heben konnte. Alkohol, Frauen und zur Not einen Barkeeper, der so tat, als ob er sich mit Anteilnahme ihre Geschichten anhörte.
Grün hatte das Gefühl, dass das Niveau in seinem Laden am Sinken war. Er machte es am Verhältnis Anzahl Faustkämpfe zum Umsatz fest. Die Faustkämpfe holten auf und das war nicht gut fürs Geschäft. Zur Aufwertung seines Programms suchte Grün nach einer Showeinlage. Ursprünglich hatte er nur eine Frau gewollt, die die Kerle heißmachte und von Schlägereien abhielt. Da Landau schon seit einiger Zeit die Burlesque-Tänzerin Silke Sander alias Miss Sanchez in seiner Kartei führte, hatte er Grün davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit eine Burlesque-Tänzerin brauchte. Landau war nicht sicher, ob Grün überhaupt verstand, worum es bei Burlesque ging, aber sein Job war es, Talente zu vermitteln und nicht, das Allgemeinwissen seiner Kunden aufzufrischen.
„Wie sieht die Miss denn aus?“, fragte Grün, „ist sie dünn?“ Landau dachte kurz nach. „Nun ja, diese Burlesque-Tänzerinnen sind ja in der Regel nicht so mager. Eher Rasseweiber, wenn Sie verstehen, was ich meine… Magere Weiber machen ja auch keinen richtig heiß, oder?“ – „Und sie reißt Witze, sagen Sie?“ Landau rollte mit den Augen. „Sie hat Comedy-Elemente in ihrer Routine, aber man muss das alles live gesehen haben. Was ich Ihnen versichern kann, ist, dass die Show sexy, witzig und sehr unterhaltsam ist. Miss Sanchez ist eine wahre Persönlichkeit. Sie müssten sie halt mal treffen.“
Grün war still. Landau gluckste innerlich, als er sagte, dass Miss Sanchez eine Persönlichkeit sei. Er nahm einen Spiegel aus der Büroschublade und überprüfte sein Gebiss. Mittags aß er gerne einen Salat und für seinen anschließenden Termin wollte er sicher sein, keine Blätter zwischen den Zähnen zu haben. Er hatte zwar vorhin schon seine Sekretärin befragt, aber er hatte den Eindruck, dass sie ihm nicht gerne in den Mund schaute. Eigentlich war auch das beunruhigend, denn seine Zähne waren Landau wichtig.
„Na gut“, sagte Grün am anderen Ende der Leitung. „Ich schau sie mir mal an. Man wird ja nicht dümmer. Kann ich sie denn mal für ein paar Abende im Lokal testen?“
Landau spitzte indigniert den Mund, legte den Spiegel in die Schublade zurück und schloss diese mit einer energischen Handbewegung. „Ungern, lieber Herr Grün. Für Miss Sanchez habe ich noch andere Anfragen vorliegen und ich muss darauf bestehen, dass wir gleich Nägel mit Köpfen machen.“ – „Schon gut, Herr Landau, es war ja nur eine Frage. Kann die Lady heute um fünf bei mir im Club vorbeikommen? Da freue ich mich immer besonders über Damenbesuch. Hehe, kleiner Scherz, Herr Landau.“

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