(60) Jeschke hasste es, wenn andere ihn warten ließen.

von Alain Fux

Jeschke hasste es, wenn andere ihn warten ließen. Er sagte sich dann immer, dass er die Anderen nicht so behandelte, aber das stimmte natürlich nicht.
Jetzt saß er in einem sterilen Besprechungsraum in der Bankzentrale und starrte Löcher in den grauen Nadelfilzteppichboden. Er wartete auf Ericke, seinen Kundenbetreuer. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Umschlag und darin befand sich ein druckfrischer Entwurf für das Cover seiner neuen Platte. ‚Waterloo – Jake Jones goes ABBA“ war der Titel und optisch war das Design ein Duett von Gold und Silber. Jeschke hoffte, dass Ericke darin Wohlstand für alle erkennen würde.
Endlich ging die Tür auf, aber es war nur die Sekretärin, die ihn abholte, um ihn zu Ericke zu führen. Welche Erniedrigung, dachte Jeschke und ließ die Schultern hängen. Als er zu Ericke ins Zimmer geschickt wurde, richtete er sich wieder auf und ging erhobenen Hauptes hinein.
Kurze Zeit später kam er wieder mit hängenden Schultern heraus. Ericke war zwar freundlich gewesen und hatte das Cover bewundert. Als Jeschke ihn aber darauf ansprach, die Laufzeit des Kredites für das Mietshaus zu verlängern, hatte Ericke nur traurig den Kopf geschüttelt. Eigentlich ein Affront, aber was sollte Jeschke tun? Ericke hatte ihm künstlerisch alles Gute gewünscht und ihn noch einmal an das Fälligkeitsdatum des Kredits erinnert.
Vor der Bankzentrale fand Jeschke eine Telefonzelle und rief von dort aus Balkenhausen an. „Jeschke hier. Suchen Sie einen Makler für das Haus, ich muss es doch verkaufen. So schnell, wie es geht.“
Balkenhausen war recht aufgeregt. „Ich habe seit Stunden versucht, Sie zu erreichen. Ein Verkauf wird jetzt nicht einfach sein.“ – „Wie meinen Sie das?“ – „Im Nachbargrundstück wurde eine Fliegerbombe entdeckt. Der Sprengstoffexperte war hier. Alles sehr kompliziert. Das Haus wurde evakuiert und jetzt wird beratschlagt, wie es weitergeht.“
Jeschke wurde kalt auf der Stirn. „Besteht denn Gefahr?“ – „Es ist ein Riesentrumm und es ist nicht klar, ab das Ding scharf ist oder nicht. Liegt direkt an der Außenwand Ihres Hauses.“ – „Und wenn die Bombe losgeht, dann…“ – „Dann“, ergänzte Balkenhausen, „wird das Haus wahrscheinlich einstürzen. Es tut mir leid. Da hilft nur hoffen und beten.“
Jeschke wurde es ganz heiß, als ihm einfiel, dass er aus Kostengründen die Versicherung gekündigt hatte. Ihm wurde schwarz vor Augen und er lehnte sich gegen die Glasscheibe der Zelle. Der Umschlag fiel ihm aus der freien Hand auf den staubigen Boden der Zelle und der Coverentwurf rutschte daraus hervor. Als der Musiker darauf schaute, erkannte er die Worte ‚Waterloo – Jake Jones‘.

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