(59) Jakob Jeschke fluchte und warf den Hörer auf die Gabel.

von Alain Fux

Jakob Jeschke fluchte und warf den Hörer auf die Gabel. Unter seinem Künstlernamen Jake Jones war er der Inbegriff von Leichtigkeit und Eleganz. Privat, konnte er auch ganz anders. So wie jetzt. Sein Hausverwalter Hansdieter Balkhausen hatte ihm gerade mitgeteilt, dass der Bahnhof in der Nähe des von ihm erworbenen Mietshauses, aus der Stadtplanung verschwunden sei. Jeschke fluchte noch einmal und zündete sich ein Zigarillo an. Er brauchte dringend Geld. Das Mietshaus hatte er mit einem kurzfristigen Kredit gekauft, weil ihm ein Stadtabgeordneter einen Tipp mit dem Bahnhof gegeben hatte. Der Kredit würde bald fällig werden und Jeschke hatte momentan keine Liquidität. Und sein Banker saß ihm im Nacken und wollte wissen, ob es mit der Tilgung alles seine Richtigkeit hatte.
Er überdachte seine Optionen. Das Mietshaus würde er nur im äußersten Notfall verkaufen, denn er würde dabei Geld verlieren, wenn er überhaupt so schnell einen Käufer finden würde. Tantiemen oder andere Einkünfte hatte er sobald nicht zu erwarten. Leichte Salonmusik war nicht mehr so sehr in Mode, dass eine künftige Schallplatte mit Geld beliehen werden konnte.
Jeschke bekam ein Blitzen in die Augen. Er sog am Zigarillo. Warum eigentlich nicht? Es reichte, wenn der Banker, dieser Oswald Ericke, daran glaubte, dass eine Platte Geld in die Kassen spülen würde. Dann musste er den Kredit doch verlängern. Alternativen sah Jeschke jedenfalls nicht. Es musste ein Thema sein, dessen Erfolgsaussichten so offensichtlich aussahen, dass sogar jemand wie Ericke darauf abfuhr. Was konnte das sein? Jeschke hatte in seiner Karriere alle Musikrichtungen geschröpft und Geld damit gemacht. Von Rock bis Salsa, von Oper bis Volksmusik. Keine Stilform hatte er ausgelassen. Er hatte die Originalmusik in seinen Arrangementwolf gesteckt und daran gedreht, bis der Sound von Jake Jones herauskam und sich in die Ohren schraubte. Das war aber auch das Problem, denn es gab nichts, was er nicht schon getan hatte und die neuen Manager in der Plattenfirma hatten keine Lust, neue Platten herauszugeben, die Vorheriges nachahmten. Sie hielten Jake Jones eh für ein Auslaufmodell.
Jeschke seufzte und griff nach der Zeitung, die seine Sekretärin auf den Beistelltisch neben das Telefon gelegt hatte. Das große Thema war der Eurovision-Wettbewerb. Jeschke ignorierte diesen Wettbewerb schon seit Jahren, nachdem niemand ihn fragte, ob er teilnehmen wollte. Vor Jahren hätte er gerne mitgemacht, aber jetzt nicht mehr.
Am Samstag hatte eine schwedische Gruppe mit dem Namen ABBA gewonnen. Es gab bisher eine Platte von ihnen, eine zweite war unmittelbar in Vorbereitung. Waterloo, Hmm. Vielleicht ließe Ericke sich davon beeindrucken. Er musste sich die erste Platte der Gruppe mal anhören, um zu sehen, ab es für den Jake Jones-Touch ausreichte. Er rief seinen Agenten Magnus Landau an, damit er ihm die Platten besorgte.

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