(58) Als Benjamin noch ein Kind war, mochte er Musik über alles.

von Alain Fux

Als Benjamin noch ein Kind war, mochte er Musik über alles. Wenn er nach der Schule nach Hause kam, war da keine Mutter, die ihn erwartete, so wie bei anderen Kindern. Seine Mutter war bei einem der mehreren Jobs, die sie genommen hatte, damit das Geld bis zum Ende des Monats reichte.
Aber auch ohne die Aufsicht seiner Mutter war Benjamin fleißig und erledigte, was zu tun war. Zuerst kümmerte er sich um Hausarbeiten. Dafür hatte er einen Plan, auf dem stand, was er an welchem Wochentag erledigen musste. Montag einkaufen. Dienstag Waschen. Mittwoch Bügeln. Donnerstag Staubwischen. Freitag Bad putzen. Samstag Boden wischen. Am Sonntagabend kochte seine Mutter etwas Feines und er machte danach den Abwasch.
Danach erledigte er seine Schulaufgaben. Er hatte keine Mühe damit, das, was er in der Schule gelernt hatte, auch selbstständig anzuwenden. Die Hausaufgaben waren schneller gemeistert, als die Hausarbeiten.
Dann bereitete er sich das Abendbrot zu. Beim Essen stellte er das Radio ein und hörte Musik. Er konnte einen Sender empfangen, der vor allem Popmusik in Arrangements von klassischen Orchestern spielte. Das war der Höhepunkt seines Tages. Er schätzte ganz besonders Mantovani, Fiedler und die Boston Pops sowie Jake Jones und sein Salonorchester.
Irgendwann kam seine Mutter nach Hause, klagte über ihre Rückenschmerzen und Benjamin ging ins Bett.
Seine Mitschüler mochten ihn nicht, weil er mühelos schnell lernte und weil er zusammengewachsene Augenbrauen hatte. Für beides konnte er nicht, aber er musste die Hänseleien dennoch ertragen. Manchmal war es egal, was er sagte, denn sie machten sich immer über ihn lustig. Einmal wurde in der Schule über Musik geredet und die Lehrerin fragte die Kinder nach der Art von Musik, die sie gerne hörten. Als Benjamin die Frage mit „Jake Jones und sein Salonorchester“ beantwortete, wussten die anderen Kinder nicht, was er meinte. Als die Lehrerin ungläubig nachfragte, ob er nicht zu jung für Jake Jones sei, denn die einzigen Fans von Jake Jones, die sie kannte, waren ihre Eltern. Die Klasse lachte hämisch und fortan nannten sie ihn ‚Jake Jones‘.
In seiner ganzen Schulzeit hatte Benjamin Gutzeit keine Freunde, aber jedes Mal, wenn er vor dem Radio saß und Jake Jones und sein Salonorchester hörte, war er mit der Welt versöhnt.

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