(57) Benjamin Gutzeit stellte das Mikrofon auf den Klapptisch vor seine Mutter.

von Alain Fux

Benjamin Gutzeit stellte das Mikrofon auf den Klapptisch vor seine Mutter. Das Krankenhausbett hatte er so verstellt, dass sie etwas aufrecht sitzen konnte. Die Prognose für sie war schlecht und Benjamin war eingefallen, nachdem er mit dem Arzt gesprochen hatte, dass er eigentlich sehr wenig über seine Mutter wusste.
Hermine Gutzeit hatte sich immer sehr rührend um ihren Sohn gekümmert und er wusste, dass sie hart gearbeitet hatte, um seine Chancen auf ein besseres Leben zu verbessern. Er wusste aber überhaupt nichts über ihr Leben, bevor er dazu gekommen war. Vor allem wusste er nicht, wer sein Vater war. Seine Mutter hatte die Frage mehrmals beiseite gewischt und irgendwann hatte er nicht mehr gefragt. Dies war wahrscheinlich seine letzte Chance. Er hatte daher einen Rekorder mit Mikrofon ins Krankenhaus gebracht und nach etwas Überlegen hatte seine Mutter eingewilligt.
Benjamin hatte eine Reihe von Fragen notiert, die er mit seiner Mutter klären wollte. Er wollte nicht zuerst mit der Kernfrage nach der Identität seines Vaters herausplatzen und fragte sie deshalb, was sie getan hatte, bevor er zur Welt kam.
„Nichts, Benjy. Ich habe vor Dir nichts getan, worauf ich stolz sein könnte. Du hast meinem Leben erst einen Sinn gegeben. Vorher habe ich dies oder jenes gemacht, was man halt tut, wenn man keine vernünftige Ausbildung hat und wenig Glück. Aber ich war auch Filmschauspielerin. (Sie lachte.) Ja, jetzt schau nicht so, das klingt besser als es war. Ich habe damals viel gekellnert und eines Tages, ich war gerade beim Abkassieren, fragte mich ein Mann, ob ich Lust hätte, etwas Geld beim Film zu verdienen. Er sagte, dass es dabei um Kunstfilme ginge. Avantgarde. Das war mir ein Begriff, denn es war eine Künstlerkneipe und da gingen einige junge Leute ein und aus, die bereits einen Namen hatten. Sagte man mir zumindest. Ich zierte mich zuerst, sagte, dass ich keine Erfahrung hatte. Der Mann meinte nur, dass es genau das war, wonach man suchte. Er gab mir seine Karte und ich sollte ihn anrufen. Aus Neugier rief ich an und aus Naivität sagte ich zu, die Rolle einer Bauerntochter zu übernehmen.“
„Und dann?“, fragte Benjamin. „Wurde der Film wirklich gedreht?“
„Ja, der Film wurde gedreht. Allerdings war es etwas anders, als es der Mann gesagt hatte. Es war ein billig gemachter, schwachsinniger Sexfilm. So wie diese Lederhosenfilme, aber vielleicht etwas subtiler. Egal. Den Titel habe ich erst später herausgefunden, als ich die Abrechnung bekam. ‚Das geheime Sexleben des Osterhasen‘. Und es ging wirklich um einen Osterhasen, der Eier verteilte und dabei junge Bauerstöchter flachlegte.“
Es war still im Krankenzimmer. Man hörte nur das laute Ticken des Weckers.
„Es tut mir leid, dir das so sagen zu müssen, Benjy: Der Osterhase war dein Vater. Ich kenne leider seinen richtigen Namen nicht. Sein Künstlername war auf jeden Fall Tom Ferrari.“

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