(56) Guberath trank einen Schluck von dem Bier und entspannte sich.

von Alain Fux

Guberath trank einen Schluck von dem Bier und entspannte sich. Die Idee mit dem Kino war nicht besonders gut gewesen. Spontane Eingebungen funktionierten nie bei Frauen, warum lernte er das nicht. Außerdem interessierte ihn bei Bianca nur ihre momentane Haarlosigkeit, die sie jedoch unbedingt verstecken wollte. All das war doch keine Basis für eine Beziehung.
Wenigstens würde er jetzt den zweiten Film des Double-Features ungestört sehen können. Deshalb war er eigentlich da. Es war ein seltener, älterer Sexploitation-Streifen, den er nicht auf Video oder DVD finden konnte und der hier, seiner Meinung nach zum ersten Mal seit der Uraufführung, im Kino gezeigt wurde. Ein legendärer Film, den er schon immer sehen wollte: ‚Das geheime Sexleben des Osterhasen‘. Das wäre erst recht nichts für Dr. Bianca Gebenroth gewesen, dieser verkopfte Blaustrumpf. Ihre Glatze war zwar scharf, aber alles andere uninteressant. Er sollte bei Frauen nicht so sehr auf Äußerlichkeiten achten.
Als Santo das Raumschiff der Marsianer schließlich zur Explosion gebracht hatte, gab es eine kurze Pause, die alle anwesenden Zuschauer zum Erleichtern ihrer Blase nutzten. Manche unterhielten sich über den Stellenwert des eben gesehenen Films innerhalb der Santo-Reihe. Manche Experten fanden, dass dieser Titel gleich hinter ‚Santo gegen die Vampirfrauen‘ rangierte. Dann ging es weiter mit dem zweiten Film des Abends.
‚Das geheime Sexleben des Osterhasen‘ war als Dokumentarfilm aufgezogen, bei dem ein weißbekittelter Brillenträger über den Osterhasen fabulierte. Der Vortrag leitete über zu einem Voiceover mit Bildern von blühenden Wiesen. Der Osterhase, ein recht breitschultriger Mann in einem weiß- und rosafarbenen Plüschkostüm, zog durch das Land. Auf dem Rücken trug er einen Korb und verteilte seine Eier an die weibliche Bevölkerung, die durchweg aus drallen Bauerntöchtern bestand. Immer wieder fragte der Osterhase Frauen, ob sie die Eier in Schokolade oder in Natur haben wollten. Wenn die Frauen sich für Natur entschieden, knöpfte der Osterhase seinen Latz auf und brachte sein beeindruckendes Gemächt zum Vorschein. Dann ging es zur Sache. Der Ablauf war immer gleich.
Bernhard schaute auf die Uhr. Dann hob er den Sixpack an und sah, dass noch genau eine volle Flasche darin war. Er beschloss, nur noch solange zu bleiben, wie er brauchte, um diese Flasche zu leeren. Er war enttäuscht. Enttäuscht von dem Osterhasen-Film, der für ihn zu schematisch und glatt aufgezogen war. Inhaltlich gab es eine Checkliste des Regisseurs, deren Punkte nacheinander abgehakt wurden. Technisch war der Film aber einwandfrei. Jetzt bereute er es, Bianca einfach so ziehen gelassen zu haben. Es war wie bei dem Hund, der zwei Hasen jagen wollte und am Ende keinen erwischte. Er wollte den zweiten Film sehen und hatte Bianca nicht aufgehalten und war ihr auch nicht nachgelaufen. Und der Film war ein Reinfall.
Während der Osterhase eine Frau von hinten rammelte und ihr dabei Schokoladeneier in den verschmierten Mund stopfte, trank Bernhard die letzte Flasche aus. Er unterdrückte halbherzig den logischen Rülpser und stellte die Flasche neben ihre fünf Schwestern. Beim Hinausgehen aus dem Kino überlegte er, ob er nicht doch Bianca anrufen sollte. Vielleicht war ja noch nicht alles verloren. Hinter ihm fragte der Osterhase wieder: „Welche Eier hätten’s denn gern?“

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