(55) Der Kinobesuch von Bernhard und Bianca stand unter keinem guten Stern.

von Alain Fux

Der Kinobesuch von Bernhard und Bianca stand unter keinem guten Stern. Er hatte den Film ausgesucht und sie war bereits vom Kino, einem alten, müffelnden Programmkino, wenig angetan. Als sie dann erfuhr, dass der Film ‚Santo und die Invasion der Marsianer‘ hieß, ahnte sie, dass ihr Kommen keine gute Entscheidung gewesen war. Bernhard erklärte ihr, dass er Underground-Filme über alles schätzte, weil sie nicht so glatt und geleckt daherkamen wie Hollywood-Produktionen. „Sie haben einen besonderen Charme, du wirst sehen“, beschwichtigte er sie. Sie ging erst einmal mit. Als er ihr eine Flasche Bier von seinem mitgebrachten Sixpack anbot, lehnte sie ab. In dem kleinen Kinosaal saßen nur ein halbes Dutzend Zuschauer. Alle waren Männer, die alleine da waren und verstohlene Blicke auf sie warfen. Vielleicht war die blonde Langhaarperücke, die Bianca sich für den Abend gekauft hatte, zu spektakulär ausgefallen.
Es wurde dunkel im Saal und der Filmprojektor ruckelte los. Es war ein mexikanischer Film mit deutschen Untertiteln. Zuerst dachte Bianca, dass sie die Geschichte nicht verstand. Aber dann ging ihr auf, dass die Story wirklich so hanebüchen war.
Die Marsianermänner hatten nackte Oberkörper und trugen glänzende Leggings. Ihre Frauen zusätzlich glänzende Oberteile. Sie wurden angeführt von Argos und kamen nach Mexiko, um die Welt zu einer atomaren Abrüstung zu bewegen. Weil die Erdlinge sie nicht ernst nahmen, besetzten die Außerirdischen einen Park, in dem Santos, der Ringer mit der Silbermaske, junge Knaben im Ringen unterrichtete. Die Marsianer nahmen eine Gruppe von Erdlingen als Geiseln und entführten sie auf ihr Raumschiff. Das machte Santo wütend und er schlug sich mit einem Marsianer, der danach ebenfalls auf das Raumschiff flüchtete.
Bianca schaute öfters zu Bernhard, der dem Film mit einem seligen Lächeln auf den Lippen folgte. Es war unfassbar. Hier saß sie, Dr. Bianca Gebenroth zwar momentan haarlos, aber doch Promotion mit magna cum laude, neben einem Freak und schaute sich in einem abgefuckten Kino einen Film mit maskierten Ringern und Marsianern an. Die nächsten Minuten achtete sie nicht auf den Film, sondern dachte nach, wie sie am besten aus der Nummer herauskam. Mit Bernhard hatte sie noch so lange beruflich zu tun, bis der Einbruch in das Affenlabor geklärt war. Sie wollte ihn deshalb nicht zu barsch abservieren.
Als Santo gerade einen weiteren Ringkampf beendet hatte, flüsterte sie zu Bernhard: „Ich bin mir nicht so sicher, ob ich den Film mag…“ Bernhard nickte, starrte aber weiter wie gebannt auf die Leinwand. „Ich… ich möchte lieber nach Hause gehen…“ Bernhard sagte nur „OK.“ Das machte Bianca wütend. Er gab sich keine Mühe, sie umzustimmen. Er bot nicht an, sie nach Hause zu begleiten, dort vielleicht sogar Sex mit ihr zu haben. Ihretwegen sogar ohne Perücke, denn sie hatte gemerkt, dass er von ihrer Glatze völlig fasziniert war.
Er sagte nur ‚OK‘. Mit einem Ruck stand sie auf und ging an Bernhard vorbei durch die Reihe zum Ausgang. Er versuchte nicht, sie aufzuhalten. Als sie die Tür aufdrückte, glaubte sie zu hören, wie Bernhard eine weitere Flasche Bier öffnete.

Advertisements