(54) Bernhard Guberath kannte sich aus bei Aktionen in Tierlaboren.

von Alain Fux

Bernhard Guberath kannte sich aus bei Aktionen in Tierlaboren. Seit die Attacken der Tierschützer zugenommen hatten, waren die Versicherer unsicher geworden, ob sie sich in dieser Branche weiter engagieren sollten. Guberath ermittelte im Auftrag aller einschlägigen Versicherungsunternehmen bei diesen Aktionen. Einen Fall wie den von Dr. Gebenroth hatte er bisher noch nicht erlebt. Sie saß vor ihm in dem Besprechungsraum, den er sich für die Dauer seines Aufenthalts hatte zuteilen lassen. Unter ihrem Kopftuch schauten ihn verheulte Augen an. Sie sah jämmerlich aus. Sie hatte ihm bereits dreimal erzählt, wie Beier auf sie losgegangen war, wie er vorher das Unternehmen infiltriert hatte und wer noch bei der Sache dabei war.
Was Guberath irritierte, war der Mix aus höchster Professionalität bei der Vorbereitung und dann die stümperhafte Art, mit der der Plan ausgeführt worden war. Es passte nicht zusammen. Die Aggression gegen Frau Dr. Gebenroth passte bedingt in das Schema, aber die Art der Ausführung war auch hier zumindest seltsam. Guberath schaute von seinen Notizen zu Frau Dr. Gebenroth auf. Er legte den Plastikkugelschreiber nieder. „Ich weiß, es ist schlimm. Aber ich muss sie bitten, mir ihr… ihren Kopf zu zeigen. Ohne Tuch.“ Sie kniff die Augen wie vor Schmerz zusammen. Guberath hatte Angst, dass sie wieder mit Heulen anfangen würde. „Es muss sein“, wiederholte er.
Mit unsicheren Händen öffnete sie den Knoten am Kopftuch und nahm es ab. Nachdem Beier sie mit dem Affenrasierer traktiert hatte, war sie nicht vollständig kahl gewesen. Dazu hatte er zu unsauber gearbeitet. Der Notarzt hatte ihr zuerst die Kopfhaut und die paar Schnittwunden desinfiziert. Dann hatte sie sich selbst die letzten Haarfetzen wegrasiert. Die sporadischen Büschel, die stehengeblieben waren, mussten weg. Jetzt war sie vollständig kahl und als sie das Kopftuch lüftete, sog Guberath kaum hörbar die Luft ein und verharrte so, seinen Blick auf die nackte Kopfhaut von Dr. Gebenroth gerichtet. Als ob er das Atmen vergessen hätte. Erst als sie ihn fragte, ob sie sich wieder verhüllen konnte, war der Bann gebrochen. Er nickte und hatte einen trockenen Mund. Er trank einen Schluck Wasser, während sie das Kopftuch wieder anlegte.
Guberath war verwirrt. Seit er vor 13 Jahren Versicherungsermittler geworden war, hatte es ihm nie Probleme bereitet, immer das Richtige zu tun. Jetzt kämpfte er dagegen. Er musste sich eingestehen, dass er sich in Dr. Gebenroths Glatze verliebt hatte. Er sagte sich, dass sie als Zeugin für so etwas tabu war. Dass es nur vorübergehend sei, da Dr. Gebenroth voraussichtlich ihre Haare wieder wachsen lassen würde. Aber es ließ tief in ihm drin nicht locker. Er fragte sie ganz unverblümt, ob sie abends etwas zusammen unternehmen könnten. Sie zierte sich zunächst, sagte dann zu seiner Überraschung aber zu. Vielleicht tat ihr die Aufmerksamkeit gut. Sie wollte als Frau, und nicht als Glatze wahrgenommen werden. „Gehen wir ins Kino“, schlug er vor, denn das hatte er sowieso vorgehabt und etwas anderes fiel ihm spontan nicht ein. Sie nickte, fing dann aber zu kichern an. „Blöder Gedanke, achten Sie nicht auf mich. Habe nur gerade gedacht, dass wir Bernhard und Bianca heißen.“ Guberath stutzte, lachte dann aber mit. „Dann passt Kino für uns doch wie die Faust aufs Auge!“

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