(51) Nico hatte die Falle nicht bemerkt.

von Alain Fux

Nico hatte die Falle nicht bemerkt. Weil er den Anschluss zu seiner Gruppe verloren hatte, war er unvorsichtig geworden. Jetzt baumelte er in einem Netz hoch oben in den Baumwipfeln. Zuerst war er panisch geworden, hatte wild gekreischt und versucht die Seile, die die Maschen bildeten, durchzubeißen. Aber das ging nicht. Dann arbeitete er daran, die Schlaufe, durch die er in den großen Beutel hineingerutscht war, wieder zu öffnen, um zu entkommen. Auch das ging nicht, denn der Eingang war fest verschlossen. Langsam beruhigte er sich, da er ohnehin nichts machen konnte. Als er ruhig war, befiel ihn wieder Panik und er unternahm die gleichen Befreiungsversuche noch einmal.
So ging es zwei Tage und zwei Nächte lang. Er hatte Hunger und Durst und gab schließlich auf. Dann kamen die Männer, um ihn mitzunehmen. Er biss in den Arm, der ihn aus dem Netz herausholen wollte, aber da war nur dicker Stoff, der seinen Speichel aufsaugte. Sein Fänger lachte nur und schlug ihn mit einem kleinen Holzknüppel auf den Kopf. Nico verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, war es dunkel um ihn herum und er hörte andere Affen in seiner Nähe. Sie wimmerten, kreischten manchmal oder atmeten nur in einer Art, wie es nur Resignierte tun. Es roch nach Angst und Verzweiflung. Weiter weg konnte er ein dumpfes Stampfen ausmachen, das nicht aufhören wollte. Nico stieß einen klagenden Schrei aus, aber keiner ging darauf ein. Alle waren nur mit sich selbst beschäftigt. Nico griff um sich herum. Er fühlte Gitterstäbe und ein paar Bananen, die davor hingen. Er griff danach und löste erst einmal das Hungerproblem. In seinem Käfig fand er eine Leitung, aus der Wasser in einen Trog tropfte. Hier konnte er seinen Durst stillen. Sein Käfig schwankte und es wurde ihm schlecht. Die meiste Zeit schlief er.
Nach langer Zeit wurde es hell. Männer, andere Männer, kamen herein und fingen an, die Käfige abzutransportieren. Auch den von Nico. Sie wurden alle in eine große Kiste gesteckt und dann wurde es wieder dunkel. Sie hatten sich bereits daran gewöhnt, keiner klagte. Nico spürte, dass alle nur hinter ihren Gitterstäben ängstlich darauf warteten, was mit ihnen passieren sollte. Manchmal schwankte alles und Nico wurde wieder schlecht. Kurz nachdem es still geworden war, ging die große Kiste wieder auf und es wurde hell. Männer in weißen Kitteln kamen herein und trugen die Käfige in einen großen, weißen Raum. Nicos Käfig wurde an einen anderen Käfig gehalten und ein Mann mit einem schwarzen Bart gab ihm einen Stoß mit einer Holzstange, damit Nico den Käfig wechselte. Als der Bärtige die Sicht wieder freigemacht hatte, sah Nico, dass ihm gegenüber eine ganze Batterie von identischen Käfigen aufgebaut war. Darin saßen andere Affen, deren Köpfe genauso aussahen wie seiner, die er aber noch nie gesehen hatte. Allerdings, und das war für Nico ein richtiger Schock, hatten alle unterhalb des Halses keine Haare mehr. Ihm gegenüber saß eine ganze Bande unbehaarter Affen. Apathisch schauten sie in seine Richtung. Falls sie ihn sahen, ließen sie es sich nicht anmerken.

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