(49) Die Flammen waren gelöscht und es qualmte nur noch an wenigen Stellen.

von Alain Fux

Die Flammen waren gelöscht und es qualmte nur noch an wenigen Stellen. Das Dach war eingestürzt, viele Wände standen noch aufrecht da. Der Rauchgestank biss in der Nase. Paul Eisermann trat aus dem völlig zerstörten Haus. Der Feuerwehrmann stellte den Käfig nieder und legte das Atemschutzgerät ab. Er schaute sich nach den Kindern um. Er sah Nico und Marie unter einer der Pappeln stehen. Der Zehnjährige hielt seine zwei Jahre jüngere Schwester in den Armen und tröstete sie. Eisermann nahm den Käfig wieder hoch und ging zu den Kindern. „Hallo“, rief er von weitem und hob den Käfig hoch, als die Kinder schauten. Marie kam auf ihn zugelaufen. Nico brauchte etwas länger, bevor er sich in Bewegung setzte.
„Es geht ihnen, glaube ich, gut“, erklärte Eisermann der Kleinen, als sie in den Käfig schaute. „Bibi“, rief das Kind begeistert. „Bibi und Billy“, wiederholte es. Die beiden Goldhamster sahen für Eisermann völlig identisch aus. Er hatte sie genau dort gefunden, wo Marie es gesagt hatte. Es war etwas knifflig gewesen, denn die Decke drohte einzubrechen, aber Eisermann hatte sich bis zur Küche durchgekämpft und den Käfig gefunden. Die Hamster schauten neugierig nach oben und schienen keinesfalls traumatisiert. Eisermann hätte allerdings auch nicht gewusst, wie ein traumatisierter Goldhamster aussah. Vielleicht waren die beiden ja völlig am Ende, bewahrten aber die Fassade abgeklärten Goldhamstertums. Was wusste man denn schon über das Seelenleben von überzüchteten Luxusnagern?
Nico kam dazu und schaute in den Käfig. Eisermann hätte ein Dankeschön erwartet, fand es aber auch unpassend, danach zu fragen. Er ging wieder zurück zu den Kollegen, die damit angefangen hatten, die Schläuche wieder einzurollen.
Nico öffnete den Käfig und packte einen der Hamster am Nacken. Er zog ihn heraus. „Das ist Bibi!“, entrüstete sich Marie. „Das ist meiner!“ – „Unsinn“, entgegnete Nico. „Das ist Billy! Meiner!“ – „Nein“, schrie Marie. Sie griff in den Käfig und nahm den anderen Hamster heraus. Sie befühlte seine Beine. „Das ist Deiner! Ich kann die dicken Stellen fühlen.“ Vor einem Jahr hatte Nico einen seiner Tobsuchtsanfälle gehabt und dabei Billy mit einer dünnen Metallstange geschlagen. Der Hamster hatte ein Bein gebrochen und es war für den Tierarzt gar nicht so einfach gewesen, dem Hamster eine Schiene und einen Gipsverband anzulegen. Aber Billy war ein sehr umgänglicher Nager und hatte alles über sich ergehen lassen. Der Bruch war verheilt und außer, dass er beim Laufen etwas hinkte, merkte man ihm nichts an.
Marie setzte Billy auf die Erde und wollte Nico Bibi aus den Händen nehmen. Unbemerkt von allen ergriff Billy seine Chance und lief, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, in die hohen Gräser um die Pappeln. Nico wandte sich ab von Marie, um ihrem Zugriff zu entgehen. Seit er Ritalin einnahm, waren seine Wutanfälle seltener geworden, aber er war immer noch ein schwieriger Zehnjähriger geblieben.
Die Untersuchungen der Feuerwehr waren nicht eindeutig, aber es blieb der Verdacht, dass das Feuer im Einfamilienhaus das Ergebnis von Brandstiftung war. Nico wollte nicht einmal mit seinem Therapeuten darüber sprechen.

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