(48) Pierre Dumas stand allein oben auf der Anhöhe und sah zum See hinunter.

von Alain Fux

Pierre Dumas stand allein oben auf der Anhöhe und sah zum See hinunter. Ein unglaublicher Ort, dachte er. Hier müsste man ein Haus bauen. Er wandte sich um und da stand es. Eine Villa. Das ebenerdige Geschoss war vollständig verglast, nur von drei Säulen aus Natursteinen unterbrochen. Darüber lag ein komplex gefaltetes Dach mit großen Mansarden in unterschiedlichen, aber harmonisch abgestimmten Größen. Dazwischen lag das Dach auf einer weiteren Schicht von Natursteinen auf. Dumas erkannte, dass er das Haus entworfen hatte, es war seine Handschrift. Er konnte sich aber nicht erinnern, wann das gewesen war und dass es wirklich umgesetzt worden war. Nach allem was er gelernt hatte, war dies das Haus, das er als Krönung seines Werkes durchgehen ließ. Würde man es Pierre-Dumas-Haus nennen, so wäre das nur gerecht.
Wind kam auf und die Pappeln, die das Haus umsäumten, rauschten. Dumas ging auf das Haus zu und wollte hineinschauen. Aber die Fenster wurden milchig, als er sich ihnen näherte, als ob sie schamhaft waren. Er hielt die Hand an das Glas und versuchte, in deren Schatten hindurchzuschauen, aber es war zwecklos. Als er sich umdrehte, um das Haus zu umrunden, bemerkte er, wie sich weiße Girlanden von den Pappeln nach unten abrollten. Sie wehten mit dem Wind in Richtung des Hauses. Zuerst sah es festlich aus, wie die Dekoration bei einem Weißen Ball. Dann wurden die Papierstreifen aber immer länger und verwickelten sich ineinander. Teile davon rissen ab und wurden vom Wind gegen das Haus gedrückt. Wirbel entstanden an den Ecken des Hauses und wickelten die Bänder zu Papierkugeln auf, die immer größer wurden. Dumas gefielen diese Kugeln nicht. Sie brachen mit der klaren Linie der Architektur und es sah einfach sehr unordentlich aus. Wer auch immer dieses Fest geplant hatte, wusste nicht, wann es genug war. Diese Orgie an Girlanden war eine Verschwendung und ein Krebs für die Augen.
Die Papierbälle bekamen jetzt eine orangefarbene Färbung. Dumas schaute sich um, woher dieses Licht kam. Es kam aus dem Inneren des Hauses. Irgendeine Lichtquelle dort strahlte dieses Licht ab und es diffundierte an den milchigen Fenstern. Es strahlte auf die weißen Bänder und färbte sie ein. Ein guter Effekt, dachte Dumas. Aber es war einfach zu unordentlich für seinen Geschmack. Eigentlich war es eine Beleidigung an seinem Werk. Das Haus musste hinter der Dekoration zurücktreten, und das war nicht akzeptabel.
Der Lichtschein wurde stärker, weil die Milchigkeit der Scheiben nachließ. Gleichzeitig bewegte sich das Licht. Mit großen Augen sah Dumas, dass es im Haus brannte. Das Feuer schien sich nicht von einer Sache zu nähren, sondern hing frei in der Luft, mitten im Erdgeschoss der Villa. Wie eine kleine Miniatursonne. Gebannt starrte Dumas in die Helligkeit hinein. Die Farbe wechselte langsam von Orange zu Dunkelgelb, dann zu Hellgelb. Der Feuerball wurde größer. Jetzt trat auch Rauch neben den Fenstern aus dem Haus heraus. Dumas hustete und trat ein paar Schritte nach hinten.
Die Flammen hatten jetzt auch das Dach erreicht. Es knackte bedrohlich. Dumas konnte sich nicht vom Fleck rühren. Papierkugeln hatten sich an seine Beine geheftet und hielten ihn fest. Das Fenster vor ihm zerbrach und die Flammen griffen nach ihm. Das Papier brannte lichterloh und er wollte schreien, um endlich aus diesem Albtraum zu erwachen. Aber dann wurde nur das Bild milchig, dann weiß. Es flackerte kurz und ging dann aus.

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