Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: April, 2017

(77) Meinetwegen nehmen wir diesen Motivationstrainer der Bundeswehr.

„Meinetwegen nehmen wir diesen Motivationstrainer der Bundeswehr.“ Dietmar Tollkamp schob das Papier mit den verschiedenen Alternativen zurück an Elke Solak, die Office Managerin von Tollkamp Senft & Partner. Sie hatte schon seit Monaten immer wieder ihren Chef bearbeitet, ein Motivationsseminar für das Team durchzuführen. Endlich hatte er zugestimmt.

Es war nicht so, dass Dietmar Tollkamp nicht merkte, dass es in der Online-Agentur nicht rund lief. Seit Kris Senft, der zweite Gründungspartner, die Agentur verlassen hatte, war auch die gute Laune weg. Die Mitarbeiter erledigten zwar weiterhin ihren Job und es gab auch keine Klagen von den Kunden. Aber es war alles viel verkrampfter und die Energie im Unternehmen floss nicht mehr so frei, wie das mit der Frohnatur Senft gewesen war. Tollkamp selbst war eher introvertiert und überließ die Probleme eher sich selbst, als dass er sie mit Schwung angegangen wäre. Am liebsten war es ihm, wenn seine Mitarbeiter die Dinge unter sich klärten. Die unterschiedlichen Auffassungen waren auch der Grund, warum Senft ausgeschieden war. Kurz darauf hatte er eine neue Firma gegründet und gleich auch noch ein paar Kunden mitgenommen. Aber das konnte man ja nicht verhindern. Dafür waren die verbliebenen Kunden umso loyaler.

„Gut“, fasste Elke Solak zusammen. „Ich buche also diesen Leutnant Hanno Stein und seinen Kurs ‚Team or bust‘. Die Zimmer in Fischers Fritz sind gebucht. Vor dem Abendessen könnten wir noch eine gemeinsame Tour mit den Tretbooten des Hotels unternehmen. Das geht den Fluss hoch und soll sehr gesellig sein. Was meinst Du?“

Tollkamp starrte auf seinen Bildschirm. Er war mit den Gedanken schon woanders und Elke wiederholte ihre Frage. „Ich weiß nicht. Passt das denn in das Programm von diesem Leutnant? Vielleicht solltest du dich mit ihm abstimmen. Ich bin auf jeden Fall einverstanden.“

Elke hatte begriffen. Er gab ihr freie Hand bei der Organisation, wollte selbst aber nicht damit behelligt werden. Damit konnte sie leben.

„Gut, ich kümmere mich um das Weitere und schicke dann einen Plan an alle raus. Oder willst du das übernehmen?“ – „Nein, mach nur. Ich habe diese Tage auf jeden Fall bei mir geblockt.“

Das wäre ja noch schöner, dachte Elke und ging aus dem Büro, um diesen Ex-Leutnant der Spezialeinheiten anzurufen. Sie hatte von ihm in einer Fachzeitschrift für Psychologie gelesen. Er war wohl in der Lage, auch die schwierigsten Teams zusammen zu schweißen. Genau das, was Tollkamp Senft & Partner gerade brauchte. Und wenn das nicht helfen würde, konnte sie sich immer noch bei Kris Senft bewerben. Wie sie gehört hatte, stellte er ständig weitere Leute ein.

(76) Der Lobstertanz kostete ihn Umsatz, die Zahlen waren eindeutig.

Der Lobstertanz kostete ihn Umsatz, die Zahlen waren eindeutig. Fritz Mehlan hatte die minutengenauen Abrechnungen der Kasse an verschiedenen Tagen miteinander verglichen und war sehr nachdenklich geworden. Weil ihn ein Stammgast darauf ansprach, hatte Mehlan am Tag davor spontan entschieden, den Lobstertanz der Kellnerinnen ausfallen zu lassen. Er wollte die Umsatzentwicklung vergleichen. Jetzt saß er, wie an jedem Vormittag, an der Bar, trank einen Caffé latte und schaute die Abrechnungen durch.

In der Aufstellung vom Vortag verlief die Umsatzkurve sehr gleichmäßig durch den ganzen Abend. Ständig gab es Bestellungen, keine besonderen Vorkommnisse. An anderen Tagen gab es immer einen Abfall der Bestellungen, wenn die Kellnerinnen ihre Lobsterkostüme anzogen und dann darin tanzten. Mehlan hatte erwartet, dass die Bestellungen einfach später aufgegeben wurden und viele Gäste durch diesen Tanz angeregt wurden und länger blieben, vielleicht noch ein Dessert bestellten oder einen Digestif tranken. Jetzt hatte er die Vergleichswerte vor sich liegen. An den Tagen, an denen ein Tanz aufgeführt wurde, war der Pro Kopf-Umsatz geringer als an dem gestrigen Abend. Am Vortag waren die Gäste länger geblieben und hatten mehr bestellt. Sonst war es ein Abend wie jeder andere. Mehlan war sich bewusst, dass er noch weitere Versuche machen musste. Vielleicht gab es doch eine Besonderheit, die ihm nicht sofort auffiel. Aber er musste sich ebenfalls damit beschäftigen, ob der Lobstertanz als Kundenbindungsmaßnahme nicht einfach überaltert war. Er musste sich etwas Neues ausdenken. Es traf sich gut, dass die Lobsterkostüme etwas in die Jahre gekommen waren und er sie auf jeden Fall auswechseln musste. Vielleicht eine gute Gelegenheit etwas Neues zu probieren.

Mehlan trank aus der großen Tasse und schaute dabei auf den Fluss, der von hinten am Restaurant vorbeifloss, bevor er sich direkt daneben in das Meer ergoss. Die Landzunge war ein hervorragender Platz für das Restaurant. Gerade für ein Fischrestaurant.

Dann hatte er eine Idee: Was wäre, wenn er als Attraktion eine ganze Flotte von Tretbooten einsetzte, die alle in Gestalt von Lobstern daher kämen? Man könnte damit die Kinder ködern oder auch Liebespaare. Das wäre eine Attraktion für den frühen Abend und dann blieben die Leute für das Abendessen. Er stellte sich eine ganze Reihe von roten Pedalos mit erhobenen Zangen vor. Vielleicht war das zu martialisch, zu furchterregend für Kinder. Schwäne!, das wäre bestimmt besser, freundlicher. Auch hatte er schon einmal Tretboote in Schwanenform gesehen. Das war bestimmt günstiger, als Sonderanfertigungen von Lobstern. Man müsste es einmal ausrechnen, dachte Mehlan. Wie lange würde er die Tretboote nutzen können? Wie viele brauchte er, zu welchem Preis? Konnte man sie vielleicht leasen? Dann war es eine ganz einfache Kosten-/ Nutzenanalyse. Auf jeden Fall würde es erst einmal keine weiteren Lobstertänze geben, um sicher festzustellen, ob sie wirklich dem Umsatz abträglich waren.

(75) Milko brachte Aldo zu seiner Höhle, einem niedrigen Ausbruch in einer Felswand direkt am Fluss.

Milko brachte Aldo zu seiner Höhle, einem niedrigen Ausbruch in einer Felswand direkt am Fluss. Gemütlich lagen sie in der Dunkelheit zusammengerollt hinter einem Felsbrocken. Im Hintergrund gurgelte der Fluss beruhigend. So hatte Aldo sich die Freiheit vorgestellt. Er hatte zwar etwas Hunger, aber man konnte am ersten Abend nicht alles erwarten. Es war schade, dass Macho nicht dabei war.

Milko erzählte von einer Episode in seinem Leben, als er in einem Fischrestaurant lebte.

„Es war Zufall, dass ich dort unterkam“, erzählte Milko. „Ich kannte mich am Hafen nicht so gut aus, weil dort vorher Gunnar lebte, ein fieser Dobermann, den ich unbedingt meiden musste. Aber das ist eine Geschichte, die ich dir ein anderes Mal erzählen werde. Als ich hörte, dass Gunnar von einem Lastwagen überfahren wurde, machte ich mich auf, um das Gebiet zu erkunden. An der Anlegestelle gab es ein Fischrestaurant, dessen Fassade komplett rot gestrichen war. ‚Fischers Fritz‘ hieß es. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Aldo, aber ich bin kein wirklicher Fischliebhaber. Schon allein wegen der Gräten. Aber der Geruch von den Mülltonnen neben dem Restaurant war schon sehr anziehend, wie du dir vorstellen kannst. Als ich in die Nebenstraße einbog, stand ich einer Gang von fünf oder sechs Katzen gegenüber. Keine fluffigen Muschikätzchen, sondern brutale Streetfighter mit zerkratzten Gesichtern und rasiermesserscharfen Krallen. Diese Viecher hatten nichts zu verlieren. Sie fingen auch gleich an zu fauchen und zu buckeln. Das ganze Programm halt. Aber Milko lässt sich so etwas nicht gefallen. Ich auf sie drauf, ohne langes Nachdenken. Wie wild biss ich um mich und konnte gleich im ersten Ansturm drei von ihnen vertreiben. Von den Übrigen war einer der Anführer. Ein schwarz-weiß gefleckter Kater, der alle schmutzigen Tricks drauf hatte. Es war am Ende ein Kampf er gegen mich.“ Milko machte eine Kunstpause, bis Aldo fragte, wie es weiterging. „Nun, um es kurzzufassen, ich habe ihn besiegt. Ich blutete zwar an der Schnauze, aber ich hatte gewonnen. Das gefiel dem Restaurantbesitzer, der ein Problem mit der Gang hatte. Er stellte mich ein und gab mir zu fressen. Mit großem Vergnügen stellte ich fest, dass das Restaurant auch Steaks servierte. Das gefiel mir. Es war ein schönes Leben. Was mir nicht so gefiel, war der Ablauf im Restaurant selbst. Der Besitzer hatte sich eine Attraktion ausgedacht, die aber sehr peinlich war. An einem Moment am Abend mussten sich die Kellnerinnen als Hummer verkleiden und den Gästen einen Tanz vorführen. Den Hummertanz.“ – „Nein, wie unangenehm“, sagte Aldo. „In der Tat. Jeden Abend dasselbe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es den Gästen gefiel. Zumindest war es laut und ich nutzte immer diesen Augenblick, um bei den Mülltonnen nach dem Rechten zu suchen und die Katzengang aufzumischen.“

(74) Macho war ein schrecklicher Schisser.

Macho war ein schrecklicher Schisser. Schon seit längerer Zeit hatte Aldo mit seinem Bruder über die große Flucht geredet. Macho hatte immer nur Gründe hervorgebracht, warum sie es nicht tun sollten. Der Zwinger und die Hütte waren ganz angenehm, das Fressen war in Ordnung, es gab genügend Freiheit… Aber Aldo war anderer Meinung. Warum sollte diese Freiheit nur auf ein paar Stunden pro Woche beschränkt sein? Warum konnten sie nicht immer nach Herzenslust durch die Wiesen tollen? Es war nicht einzusehen. Und es würde, da war sich Aldo ganz sicher, niemals besser werden. Das hatte ihm Kuno erzählt, ein alter Hund, der manchmal auch auf dem Deich herumlief. Er hatte auch geglaubt, es würde noch einmal eine bessere Zeit kommen, aber sie kam nie. Nur er veränderte sich und wurde alt und schwach.

Macho hatte manchmal gesagt, dass er bei der großen Flucht mitmachen würde, denn er wollte seinen Bruder nicht alleine lassen. Dann hatte er wieder kalte Pfoten bekommen. Zwischendurch hatte er auch versucht, Aldo davon abzubringen, sogar mit Petzen hatte er gedroht. Aber er wusste, dass er damit bei Aldo nicht durchkam.

Deshalb hatte sich Aldo auch mit Milko, einem quirligen Jack-Russell-Terrier zusammengetan, um den gewichtigen Schritt zu wagen. Macho hätte bis zum letzten Augenblick mitkommen können, aber er musste ja dem Herrchen weiter nachlaufen. Selber schuld.

Aldo konnte auch nicht verstehen, warum das Herrchen immer nach Fleisch roch, aber nie irgendetwas davon mitbrachte. Er wollte wohl alles für sich haben, in der Zeit, wenn er nicht zu Hause war. Das war eigentlich eine einzige Quälerei. Und das Frauchen ging gar nicht mehr spazieren mit Macho und ihm. Früher tat sie das gern und nahm die beiden überall mit. Aber jetzt geschah gar nichts mehr. Vielleicht hing es auch mit Macho zusammen. Er war in den letzten Jahren immer ängstlicher geworden und rastete bei Kleinigkeiten aus. Ein lauter Knall, schon ging das große Gekläffe los. Sicherheit ging Macho über alles. Er wollte immer nur seine Ruhe. Am liebsten gar nicht mehr aus dem Zwinger raus. Aber so ging das nicht. Aldo konnte sich nicht vorstellen, den Rest seines Hundelebens in so einer Umgebung zu verbringen. Es reichte jetzt.

Am Treffpunkt wartete bereits Milko. Aldo freute sich darauf, mehr aus Milkos spannendem Leben zu hören. Der Jack-Russell-Terrier war weit gereist und hatte schon mehrfach das Herrchen gewechselt. Das war ein Hund, der sich nicht alles gefallen ließ. Von ihm würde Aldo noch viel lernen.

„Hey Milko“, sagte Aldo. „Hey Aldo. Das hat ja gut geklappt. Willkommen im Club der freien Hunde.“ Aldo hechelte freudig. Gemeinsam pinkelten sie gegen eine Buche. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

(73) Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen.

Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen. In einem Traum hatte er die Obduktion von Marylin Monroe durchgeführt und es war ein erhebender Traum gewesen. Brigitte hingegen musste schon wieder von Minna von Barnhelm geträumt haben. So ging das jetzt schon seit mehreren Nächten. Kraushaar hatte schon darüber nachgedacht, seiner Frau ein paar Tropfen Flunitrazepam in den abendlichen Kräutertee zu mischen.

Während Brigitte missmutig am Frühstückstisch saß, ging Kraushaar mit den beiden Schäferhunden Aldo und Macho spazieren. Der Weg auf dem Deich am Fluss entlang war immer eine gute Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen und die Dinge in Perspektive zu setzen. Kraushaar ließ die beiden Hunde von der Leine. Beide waren äußerst friedfertig, nachdem der Hundetrainer sich um sie gekümmert hatte.

Brigitte hingegen war über die Jahre immer schwieriger geworden. Als er sie kennengelernt hatte, war sie ein unkompliziertes, junges Ding gewesen, das sein Leben erfrischte. Wäre die Aufführung des Lessing-Stücks damals gewesen, sie hätte sich mit ihm über die verletzten Spießer amüsiert. Heute war sie selbst so eine Spießerin geworden.

Im Institut lief es auch nicht so gut. Nach zwanzig Jahren, davon dreizehn als Leiter, war das nicht mehr so spannend. Sein Assistent war auch nicht immer eine Hilfe. Eine Leiche hatte er verloren. Ja und? Wo Leichen aufgeschnitten und aufgeteilt wurden, da gab es schon mal Schwund. Wer will da noch wissen, ob alle Einzelteile zusammen genommen wieder eine ganze Leiche ergaben oder nicht? Keiner.

Es fehlten Kraushaar die Herausforderungen. Gut, es war schön, dass die Leute ihn schon so sehr kannten, dass sie selbst vorbei kamen, um ihre Körper anzudienen, wie dieser seltsame Vogel neulich. Aber es war keine Herausforderung mehr.

Damals hatte er noch Neuland beschritten. Der Kraushaar-Schnitt zur Öffnung von Thorax und Abdomen hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Ja, die Deutschen. Niemand schaffte es, so effizient Leichen aufzuschlitzen, wie die Deutschen. Und Prof. Kraushaar war darin ein Meister. Das hatte man ihm auf vielen Kongressen bestätigt. Jetzt war es natürlich sinnlos, über diese Schnitttechnik noch einen Vortrag zu halten. Die Yamairgendwas-Technik war natürlich auch nicht schlecht, aber sie war halt nicht von ihm.

Kraushaar war mittlerweile an seiner Wendemarke, einer roten Fahrrinnentonne, angekommen und blieb stehen. Er starrte über den braunen, schnell fließenden Fluss auf die andere Uferseite. Er pfiff nach den Hunden. Macho kam schuldbewusst angeschlichen. „Wo ist Aldo?“, fragte Kraushaar. Macho sah betroffen aus. Kraushaar pfiff noch einmal. Erfolglos. Wann hatte er Aldo zum letzten Mal gesehen? Eigentlich nicht mehr, seit er den Hund von der Leine gelassen hatte. Er seufzte und klipste den Karabinerhaken an Machos Halsband. Jetzt auch noch Schwund bei den Hunden. Kraushaar machte sich auf den Heimweg.

(72) Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen.

Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen. Die Theaterabende mit seiner Frau Brigitte waren sonst immer so langweilig, dass er spätestens nach der Pause in die innere Einkehr gehen musste. Dieses Mal hatte ihn sogar dieses unkaputtbare Schlachtross des Abonnementtheaters fesseln können. Als er nach der Vorstellung mit Brigitte nach Hause fuhr, wagte er es allerdings nicht, seine Freude zum Ausdruck zu bringen. Seine Frau war immer noch schockiert von der Inszenierung und saß düster schweigend neben ihm.

Der Regisseur hatte das Stück gründlich entstaubt. Major von Tellheim war ein kompletter Schlappschwanz, der nicht wusste, was er wollte und nur von Bedenken zerfressen wurde. Minna liebte ihn aus Gründen, die ein Außenstehender nicht nachvollziehen konnte. Aber das war für Kraushaar völlig in Ordnung, denn die Liebe einer Frau zu ergründen, das war einfach unmöglich. Das hatte er vor drei Monaten auch Frank gesagt, als er sich die Leiche eines Mannes angeschaut hatte, den eine verschmähte Geliebte entstellt hatte. Es kam zwar selten vor, dass sich die Gefühle einer Frau derart entluden, aber wenn, dann konnte es in die Fachbücher eingehen.

Minnas Liebe für Tellheim schien Kraushaar deswegen nicht unplausibel. Interessant wurde es, als Minna sich aktiv in den Prozess einmischte, der über Tellheims Schuld oder Unschuld entscheiden musste. Sie tat es, indem sie sich aus der Tellheimschen Waffensammlung, die dieser verpfänden musste, eine Maschinenpistole samt Munition besorgte, und damit einen Rachefeldzug gegen die Beamten startete, die Tellheim vor Gericht gebracht hatten. Erst becircte sie die Männer und ließ sie im Glauben, dass sie mit ihnen schlafen wollte. Den ersten Beamten, den sie aufsuchte, schoss sie in beide Knie und ins Genital, bevor sie ihm den Fangschuss gab. Den zweiten hielt sie zwischen ihren Schenkeln fest und schoss ihm dann den Kopf weg. Alarmiert durch den Schwund bei seinen höheren Beamten, ließ der König sich von den Fällen berichten. Gleichzeitig kam Graf von Bruchsal, Minnas Onkel, hinter die Absichten seiner Nichte und intervenierte beim König. Dieser ließ sich die Akten zu Tellheims Bestechungsfall bringen und verkündete sein Urteil: Tellheim war unschuldig.

Obwohl die Komödie wie bei Lessing ausging, war Brigitte von der Mischung aus Sex und Gewalt verstört. Allerdings war sie auch nicht bereit, vor Ablauf der Vorstellung nach Hause zu gehen, wie Kraushaar es ihr vorgeschlagen hatte, als er bemerkte, dass sie unter der Inszenierung litt.

Als sie zu Hause ankamen, ging Brigitte ohne weitere Worte ins Bett. Kraushaar trank noch ein paar Cognacs und las ein paar Fachmagazine. Am nächsten Tag erwähnte Brigitte das Theaterstück mit keinem Wort. Sie ging danach aber nie wieder ins Theater. Darüber freute sich Prof. Kraushaar.

(71) Als Prof. Kraushaar auf dem Institutsparkplatz zu seinem Wagen trat…

Als Prof. Kraushaar auf dem Institutsparkplatz zu seinem Wagen trat, stand ein alter Mann an die Mauer gelehnt neben dem Schild mit der Aufschrift ‚Prof. Dr. Kraushaar‘. Als er Kraushaar kommen sah, trat er hervor und der Professor musste sich mit ihm beschäftigen, denn er stand vor der Fahrertür des BMW 733i. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte Kraushaar vorsichtig. „Prof. Dr. Kraushaar?“ In der Hand hielt der Mann eine Flasche mit Orangensaft. „Vielleicht… Worum geht es denn? Ich bin in Eile.“

„Es geht schnell“, sagte der Alte. „Ich wollte Ihnen etwas zeigen.“ Instinktiv trat Kraushaar zwei Schritte zurück. Es gab so viele Verrückte auf der Welt. Am Ende wollte er ihn mit Orangensaft begießen.

Der Alte stellte die Orangensaftflasche neben das Auto auf den Asphalt. Dann legte er die Handfläche seiner rechten Hand auf den Schraubverschluss der Flasche und ließ sich nach vorne fallen. Allerdings fiel er nicht, sondern er fing sich mit der Hand auf. Er lag jetzt praktisch parallel zum Boden und hielt sich nur mit seinem rechten angewinkelten Arm in der Schwebe. Sein linker Arm lag eng am Körper und überhaupt war sein ganzer Körper steif wie ein Brett. Kraushaar wusste nicht, was er sagen sollte. Nach ein paar Momenten klemmte er seine Aktenmappe unter den Arm und applaudierte. Der Alte war schon rot im Gesicht, aber erst als er den Applaus von Kraushaar hörte, setzte er die Füße wieder auf den Boden und richtete sich auf. „Na, wie war ich?“, fragte er. „Ganz toll“, antwortete Kraushaar. „Eine reife Leistung. Sie sollten zum Zirkus gehen. Ich habe gehört, man sucht noch Akrobaten. Aber jetzt muss ich wirklich los. Ganz toll.“

„Ich will Ihnen meinen Körper vererben.“ Der Alte schaute Kraushaar erwartungsvoll an. Jetzt fiel der Groschen beim Professor. „Aber so weit sind Sie doch noch gar nicht“, beschwichtigte er. „Sie werden noch auf meinem Grab tanzen. Vor allem, wenn meine Frau mich umbringt, weil ich zu spät dran bin.“

Der Alte schien etwas enttäuscht und stand immer noch vor der Fahrertür. Kraushaar wollte ihn nicht anfassen, aber auch nicht den Pförtner holen. „Also gut, schicken Sie mir einen Brief mit den Einzelheiten. Ich werde sehen, was ich tun kann. So ein Angebot bekommt man ja nicht alle Tage.“ Der Alte strahlte. „Das will ich meinen, Herr Professor Dr. Kraushaar.“ Er trat weg von der Fahrertür. Kraushaar stieg ein und warf die Aktentasche auf den Beifahrersitz.

Beim Ausparken achtete er darauf, dass der Alte keinen Unfug anstellte, wie zum Beispiel sich im Überschwang unter das Auto zu werfen. Der Alte blieb aber nur an der Stelle stehen. Als Kraushaar die Schranke passierte und sich noch einmal hinwandte, winkte ihm der Alte zu. Kraushaar hob vage die Hand und brauste davon.

(70) Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.

„Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.“ André Frank vergrub seine Hände in den Taschen des weißen Kittels und blieb zunächst in der Tür stehen. Er wollte zuerst die Reaktion von Prof. Dr. Benno Kraushaar abwarten, bevor er näher trat. Prof. Kraushaar war sein Chef und gleichzeitig der Leiter des anatomischen Instituts. Er war ausgewiesener Choleriker und es kam vor, dass er mit Gegenständen warf, die gerade greifbar waren. In einem anatomischen Institut zählten Leichenteile zu Gegenständen. Auf seinem Schreibtisch hatte Prof. Kraushaar natürlich keine Leichenteile herumliegen, dafür aber eine Reihe von robusten Bronzeskulpturen, die er sammelte.

Prof. Kraushaar las weiter in dem Vertrag, der vor ihm lag. Sein Füllfederhalter war bereits aufgeschraubt und mit einer Hand ließ er ihn über dem Papier kreisen. Als er ausgelesen hatte, setzte er seine schwungvolle Unterschrift auf das Dokument und schraubte zufrieden den Füllfederhalter zu. Er sah seinen Assistenten an.

„Eine Leiche fehlt? Hmm… Ich nehme an, es sind aber immer noch genug da für die Kurse, oder?“ Frank kam herein und drückte die Tür hinter sich zu. Prof. Kraushaar war guter Laune.

„Es gibt keinen Mangel an Leichen.“ – „Gut so, Frank. Denn ohne Leichen kann man ein anatomisches Institut wahrlich nicht führen.“ Dagegen hatte Frank auch nichts einzuwenden, schließlich musste er die Medizinstudenten auf die Leichen aufteilen unter besonderer Berücksichtigung des Stoffes, den sie gerade durchnahmen. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, die er aber sehr gut meisterte. Wofür er von Prof. Kraushaar auch manchmal ein wohlwollendes Brummen einheimste.

„Wo ist denn das Problem, Frank?“ – „Die Leiche wurde letzten Freitag eingeliefert und ich wollte sie für den Kurs in Unfallchirurgie einteilen, aber sie ist weg.“ – „Haben Sie überall geschaut?“ – „Ja, Herr Professor. Ich habe das Haus von oben bis unten durchsucht, in jede Kühlkammer, unter jedes Tuch habe ich geschaut. Uns fehlt eine Leiche.“ – „Hmm… Also weggelaufen wird sie wohl nicht sein.“

Frank sagte nichts. Es hatte sich nie ausgezahlt, über Prof. Kraushaars dünne Witze zu lachen. Sie infrage zu stellen auch nicht. Schweigen war die beste Antwort. „Was war es denn?“

Frank nahm die dünne Akte aus der Kitteltasche. „Ein Johannes Kara. Zirkusakrobat. Ihm ist ein Schweinwerfer ins Gesicht gefallen. Ich hatte ihn bei der Aufnahme noch gesehen. Die ganze Gesichtsfläche war quasi eine Trümmerfraktur. Daher Unfallchirurgie.“

„Zirkusakrobat, ja?“ Prof. Kraushaar dachte nach. „Kein Zauberkünstler?“ Frank schüttelte den Kopf. Prof. Kraushaar seufzte. „Dann weiß ich es auch nicht. Schreiben Sie doch einfach in die Akte, dass wir ihn“, er schaute auf die Uhr, „heute begraben haben. Und wenn Sie ihn irgendwann doch finden, dann lassen wir ihn halt wieder auferstehen. Wir sind ja eine Uniklinik hier.“ Prof. Kraushaar stand auf. „Ich muss jetzt los, meine Frau will, dass ich mal wieder ins Theater gehe. Ha, wenn die wüsste.“

(69) Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist?

„Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist? Wir müssen noch für heute Abend proben!“ Wieder einmal stand Josef Kara direkt hinter Fabiano, ohne dass dieser ihn gehört hatte. Vor Schreck zuckte er zusammen, wandte sich dann aber verständnisvoll um. „Nein, Josef, ich habe Johannes nicht gesehen. Warum setzt du dich nicht auf die Bank da drüben und wartest auf ihn?“ – „Danke, Fabiano, das werde ich tun“, antwortete Josef und trottete hinüber. Von hinten sah er in seiner schlotternden Jeans, dem Holzfällerhemd und der Baseballmütze wie ein Teenager aus. Von vorne aber verrieten die leeren Augen, der eingefallene Mund und der faltige Hals eine andere Geschichte.

Bis vor zehn Jahren waren die Brüder Josef und Johannes Kara ein sehr erfolgreiches Akrobatenduo gewesen. Sie waren spezialisiert auf die Ikarischen Spiele. Johannes war der Antipodist und lag unten mit dem Rücken auf der Trinka, der gepolsterten Liege. Mit den Füßen jonglierte er über sich den leichteren Josef, den Flieger, der in der Luft verschiedene Sprungkombinationen vollbrachte.

Die fliegenden Karas waren gute solide Artisten, die den Zuschauern den Atem stocken ließen. Bei den Kollegen waren sie sehr beliebt, weil sie immer hilfsbereit waren und weil es bei ihnen keine Intrigen oder Falschheit gab.

Eines Tages, während einer Probe, löste sich ein schwerer Scheinwerfer in der Kuppel und fiel herunter. Die Sicherung war aus unerklärlichen Gründen nicht richtig eingehängt gewesen. Josef wurde seitwärts am Kopf getroffen und einfach weggeschleudert. Johannes aber bekam das große Gehäuse frontal auf Stirn und Gesicht. Er war in der Trinka festgenagelt wie ein Käfer auf einer Schautafel. Er war sofort tot.

Josef lag längere Zeit im Koma und als er wieder aufwachte, hatte er seine Geschicklichkeit und sein Kurzzeitgedächtnis verloren. An den Unfall selbst konnte er sich nicht erinnern, aber an alles, was vorher passiert war. Sein Bruder war für ihn einfach mal weggegangen. Er suchte ständig nach Johannes und wenn man ihm erklärt hatte, was vorgefallen war, dann suchte er spätestens nach zehn Minuten wieder nach seinem Bruder. Josef blieb beim Zirkus, weil er immer noch gut anpacken konnte und weil es für ihn kein anderes Zuhause gab. Meistens waren die Kollegen sehr freundlich zu ihm. Manche erklärten ihm immer wieder, dass sein Bruder tot sei und wie es dazu kam. Andere sagten ihm nur, dass Johannes bald wieder da sei. Fabiano hatte die Erklärungen aufgegeben, weil er Josef nicht ständig den gleichen Schmerz zufügen wollte. Manchmal, wenn die Lage stressig war, wie zum Beispiel beim Auf- und Abbau, wurde Josef im Affekt schon einmal angeschrien, weil er wichtige Vorgänge mit der ständigen Fragerei nach seinem Bruder aufhielt. Aber auch das war nicht schlimm, denn spätestens nach zehn Minuten hatte er die Abfuhr wieder vergessen.

(68) Als Bichler und Buddy zum Zeltplatz kamen, war das Zirkuszelt fast fertig errichtet.

Als Bichler und Buddy zum Zeltplatz kamen, war das Zirkuszelt fast fertig errichtet. Die Arbeiter waren gerade dabei die Planen zu befestigen. Ein Mann stand unten vor dem Zelt und gab Anweisungen. Bichler blieb stehen und schaute sich um.

„Sie können hier nicht mit dem Hund herumlaufen!“ Der Mann kam auf Bichler zu. „Hier sind andere Tiere, das gibt nur Ärger.“ Bichler nahm Buddy an die Leine. Der Boxer war darüber nicht erfreut, denn es gab hier viele völlig neue Gerüche, denen er nachgehen wollte.

„Tut mir leid“, sagte Bichler und stellte sich vor. „Fabiano Ferro. Nichts für ungut, aber Hunde und Elefanten, das kann völlig daneben gehen.“ – „Ich verstehe“, antwortete Bichler. „Kommen Sie morgen, dann gibt es hier die erste Vorstellung.“ Bichler nickte. Als Ferro sich wieder umwandte, fasste er sich ein Herz. „Herr Ferro? Eine Frage noch. Ich habe auf dem Plakat eine Frau gesehen, die auf einem Elefanten reitet. Ich glaube, ich kenne die noch von früher.“ Ferro kam zurück. „Ellen? Das kann ich mir kaum vorstellen. Woher denn?“ – „Wir waren… befreundet“, druckste Bichler herum, denn er wusste nicht, ob er Ferro eifersüchtig machte. „Ellen sagen Sie? Ist das ihr Künstlername? Ich kenne sie als Silke.“ Ferro schüttelte den Kopf. „Nein, sie heißt wirklich Ellen und sie ist meine Frau. Aber ich glaube, ich weiß, wo das Missverständnis herkommt.“

Ferro erzählte, dass die Plakate aus der Insolvenz eines anderen Zirkus stammten. Wie üblich war der Hintergrund schon bedruckt, der Text aber noch nicht, weil die Orte und Attraktionen sich immer schnell änderten. Diese wurden in letzter Minute dann in Schwarz eingedruckt. Die Frau auf dem Bild war gar nicht Ellen. Ferro hatte keine Ahnung, wer die Frau war. Er erklärte aber, dass es günstiger war, die Haare von Ellen zu verändern, damit sie dem Bild ähnlichsah, als umgekehrt. „Oh, ich verstehe“, sagte Bichler. „Das ist also Ellen, aber auch nicht Ellen.“ – „Ganz genau, Sie haben es verstanden. Und es ist auf jeden Fall meine Frau, klar?“

Bichler wollte Ferro gerade zustimmen, als hinter dem Zelt ein Elefant hervorkam. Auf ihm saß eine Frau in der gleichen Art wie auf dem Plakat, aber sie sah wirklich etwas anders aus. Bichler wollte dies gerade erklären, als Buddy anfing zu bellen wie ein Wahnsinniger. Er bäumte sich an der Leine auf und versuchte, sich loszureißen. Bichler hielt ihn mit zwei Händen und unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts fest. Die Frau auf dem Elefanten reagierte schnell, sprach ein paar beruhigende Worte zu dem Elefanten, der wendete und wieder hinter das Zelt ging.

Ferro atmete erleichtert aus. „Da haben Sie Glück gehabt. Wenn Ellen es nicht geschafft hätte, dann hätte Olli Milkshake aus Ihrer Töle gemacht. Nichts für ungut.“ – „Danke.“ Bichler war der Schweiß ausgebrochen. „Wir gehen dann besser mal. Ich nehme an, Hunde dürfen auch nicht mit in die Vorstellung, oder?“

Ferro zog die Augenbrauen zusammen. „Ja, was wohl?“