Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: April, 2017

(73) Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen.

Prof. Kraushaar hatte hervorragend geschlafen. In einem Traum hatte er die Obduktion von Marylin Monroe durchgeführt und es war ein erhebender Traum gewesen. Brigitte hingegen musste schon wieder von Minna von Barnhelm geträumt haben. So ging das jetzt schon seit mehreren Nächten. Kraushaar hatte schon darüber nachgedacht, seiner Frau ein paar Tropfen Flunitrazepam in den abendlichen Kräutertee zu mischen.

Während Brigitte missmutig am Frühstückstisch saß, ging Kraushaar mit den beiden Schäferhunden Aldo und Macho spazieren. Der Weg auf dem Deich am Fluss entlang war immer eine gute Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen und die Dinge in Perspektive zu setzen. Kraushaar ließ die beiden Hunde von der Leine. Beide waren äußerst friedfertig, nachdem der Hundetrainer sich um sie gekümmert hatte.

Brigitte hingegen war über die Jahre immer schwieriger geworden. Als er sie kennengelernt hatte, war sie ein unkompliziertes, junges Ding gewesen, das sein Leben erfrischte. Wäre die Aufführung des Lessing-Stücks damals gewesen, sie hätte sich mit ihm über die verletzten Spießer amüsiert. Heute war sie selbst so eine Spießerin geworden.

Im Institut lief es auch nicht so gut. Nach zwanzig Jahren, davon dreizehn als Leiter, war das nicht mehr so spannend. Sein Assistent war auch nicht immer eine Hilfe. Eine Leiche hatte er verloren. Ja und? Wo Leichen aufgeschnitten und aufgeteilt wurden, da gab es schon mal Schwund. Wer will da noch wissen, ob alle Einzelteile zusammen genommen wieder eine ganze Leiche ergaben oder nicht? Keiner.

Es fehlten Kraushaar die Herausforderungen. Gut, es war schön, dass die Leute ihn schon so sehr kannten, dass sie selbst vorbei kamen, um ihre Körper anzudienen, wie dieser seltsame Vogel neulich. Aber es war keine Herausforderung mehr.

Damals hatte er noch Neuland beschritten. Der Kraushaar-Schnitt zur Öffnung von Thorax und Abdomen hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Ja, die Deutschen. Niemand schaffte es, so effizient Leichen aufzuschlitzen, wie die Deutschen. Und Prof. Kraushaar war darin ein Meister. Das hatte man ihm auf vielen Kongressen bestätigt. Jetzt war es natürlich sinnlos, über diese Schnitttechnik noch einen Vortrag zu halten. Die Yamairgendwas-Technik war natürlich auch nicht schlecht, aber sie war halt nicht von ihm.

Kraushaar war mittlerweile an seiner Wendemarke, einer roten Fahrrinnentonne, angekommen und blieb stehen. Er starrte über den braunen, schnell fließenden Fluss auf die andere Uferseite. Er pfiff nach den Hunden. Macho kam schuldbewusst angeschlichen. „Wo ist Aldo?“, fragte Kraushaar. Macho sah betroffen aus. Kraushaar pfiff noch einmal. Erfolglos. Wann hatte er Aldo zum letzten Mal gesehen? Eigentlich nicht mehr, seit er den Hund von der Leine gelassen hatte. Er seufzte und klipste den Karabinerhaken an Machos Halsband. Jetzt auch noch Schwund bei den Hunden. Kraushaar machte sich auf den Heimweg.

(72) Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen.

Minna von Barnhelm mit der Maschinenpistole im Anschlag, das hatte Prof. Kraushaar gefallen. Die Theaterabende mit seiner Frau Brigitte waren sonst immer so langweilig, dass er spätestens nach der Pause in die innere Einkehr gehen musste. Dieses Mal hatte ihn sogar dieses unkaputtbare Schlachtross des Abonnementtheaters fesseln können. Als er nach der Vorstellung mit Brigitte nach Hause fuhr, wagte er es allerdings nicht, seine Freude zum Ausdruck zu bringen. Seine Frau war immer noch schockiert von der Inszenierung und saß düster schweigend neben ihm.

Der Regisseur hatte das Stück gründlich entstaubt. Major von Tellheim war ein kompletter Schlappschwanz, der nicht wusste, was er wollte und nur von Bedenken zerfressen wurde. Minna liebte ihn aus Gründen, die ein Außenstehender nicht nachvollziehen konnte. Aber das war für Kraushaar völlig in Ordnung, denn die Liebe einer Frau zu ergründen, das war einfach unmöglich. Das hatte er vor drei Monaten auch Frank gesagt, als er sich die Leiche eines Mannes angeschaut hatte, den eine verschmähte Geliebte entstellt hatte. Es kam zwar selten vor, dass sich die Gefühle einer Frau derart entluden, aber wenn, dann konnte es in die Fachbücher eingehen.

Minnas Liebe für Tellheim schien Kraushaar deswegen nicht unplausibel. Interessant wurde es, als Minna sich aktiv in den Prozess einmischte, der über Tellheims Schuld oder Unschuld entscheiden musste. Sie tat es, indem sie sich aus der Tellheimschen Waffensammlung, die dieser verpfänden musste, eine Maschinenpistole samt Munition besorgte, und damit einen Rachefeldzug gegen die Beamten startete, die Tellheim vor Gericht gebracht hatten. Erst becircte sie die Männer und ließ sie im Glauben, dass sie mit ihnen schlafen wollte. Den ersten Beamten, den sie aufsuchte, schoss sie in beide Knie und ins Genital, bevor sie ihm den Fangschuss gab. Den zweiten hielt sie zwischen ihren Schenkeln fest und schoss ihm dann den Kopf weg. Alarmiert durch den Schwund bei seinen höheren Beamten, ließ der König sich von den Fällen berichten. Gleichzeitig kam Graf von Bruchsal, Minnas Onkel, hinter die Absichten seiner Nichte und intervenierte beim König. Dieser ließ sich die Akten zu Tellheims Bestechungsfall bringen und verkündete sein Urteil: Tellheim war unschuldig.

Obwohl die Komödie wie bei Lessing ausging, war Brigitte von der Mischung aus Sex und Gewalt verstört. Allerdings war sie auch nicht bereit, vor Ablauf der Vorstellung nach Hause zu gehen, wie Kraushaar es ihr vorgeschlagen hatte, als er bemerkte, dass sie unter der Inszenierung litt.

Als sie zu Hause ankamen, ging Brigitte ohne weitere Worte ins Bett. Kraushaar trank noch ein paar Cognacs und las ein paar Fachmagazine. Am nächsten Tag erwähnte Brigitte das Theaterstück mit keinem Wort. Sie ging danach aber nie wieder ins Theater. Darüber freute sich Prof. Kraushaar.

(71) Als Prof. Kraushaar auf dem Institutsparkplatz zu seinem Wagen trat…

Als Prof. Kraushaar auf dem Institutsparkplatz zu seinem Wagen trat, stand ein alter Mann an die Mauer gelehnt neben dem Schild mit der Aufschrift ‚Prof. Dr. Kraushaar‘. Als er Kraushaar kommen sah, trat er hervor und der Professor musste sich mit ihm beschäftigen, denn er stand vor der Fahrertür des BMW 733i. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte Kraushaar vorsichtig. „Prof. Dr. Kraushaar?“ In der Hand hielt der Mann eine Flasche mit Orangensaft. „Vielleicht… Worum geht es denn? Ich bin in Eile.“

„Es geht schnell“, sagte der Alte. „Ich wollte Ihnen etwas zeigen.“ Instinktiv trat Kraushaar zwei Schritte zurück. Es gab so viele Verrückte auf der Welt. Am Ende wollte er ihn mit Orangensaft begießen.

Der Alte stellte die Orangensaftflasche neben das Auto auf den Asphalt. Dann legte er die Handfläche seiner rechten Hand auf den Schraubverschluss der Flasche und ließ sich nach vorne fallen. Allerdings fiel er nicht, sondern er fing sich mit der Hand auf. Er lag jetzt praktisch parallel zum Boden und hielt sich nur mit seinem rechten angewinkelten Arm in der Schwebe. Sein linker Arm lag eng am Körper und überhaupt war sein ganzer Körper steif wie ein Brett. Kraushaar wusste nicht, was er sagen sollte. Nach ein paar Momenten klemmte er seine Aktenmappe unter den Arm und applaudierte. Der Alte war schon rot im Gesicht, aber erst als er den Applaus von Kraushaar hörte, setzte er die Füße wieder auf den Boden und richtete sich auf. „Na, wie war ich?“, fragte er. „Ganz toll“, antwortete Kraushaar. „Eine reife Leistung. Sie sollten zum Zirkus gehen. Ich habe gehört, man sucht noch Akrobaten. Aber jetzt muss ich wirklich los. Ganz toll.“

„Ich will Ihnen meinen Körper vererben.“ Der Alte schaute Kraushaar erwartungsvoll an. Jetzt fiel der Groschen beim Professor. „Aber so weit sind Sie doch noch gar nicht“, beschwichtigte er. „Sie werden noch auf meinem Grab tanzen. Vor allem, wenn meine Frau mich umbringt, weil ich zu spät dran bin.“

Der Alte schien etwas enttäuscht und stand immer noch vor der Fahrertür. Kraushaar wollte ihn nicht anfassen, aber auch nicht den Pförtner holen. „Also gut, schicken Sie mir einen Brief mit den Einzelheiten. Ich werde sehen, was ich tun kann. So ein Angebot bekommt man ja nicht alle Tage.“ Der Alte strahlte. „Das will ich meinen, Herr Professor Dr. Kraushaar.“ Er trat weg von der Fahrertür. Kraushaar stieg ein und warf die Aktentasche auf den Beifahrersitz.

Beim Ausparken achtete er darauf, dass der Alte keinen Unfug anstellte, wie zum Beispiel sich im Überschwang unter das Auto zu werfen. Der Alte blieb aber nur an der Stelle stehen. Als Kraushaar die Schranke passierte und sich noch einmal hinwandte, winkte ihm der Alte zu. Kraushaar hob vage die Hand und brauste davon.

(70) Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.

„Prof. Kraushaar, wir haben eine Leiche verloren.“ André Frank vergrub seine Hände in den Taschen des weißen Kittels und blieb zunächst in der Tür stehen. Er wollte zuerst die Reaktion von Prof. Dr. Benno Kraushaar abwarten, bevor er näher trat. Prof. Kraushaar war sein Chef und gleichzeitig der Leiter des anatomischen Instituts. Er war ausgewiesener Choleriker und es kam vor, dass er mit Gegenständen warf, die gerade greifbar waren. In einem anatomischen Institut zählten Leichenteile zu Gegenständen. Auf seinem Schreibtisch hatte Prof. Kraushaar natürlich keine Leichenteile herumliegen, dafür aber eine Reihe von robusten Bronzeskulpturen, die er sammelte.

Prof. Kraushaar las weiter in dem Vertrag, der vor ihm lag. Sein Füllfederhalter war bereits aufgeschraubt und mit einer Hand ließ er ihn über dem Papier kreisen. Als er ausgelesen hatte, setzte er seine schwungvolle Unterschrift auf das Dokument und schraubte zufrieden den Füllfederhalter zu. Er sah seinen Assistenten an.

„Eine Leiche fehlt? Hmm… Ich nehme an, es sind aber immer noch genug da für die Kurse, oder?“ Frank kam herein und drückte die Tür hinter sich zu. Prof. Kraushaar war guter Laune.

„Es gibt keinen Mangel an Leichen.“ – „Gut so, Frank. Denn ohne Leichen kann man ein anatomisches Institut wahrlich nicht führen.“ Dagegen hatte Frank auch nichts einzuwenden, schließlich musste er die Medizinstudenten auf die Leichen aufteilen unter besonderer Berücksichtigung des Stoffes, den sie gerade durchnahmen. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, die er aber sehr gut meisterte. Wofür er von Prof. Kraushaar auch manchmal ein wohlwollendes Brummen einheimste.

„Wo ist denn das Problem, Frank?“ – „Die Leiche wurde letzten Freitag eingeliefert und ich wollte sie für den Kurs in Unfallchirurgie einteilen, aber sie ist weg.“ – „Haben Sie überall geschaut?“ – „Ja, Herr Professor. Ich habe das Haus von oben bis unten durchsucht, in jede Kühlkammer, unter jedes Tuch habe ich geschaut. Uns fehlt eine Leiche.“ – „Hmm… Also weggelaufen wird sie wohl nicht sein.“

Frank sagte nichts. Es hatte sich nie ausgezahlt, über Prof. Kraushaars dünne Witze zu lachen. Sie infrage zu stellen auch nicht. Schweigen war die beste Antwort. „Was war es denn?“

Frank nahm die dünne Akte aus der Kitteltasche. „Ein Johannes Kara. Zirkusakrobat. Ihm ist ein Schweinwerfer ins Gesicht gefallen. Ich hatte ihn bei der Aufnahme noch gesehen. Die ganze Gesichtsfläche war quasi eine Trümmerfraktur. Daher Unfallchirurgie.“

„Zirkusakrobat, ja?“ Prof. Kraushaar dachte nach. „Kein Zauberkünstler?“ Frank schüttelte den Kopf. Prof. Kraushaar seufzte. „Dann weiß ich es auch nicht. Schreiben Sie doch einfach in die Akte, dass wir ihn“, er schaute auf die Uhr, „heute begraben haben. Und wenn Sie ihn irgendwann doch finden, dann lassen wir ihn halt wieder auferstehen. Wir sind ja eine Uniklinik hier.“ Prof. Kraushaar stand auf. „Ich muss jetzt los, meine Frau will, dass ich mal wieder ins Theater gehe. Ha, wenn die wüsste.“

(69) Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist?

„Fabiano? Weißt du, wo mein Bruder ist? Wir müssen noch für heute Abend proben!“ Wieder einmal stand Josef Kara direkt hinter Fabiano, ohne dass dieser ihn gehört hatte. Vor Schreck zuckte er zusammen, wandte sich dann aber verständnisvoll um. „Nein, Josef, ich habe Johannes nicht gesehen. Warum setzt du dich nicht auf die Bank da drüben und wartest auf ihn?“ – „Danke, Fabiano, das werde ich tun“, antwortete Josef und trottete hinüber. Von hinten sah er in seiner schlotternden Jeans, dem Holzfällerhemd und der Baseballmütze wie ein Teenager aus. Von vorne aber verrieten die leeren Augen, der eingefallene Mund und der faltige Hals eine andere Geschichte.

Bis vor zehn Jahren waren die Brüder Josef und Johannes Kara ein sehr erfolgreiches Akrobatenduo gewesen. Sie waren spezialisiert auf die Ikarischen Spiele. Johannes war der Antipodist und lag unten mit dem Rücken auf der Trinka, der gepolsterten Liege. Mit den Füßen jonglierte er über sich den leichteren Josef, den Flieger, der in der Luft verschiedene Sprungkombinationen vollbrachte.

Die fliegenden Karas waren gute solide Artisten, die den Zuschauern den Atem stocken ließen. Bei den Kollegen waren sie sehr beliebt, weil sie immer hilfsbereit waren und weil es bei ihnen keine Intrigen oder Falschheit gab.

Eines Tages, während einer Probe, löste sich ein schwerer Scheinwerfer in der Kuppel und fiel herunter. Die Sicherung war aus unerklärlichen Gründen nicht richtig eingehängt gewesen. Josef wurde seitwärts am Kopf getroffen und einfach weggeschleudert. Johannes aber bekam das große Gehäuse frontal auf Stirn und Gesicht. Er war in der Trinka festgenagelt wie ein Käfer auf einer Schautafel. Er war sofort tot.

Josef lag längere Zeit im Koma und als er wieder aufwachte, hatte er seine Geschicklichkeit und sein Kurzzeitgedächtnis verloren. An den Unfall selbst konnte er sich nicht erinnern, aber an alles, was vorher passiert war. Sein Bruder war für ihn einfach mal weggegangen. Er suchte ständig nach Johannes und wenn man ihm erklärt hatte, was vorgefallen war, dann suchte er spätestens nach zehn Minuten wieder nach seinem Bruder. Josef blieb beim Zirkus, weil er immer noch gut anpacken konnte und weil es für ihn kein anderes Zuhause gab. Meistens waren die Kollegen sehr freundlich zu ihm. Manche erklärten ihm immer wieder, dass sein Bruder tot sei und wie es dazu kam. Andere sagten ihm nur, dass Johannes bald wieder da sei. Fabiano hatte die Erklärungen aufgegeben, weil er Josef nicht ständig den gleichen Schmerz zufügen wollte. Manchmal, wenn die Lage stressig war, wie zum Beispiel beim Auf- und Abbau, wurde Josef im Affekt schon einmal angeschrien, weil er wichtige Vorgänge mit der ständigen Fragerei nach seinem Bruder aufhielt. Aber auch das war nicht schlimm, denn spätestens nach zehn Minuten hatte er die Abfuhr wieder vergessen.

(68) Als Bichler und Buddy zum Zeltplatz kamen, war das Zirkuszelt fast fertig errichtet.

Als Bichler und Buddy zum Zeltplatz kamen, war das Zirkuszelt fast fertig errichtet. Die Arbeiter waren gerade dabei die Planen zu befestigen. Ein Mann stand unten vor dem Zelt und gab Anweisungen. Bichler blieb stehen und schaute sich um.

„Sie können hier nicht mit dem Hund herumlaufen!“ Der Mann kam auf Bichler zu. „Hier sind andere Tiere, das gibt nur Ärger.“ Bichler nahm Buddy an die Leine. Der Boxer war darüber nicht erfreut, denn es gab hier viele völlig neue Gerüche, denen er nachgehen wollte.

„Tut mir leid“, sagte Bichler und stellte sich vor. „Fabiano Ferro. Nichts für ungut, aber Hunde und Elefanten, das kann völlig daneben gehen.“ – „Ich verstehe“, antwortete Bichler. „Kommen Sie morgen, dann gibt es hier die erste Vorstellung.“ Bichler nickte. Als Ferro sich wieder umwandte, fasste er sich ein Herz. „Herr Ferro? Eine Frage noch. Ich habe auf dem Plakat eine Frau gesehen, die auf einem Elefanten reitet. Ich glaube, ich kenne die noch von früher.“ Ferro kam zurück. „Ellen? Das kann ich mir kaum vorstellen. Woher denn?“ – „Wir waren… befreundet“, druckste Bichler herum, denn er wusste nicht, ob er Ferro eifersüchtig machte. „Ellen sagen Sie? Ist das ihr Künstlername? Ich kenne sie als Silke.“ Ferro schüttelte den Kopf. „Nein, sie heißt wirklich Ellen und sie ist meine Frau. Aber ich glaube, ich weiß, wo das Missverständnis herkommt.“

Ferro erzählte, dass die Plakate aus der Insolvenz eines anderen Zirkus stammten. Wie üblich war der Hintergrund schon bedruckt, der Text aber noch nicht, weil die Orte und Attraktionen sich immer schnell änderten. Diese wurden in letzter Minute dann in Schwarz eingedruckt. Die Frau auf dem Bild war gar nicht Ellen. Ferro hatte keine Ahnung, wer die Frau war. Er erklärte aber, dass es günstiger war, die Haare von Ellen zu verändern, damit sie dem Bild ähnlichsah, als umgekehrt. „Oh, ich verstehe“, sagte Bichler. „Das ist also Ellen, aber auch nicht Ellen.“ – „Ganz genau, Sie haben es verstanden. Und es ist auf jeden Fall meine Frau, klar?“

Bichler wollte Ferro gerade zustimmen, als hinter dem Zelt ein Elefant hervorkam. Auf ihm saß eine Frau in der gleichen Art wie auf dem Plakat, aber sie sah wirklich etwas anders aus. Bichler wollte dies gerade erklären, als Buddy anfing zu bellen wie ein Wahnsinniger. Er bäumte sich an der Leine auf und versuchte, sich loszureißen. Bichler hielt ihn mit zwei Händen und unter Einsatz seines ganzen Körpergewichts fest. Die Frau auf dem Elefanten reagierte schnell, sprach ein paar beruhigende Worte zu dem Elefanten, der wendete und wieder hinter das Zelt ging.

Ferro atmete erleichtert aus. „Da haben Sie Glück gehabt. Wenn Ellen es nicht geschafft hätte, dann hätte Olli Milkshake aus Ihrer Töle gemacht. Nichts für ungut.“ – „Danke.“ Bichler war der Schweiß ausgebrochen. „Wir gehen dann besser mal. Ich nehme an, Hunde dürfen auch nicht mit in die Vorstellung, oder?“

Ferro zog die Augenbrauen zusammen. „Ja, was wohl?“

(67) Widerwillig lief der Boxerhund dem Stöckchen nach.

Widerwillig lief der Boxerhund dem Stöckchen nach. Als er sah, dass es in die auslaufenden Wellen fallen würde, blieb er stehen und machte kehrt. Fred Bichler schüttelte den Kopf. Buddy hatte einen Dickschädel und weigerte sich ins Meer zu laufen. Er hatte eigentlich vorgehabt, den Urlaub an der Ostsee zu nutzen, um seinen Hund mehr zu fordern. Buddy hatte aber andere Prioritäten und verweigerte sich allem, das er nicht auch zu Hause machte. Bichler konnte ihn verstehen, denn in jedem Sommerurlaub kam der Moment, an dem er bereute, nicht in seinem Schuhladen zu stehen. Er sah lange Zeit auf das Meer hinaus und ging dann weiter auf der Strandpromenade. Buddy schloss sich ihm an.

Als die Promenade wieder in die Straße mündete, hatte Bichler einen dieser kleinen Schocks, die das Gedächtnis aus der hintersten Ecke hervorholte, wenn man am wenigsten darauf vorbereitet war. Er stand vor einem Aufsteller, der für einen Zirkus warb, den Topolino Show Palast, zu Gast in Warnemünde. Auf dem Plakat war das Bild einer jungen Frau, die Bichler zu kennen glaubte. Sie saß auf einem Elefanten und breitete in Artistenmanier die Arme aus. Ihren Namen hatte Bichler nicht sofort präsent, aber sie sah aus wie eine der vielen jungen Frauen, die er über die Jahre geliebt hatte. Er hatte ihnen Schuhgeschenke gemacht und sie hatten es toleriert, dass er sie als seine Freundinnen ausgeben konnte. Silke Sander, jetzt fiel ihm der Name wieder ein. Sie war ihm besonders präsent, weil sie nicht so ein passives Pflänzchen gewesen war. Sie hatte zu allem und jedem eine Meinung und war auch immer bereit, sich dafür zu streiten. Er hatte ihr vor vielen Jahren ihre ersten High Heels verkauft, ein Paar schwarze Slingpumps von Gabor. Größe 37. Er hatte ihre schlanken Fesseln in der Hand gehalten und ihr die Schuhe angezogen. Dieser Griff, den er in einer Woche mehrere dutzendmal anwendete, war meistens völlig belanglos für ihn. Manchmal aber war es wie eine heilige Handlung, die er vollführte. Es geschah immer wieder. Und dann war er ein paar Monate mit ihr zusammen gewesen. Irgendwann hatte es bei einer anderen Kundin gefunkt und es war aus mit Silke. Aber er konnte sich noch sehr gut an sie erinnern. Was wohl aus ihr geworden war? Unwahrscheinlich, dass sie jetzt beim Zirkus war. Die Frau auf dem Plakat sah auch so jung aus, wie Silke damals war. Mittlerweile würde sie anders aussehen und ihre Fesseln würden sich auch anders anfühlen. Silke hatte bestimmt studiert, so intelligent wie sie war. Und dann einen guten Job bekommen, einen tollen Mann geheiratet. Wahrscheinlich konnte sie sich heute Casadei-Schuhe leisten.

Buddy hatte den Aufsteller beschnüffelt und hob jetzt das Bein gegen das Plakat. Wenigstens traf er nur das Wort ‚Palast‘, dachte Bichler. Die junge Frau auf dem Bild sah wirklich aus wie Silke. Er würde sich den Zirkus mal ansehen. Vielleicht hatte er Glück und sah ihre Fesseln. Auf dem Bild sah man ihre Beine nicht hinter den Ohren des Elefanten. Und vielleicht waren ihre Fesseln genauso attraktiv wie die von Silke, damals.

(66) Miss Sanchez saß in ihrer Garderobe und hatte vor ihrem nächsten Auftritt noch eine halbe Stunde Zeit totzuschlagen.

Miss Sanchez saß in ihrer Garderobe und hatte vor ihrem nächsten Auftritt noch eine halbe Stunde Zeit totzuschlagen. Das Gespräch mit Thilo hatte sie am Ende nur frustriert. In solchen Fällen half nur ihr Schuhkoffer. Sie stellte ihn vor sich auf den Boden und klappte ihn auf.

Darin war eine Auswahl der Schuhe, die sie für ihre Auftritte mitgenommen hatte. Zu Hause hatte sie noch viel mehr davon. Wenn Sie auf Tournee ging, war es immer schwer, sich zwischen allen Modellen zu entscheiden. Bei längeren Tourneen kamen auch immer noch Exemplare dazu, die sie unterwegs kaufte. In diesem Koffer waren nur High Heels. Viele klassische Pumps, ein paar Slings, ein Peep Toe und zwei Paar hochhackige Stiefeletten. Damit konnte sie auf allen Bühnen der Welt etwas anfangen.

Sie nahm die schwarzen Lackpumps heraus und streichelte darüber. Sie hatte diese Schuhe vor vier Jahren in einem Geschäft in der Rue de Rivoli in Paris gekauft. Es war ein regnerischer Tag im November gewesen und sie hatte etwas Glanz gebraucht. Sie zog die Schuhe an und hielt die Füße hoch, um sie anzuschauen. Sie machten ihr einen sehr schmalen Knöchel – das gefiel ihr. Bei allen Schuhen, die sie besaß, konnte sie sich ganz genau erinnern, wann, wo und unter welchen Umständen, sie sie gekauft hatte.

Natürlich konnte sie sich auch erinnern, wie sie ihr erstes Paar High Heels gekauft hatte. Sie hatte die Schuhe im Schaufenster gesehen und dann wochenlang gespart, bis sie genug Geld dafür zusammen hatte. Sie hatte sich die Schuhe selbst zum 18. Geburtstag geschenkt. Der Schuhverkäufer war ein etwas traurig wirkender Mann von Mitte Dreißig mit einer dicken Haartolle auf dem Kopf. Er hatte sie sehr respektvoll bedient. Das kannte sie sonst nicht. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, wie seine warme Hand ihre Fessel ergriff und dabei ihren Fuß in den neuen Lackschuh einführte. Wie er über ihren Fuß strich, um sicherzugehen, dass alles passte. Es war ein schönes Gefühl. Als sie auf und ab ging und er auf den Knien sitzenblieb und zu ihr aufschaute, war ihr fast etwas schwindelig zumute. Er gab ihr einen Rabatt, als sie die Schuhe kaufte, und dann lud er sie zum Essen ein. Das hatte sie völlig auf dem falschen Fuß erwischt, aber sie sagte zu. Daraus wurde ihre erste Beziehung. Vor ihrer Familie und ihren Freunden hielt sie es geheim.

Mit Fred Bichler war sie so lange zusammen, wie es brauchte, dass er ihr sieben Paar Schuhe schenkte. Dann stritten Sie sich über seine Haare, die sie als nicht akzeptabel befand, und das war es dann gewesen. Es war eine Episode in ihrem Leben und sie dachte immer noch gern daran zurück.

Es klopfte an der Tür. „Fünf Minuten“, sagte eine Stimme draußen. „Alles klar!“, antwortete Miss Sanchez und strich noch einmal über das kühle Lackleder, das, obwohl es sehr glatt war, ihren Fingerspitzen doch Widerstand bot.

(65) Nach ihrem Auftritt warf sich Silke nur einen Bademantel über das Bühnenkostüm und ging zurück an die Bar.

Nach ihrem Auftritt warf sich Silke nur einen Bademantel über das Bühnenkostüm und ging zurück an die Bar. Das war der Vorteil bei einer Clothing Optional-Kreuzfahrt, man brauchte sich keinen Kopf zu machen, was man trug.

Thilo lächelte ihr schon von weitem gewinnend zu und hatte bereits einen weiteren Champagnercocktail bestellt, als sie sich neben ihn setzte. „Keinen Alkohol mehr“, sagte sie. „Ich hatte vorhin schon einen zu viel und wenn ich dann singe, bekomme ich Kopfschmerzen, so wie jetzt.“ Thilo gab sich besorgt und änderte die Bestellung in ein Glas Mineralwasser kit Aspirin.

„Als ich jünger war, hatte ich lange Zeit schreckliche Kopfschmerzen“, erzählte Thilo. „Immer wenn ich in einer großen Stadt war, suchte ich die besten Spezialisten auf, aber keiner konnte mir helfen. Es war einfach der Stress, die viele Verantwortung… Einmal war ich in Sidney und ich hatte solche Schmerzen, dass ich nicht mehr aus dem Hotelzimmer rauskam. Ich lag nur noch im Bett mit einem feuchten Umschlag auf der Stirn. Der Concierge, den ich von früheren Besuchen kannte, meinte, er habe genau das Richtige für mich. Er schickte mir dann einen Aborigine-Heiler aufs Zimmer. Ich hatte bis dahin nur von Traumpfaden gehört und dachte, dass ich für so etwas wirklich keine Zeit hatte. Der Australier kam aber mit seinem Didgeridoo, Du weißt, dieses Musikinstrument. Sieht aus wie ein kleines Alphorn. Er stand neben meinem Bett und blies in das Didgeridoo. Ich musste die Öffnung des Instruments halten oder er legte sie mir auf die Stirn. Das geht einem durch Mark und Bein. Ich habe nicht daran geglaubt, aber es hat wirklich funktioniert. Sehr schnell sogar. Ich konnte noch am gleichen Tag wieder normal arbeiten. Später habe ich mich weiter damit beschäftigt und herausgefunden, dass es wohl die niederfrequenten Töne sind, die einen positiven Einfluss auf die Hirnaktivität nehmen. Sensationell.“

Er habe sich dann später selbst ein Didgeridoo gekauft und das Spielen erlernt. Er sei zwar nicht so gut wie der australische Heiler, aber fast.

„Du hast das Instrument bestimmt nicht bei dir, hier?“, fragte Silke. Thilo tat so, als ob er seine unsichtbaren Taschen danach abklopfte und schüttelte den Kopf. Das brachte Silke zum Lachen.

Thilo beugte sich dann zu ihr herüber und sagte: „Ich weiß noch etwas, das bei Kopfschmerzen immer hilft.“ Silke schaute ihn fragend an und er hob kurz die linke Augenbraue. „Sex. Das funktioniert immer.“ Jetzt hob er die rechte Augenbraue.

Silke verzog den Mund. Da war es wieder, dieses widerliche Begattergehabe. Thilo war nicht besser als die anderen Gockel, die herumliefen. „Na, dann kümmer dich doch erst mal um deine Frau, du Armleuchter“, sagte sie Thilo und rutschte vom Barhocker.

„Bei Seekrankheit funktioniert das nicht. Fördert nur den Brechreiz“, erklärte Thilo unbeirrt.

Silke ließ ihn sitzen und ging in die Künstlergarderobe. Es gab keine leeren Kreuzworträtsel mehr. Noch zwei Tage Kreuzfahrt.

(64) Wider Erwarten fand Miss Sanchez den nackten Thilo Bieber amüsant.

Wider Erwarten fand Miss Sanchez den nackten Thilo Bieber amüsant. Er war verantwortlich für die Entwicklung von Sicherheitskonzepten aller Art. Für Konzerne, Museen oder Freizeitparks. Wenn neue Gebäude oder Parks geplant wurden, war er mit an Bord und beriet die Architekten bei Fragen der geordneten Bewegung von Menschen.

„Crowd Management, heißt das auf Englisch. Und wenn ich amerikanische Kunden habe, dann sage ich immer: ‚Nobody is better at Crowd Management than a Kraut.'“

Als er noch jünger war, hatte Thilo einen Schwerpunkt bei Großkonzerten. „Das ist noch etwas ganz anderes. Wenn Du ein Freiluftkonzert hast, wie bei den Stones, dann ist alles immer neu. Du weißt nicht, wie die gewaltigen Menschenmassen reagieren werden. So was wie Altamont 1969 war eine Katastrophe. In meiner Branche ist das immer noch das Negativbeispiel schlechthin. Das hatte auch jemand wie Keith Richards hart getroffen, was man ja nicht glauben würde.“

Thilo erzählte, dass er mit dem Gitarristen der Stones befreundet sei, seit er die Gruppe 1981 bei ihrer USA-Tournee betreute.

„Die Stones sind nicht so mein Fall“, meinte Silke. „Ich stehe mehr auf David Bowie.“

Thilo sagte, dass er David Bowie zum ersten Mal in 1983 in New York getroffen hatte. „Das war bei einer Party, ich weiß nicht mehr wo. Ich kam im Schlepptau von Keith an, der sich aber vor allem um seine Flasche Jack Daniels kümmerte. Tina Turner war auch noch da. Und David Bowie. Keith konnte ihn nicht ausstehen. Er sagte, dass es bei Bowie nicht um Musik ginge, sondern nur um das Posieren. Aber hey, Keith ist schon eine harte Nummer. Ich glaube, er war vor allem neidisch auf Bowie, weil der gerade das Let’s Dance-Album herausgebracht hatte und damit mordsmäßig Erfolg hatte. Bei den Stones war es 1983 ja nicht so toll und Mick und Keith hatten immer mehr Probleme untereinander.“

Silke nickte. Musikerstories interessierten sie immer. Thilo praktizierte zwar schamloses Namedropping, aber in einer Art, dass man seinen Geschichten glauben konnte.

Als er sie fragte, ob er ihr noch einen Drink spendieren konnte, bemerkte sie, dass es für sie höchste Zeit war, sich für ihren Auftritt zurechtzumachen. Thilo sagte, dass er an der Bar auf sie warten würde. „Wir werden sehen“, sagte Silke. Es war auf jeden Fall besser, als zwischen den Auftritten in der engen Garderobenkabine zu sitzen und Kreuzworträtsel zu lösen.