(47) Alhena Koubek, die begnadete Pianistin, hatte vor ihrer ersten Reise in den Westen Durchfall.

von Alain Fux

Alhena Koubek, die begnadete Pianistin, hatte vor ihrer ersten Reise in den Westen Durchfall. Es war, als ob sie noch nie ein Konzert gegeben hätte. Dabei war sie routiniert und selbst bei den schwierigsten Concerti hatte sie nur mäßig Lampenfieber. Als sie in Paris vor ihrem ersten Auftritt in der Garderobe saß, war es ihr, als ob sie nicht in der Lage sein würde, die schwarz-weißen Tasten zu befehligen. Der Parteiobmann, der sie begleitete, musste zum Äußersten greifen: Er ließ sie ein Glas Champagner trinken. Dann war Alhena ruhig genug, um sich hinter dem noch verschlossenen Vorhang hinter den Flügel zu setzen. Der Alkohol hatte den Teil ihres Gehirns betäubt, der sie verkrampfte. Der Rest funktionierte noch tadellos. Ihr Auftritt wurde ein sensationeller Erfolg. Danach ging ihre Tournee nach Deutschland, England und in die USA. Ihre zweite Auslandsreise sehnte sie herbei, bei der dritten überlegte sie, dass sie am liebsten im Westen bleiben wollte.
Bei der vierten Reise lernte sie Pierre Dumas kennen, einen französischen Architekten, der sie schon dreimal in Konzerten gesehen hatte und sich in ihre Garderobe schmuggelte, um ihr seine Liebe zu erklären. Er reiste ihr bis nach Japan nach. In Yokohama schliefen sie zum ersten Mal miteinander. Ihre fünfte Reise endete in Paris, weil sie dort um Asyl bat. Kurz darauf heiratete sie Pierre Dumas an einem verregneten Novembertag. Pierres Familie mit den vielen schrulligen Onkeln und Tanten war sehr lustig und sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie jetzt erst wirklich eine Familie gefunden hatte.
Pierre war die Liebe ihres Lebens. Allerdings stellte sich heraus, dass er sehr eifersüchtig war und es nicht ertragen konnte, wenn sie alleine in der Welt umherreiste, um Konzerte zu geben. Sie blieb deshalb bei ihm und wurde Klavierlehrerin. Das war am Anfang schwer, dann weniger und irgendwann überkam sie nur noch sporadisch Trauer deswegen. Später erkrankte Pierre an Lungenkrebs. Die Krankheit war bereits fortgeschritten und nachdem alle brachialen Versuche nicht halfen, wurde Pierre zum Sterben nach Hause entlassen. Er bekam Morphium und war die ganze Zeit in einem Dämmerzustand und nicht ansprechbar.
Alhena verbrachte Zeit mit ihm. Sie saß am Kopfende und hielt seine Hand, die manchmal im Schlaf zuckte. Dabei starrte sie das Foto an, das Pierre auf seinem Nachttisch stehen hatte. Es zeigte Alhena bei ihrem ersten Auftritt in der Salle Pleyel. Mit dem Champagnergrinsen im Gesicht sah sie dämlich aus. Pierre röchelte im Schlaf und Sabber lief ihm an der Wange herunter. Sie schaute resigniert durch das Fenster nach draußen. Wieder ein regnerischer Novembertag. Bald war ihr Hochzeitstag.
Alhena stand auf und verließ das Krankenzimmer. Sie nickte der Krankenschwester zu, die gerade Pause machte und eine Klatschzeitschrift las. Alhena ging in ihr Musikzimmer, stellte das Telefon auf den Flügel und zögerte. Dann nahm sie den Hörer ab und wählte Mebsutas Nummer. Ihre Nummer. Die Nummer ihrer Kindheit.

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