(46) Milena Koubek lehrte am Astronomischen Institut der Prager Karlsuniversität.

von Alain Fux

Milena Koubek lehrte am Astronomischen Institut der Prager Karlsuniversität. Ihre Helden waren Brahe und Kepler. Als sie Jiří Pokorny, ein Beamter der KSČ, der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, kennenlernte, hatte sie den Gedanken an Kinder fast schon aufgegeben. Sie heiratete Pokorny und setzte es sich in den Kopf, Kinder zu bekommen, denen sie die Namen Castor und Pollux geben konnte. Das erste Kind war ein Mädchen und Milena nannte sie Mebsuta, nach einem anderen Stern im Bild der Zwillinge. Dann folgte ein Sohn, der den Namen Castor erhielt. Das dritte Kind war wieder ein Mädchen und wurde Alhena genannt, nach einem weiteren Stern der Zwillinge. Danach hatte Pokorny keine Lust mehr, vielleicht auch weil das Sternbild der Zwillinge aus 35 Sternen bestand, wovon 9 Namen trugen.
Milena widmete sich wieder ihrer Lehre und überließ Pokorny die Erziehung der Kinder.
Mebsuta war intelligent, ordentlich und besorgt um andere Menschen; Castor war ein Träumer, der in den Tag hinein lebte und Alhena war die Überfliegerin, der alles zufiel. Als sie älter wurde, war Mebsuta die tragende Säule im Haushalt. Sie achtete darauf, dass Castor nicht zuviel naschte und seine Hausaufgaben machte oder dass Alhena nicht nur Klavier spielte, sondern ab und zu auch mal an die frische Luft ging. Als Castor sich mit 15 Jahren für Fotos interessierte, gab sie nicht eher Ruhe, bis ihr Vater ihm zu Weihnachten eine sündhaft teure Leica schenkte. Dann hatte Alhena ihr erstes Konzert als Pianistin und wurde gefeiert. Als sie von Gustáv Husák, dem Generalsekretär der KP, empfangen wurde, platzte Pokorny fast vor Stolz. Milena erlitt einen Schlaganfall und Mebsuta pflegte sie zu Hause. Castor studierte und Alhena wurde zu einer Musterstudentin am Prager Konservatorium.
An einem Tag im Sommer rief Pokorny seine beiden Töchter in Milenas Zimmer. Milena saß mit rot geweinten Augen im Bett und schluchzte. Pokorny erklärte, dass Castor versucht hatte, aus der Tschechoslowakei zu flüchten, dass er aber in der Nähe von Cheb von einer Patrouille der Grenzwachenbrigade erschossen worden sei.
Als die schreckliche Nachricht etwas eingesackt war, fragte Mebsuta, ob sie Castor sehen könnte. Der Vater erwiderte rasch, dass dies nicht möglich sei und er auch nichts tun könne. Noch Jahre später fragte sich Mebsuta, warum Castor ihr nichts von seinen Plänen erzählt hatte. Sie verstand es nicht.
Ein paar Monate später hatte Milena einen weiteren Schlaganfall, den sie nicht überlebte. Alhena unternahm Konzertreisen, zuerst im Ostblock und dann in der ganzen Welt. Mebsuta blieb zurück in Prag, wo sie den Haushalt des Vaters weiter führte und auch ihn pflegte, als er altersdement wurde. Die Samtene Revolution hatte er nicht mehr bewusst mitbekommen.

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