(45) Mit großen Träumen im Gepäck hatte Pokorny Prag verlassen…

von Alain Fux

Mit großen Träumen im Gepäck hatte Pokorny Prag verlassen und war damit in der Neuen Welt angekommen. Sein Vorbild war Edward Steichen gewesen. Auch für Pokorny bestand Fotografie nicht nur darin, Kunst zu schaffen, sondern er wollte damit auch Erkenntnisse über den Menschen sammeln. Sein Startkapital in New York bestand aus einer alten Leica und einer Sammlung von Aufnahmen, die er in Prag gemacht hatte. Die besten daraus stellte er in einem Portfolio zusammen, mit dem er hausieren ging. Schon nach wenigen ablehnenden Gesprächen bei Galeristen und Zeitschriften war klar, dass seine Bilder aus Europa niemanden interessierten. Einerseits zu verschieden. Andererseits nicht verschieden genug, um exotisch zu wirken.
Mit großem Eifer stürzte sich Pokorny in das New Yorker Leben um ein neues, besseres Portfolio zu erschaffen. Er hatte seine Barschaft eingeteilt und gab sich drei Wochen Zeit, um etwas Verwertbares zu erstellen. Weil es günstiger war, fotografierte er ausschließlich auf der Straße. Ein Landsmann, Karel Smejkal, bei dem er wohnte, erlaubte es ihm, das winzige Badezimmer als provisorische Dunkelkammer zu nutzen.
Nach drei Wochen zeigte Pokorny seinem Gastgeber, was er hatte. Smejkal war beeindruckt. Viele Orte, an denen Pokorny fotografiert hatte, waren Smejkal trotz der zehn Jahren, die er jetzt in New York lebte, noch unbekannt geblieben. Wahrscheinlich lag es daran, dass er Elektriker im Hauptquartier der New Yorker Polizei war und immer nur zwischen Center Street und der Wohnung in der 49. Straße hin- und herpendelte. Von Tür zu Tür knapp eine halbe Stunde mit dem R Train.
Allerdings hatte Smejkal aber auch keine Ahnung, was Galeristen und Bildredakteure sehen wollten. Sie fanden nämlich, dass Pokornys Aufnahmen zu gewöhnlich seien. Ein Galerist meinte, dass er solche Bilder als Dämmmaterial in seinem Ferienhaus auf Long Island verwendete.
Pokorny war am Boden zerschmettert. Aus Mitgefühl öffnete Smejkal eine Flasche Becherovka und sie verbrachten einen doch angenehmen Abend in Gesellschaft der grünen Flasche. Dann fiel Smejkal plötzlich ein, dass ja auch bei der Polizei fotografiert wurde. Erst vor Kurzem hatte er sich um die Entsorgung von Laborchemikalien kümmern müssen, die bis dahin einfach nur in den Abfluss gekippt wurden. Er versprach seinem Untermieter, sich umzuhören.
Am nächsten Tag kam er freudestrahlend nach Hause und eröffnete Pokorny, dass eine Stelle als Assistenzfotograf im Erkennungsdienst frei war. Er hatte gleich einen Vorstellungstermin verabredet.
Pokorny bekam den Job und dachte, dass es nur vorübergehend sein würde. Er fand eine eigene Wohnung; zog mit dem NYPD in das neue Gebäude in 1 Police Plaza um. Smejkal feierte seinen Ruhestand und kurz darauf war Pokorny bei seinem Begräbnis dabei. Die Zeit war verflogen und alles, was er vorweisen konnte, waren 21 Fotoalben mit interessanten Fotos, die nach seinem eigenen Ableben in den Müll wandern würden.

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