(44) Pokorny löschte das Licht in seinem Atelier und ging nach Hause.

von Alain Fux

Pokorny löschte das Licht in seinem Atelier und ging nach Hause. Nach den Aufnahmen mit Krips hatte er die Fotos noch entwickelt und hatte dann Feierabend. In einem Umschlag trug er die Fotos, die er für sich selbst gedruckt hatte. An dem Tag hatte er sieben Beschuldigte behandelt, von Krips gab es zwei Sets. Also 8×4 Fotos im Umschlag.
Auf dem Nachhauseweg holte er sich ein Pastrami-Sandwich, das er sich einwickeln ließ. Zuhause holte er es aus der Papiertüte und legte es auf den Teller, den er dazu bereits am Tag vorher verwendet hatte und der auf der Spüle stand. Er goss sich ein großes Glas Milch ein und setzte sich im Wohnzimmer an seinen Schreibtisch. Er biss in das Sandwich, kaute und spülte den Bissen mit einem großen Schluck Milch hinunter. Dann schaltete er die helle Schreibtischlampe ein und nahm die Fotos aus dem Kuvert. Er ordnete sie in acht Haufen, zuerst frontal, dann die Profile, dann das Überraschungsfoto. Das Letztere studierte er mit einer großen Lupe. Er schaute sich die kleinsten Regungen im Gesicht genau an. Dann betrachtete er das Foto mit ausgetrecktem Arm. Zwischen jedem Set biss er ein weiteres Stück von seinem Pastrami-Sandwich ab und trank einen Schluck Milch. Als das Sandwich aufgegessen und das Glas leer war, hatte er alle Sets durchgeschaut und teilte sie in drei Haufen: ein Set, das von Krips in Clownschminke, war sehr gut (Kategorie A), ein anderes ausreichend (Kategorie B) und der Rest war schlecht. Die Fotos in der letzten Kategorie zerriss er und warf sie in den Papierkorb unter dem Schreibtisch. Er trug den Teller und das Glas in die Küche. Das Glas spülte er aus und stellte es in den Aufguss. Der Teller kam wieder an seinen Platz neben der Spüle.
Im Wohnzimmer nahm er zwei Fotoalben aus dem Regal und legte sie auf den Tisch. Im Regal 29 Alben der Kategorie A und 61 der Kategorie B. Es waren Einsteckalben mit säurefreiem Fotokarton und Einstecktaschen. Auf jeder Seite waren drei Taschen, in die er die Setfotos einordnete. An der Seite notierte er das Datum und den Namen des Beschuldigten.
Sein Traum war es, seine spezielle Art der Porträtfotografie in einem Buch zusammen zu stellen, das er bei seiner Pensionierung veröffentlichen würde. Er wollte zeigen, dass er genug Talent hatte, um auch in der unkreativsten Ausprägung des Fotografentums, gute und anspruchsvolle Werke zu vollbringen. Eigentlich ging es beim Erkennungsdienst ja gerade darum, den Zufall als Bildgestalter auszuschließen. Jedes Foto sollte so neutral wie möglich sein und den Beschuldigten in gleicher Pose, gleichem Licht und gleicher Regungslosigkeit darstellen. Es gab eigentlich keine künstlerische Freiheit, genauso, wie es für die Beschuldigten in der Regel am Tag der Festnahme auch keine Freiheit gab. Trotzdem fand Pokorny, dass viele Bilder auch seiner eigenen Kritik standhalten konnten. Es waren verdammt gute Porträts. Was ihn manchmal beschäftigte, war, dass er voraussichtlich weder von seinem Arbeitgeber und auch nicht von den Abgelichteten die Erlaubnis bekommen würde, die Fotos zu veröffentlichen. Pokorny schlug das aktuelle Kategorie B-Album zu und stellte es wieder ins Regal. Die Freigabe war nicht wirklich die Schwierigkeit. Immerhin hatte er auch noch niemand getroffen, der an einer Publikation Interesse hatte. Aber auch das war ja nichts Neues.

Advertisements