(43) Was für einen Clown schleppst du mir denn heute an, Flo?

von Alain Fux

„Was für einen Clown schleppst du mir denn heute an, Flo?“, scherzte Castor Pokorny, als Detective Flo Lopez mit Eric Krips zur erkennungsdienstlichen Behandlung kam. Sie steuerte ihn mit der Handschellenkette, die sie in der Hand hielt. „Unser Freund hat einen Juwelierladen mit einem Selbstbedienungsladen verwechselt“, sagte Flo. Krips war 1,70m groß und hatte einen recht massigen Körper, dessen Fasstorso in einen dicken Hals überging, auf dem ein übermäßig großer Kopf steckte. Unterhalb der Glatze trug er einen Kranz signalrot gefärbter Haare. Sein Gesicht war wie das eines Clowns geschminkt. Spitze Augenbrauen auf der Stirn, große gemalte Lippen auf einem weitflächig geweißten Kinn und rote Punkte an den Jochbeinen. Ober- und unterhalb der Augen verliefen senkrechte Linien.
Es war ein grauenhaftes Clownsgesicht, fand Pokorny. Krips schien mit den Gedanken woanders. Er sprach nicht, schaute sich nicht um, aber tat genau das, was Detective Lopez von ihm verlangte. Sie zeigte auf den Fotostuhl, der vor einer weißen Papierwand stand. Krips ließ sich auf den Stuhl plumpsen, denn mit den auf dem Rücken fixierten Händen konnte er sich nicht auf die Armlehnen stützen.
Pokorny war stolz auf den aus rohen Brettern zusammengebauten Stuhl, den er mit seinem Vorgänger vor zwanzig Jahren in vielen Schichten gebaut hatte. Die Besonderheit des Stuhls war, dass er auf Rollen gelagert war und von dem Erkennungsdienstbeamten per Fernbedienung rotiert werden konnte. Fast so wie auf der Geisterbahn. Pokorny schaltete die Kamera ein, die auf einem Stativ fest montiert war. Er überprüfte routinemäßig die Einstellungen, aber da immer die gleichen Fotos aus der gleichen Perspektive gemacht wurden, war es eigentlich unnötig. Er drehte die Scheinwerfer hoch und schoss das erste Foto. Dann trat er auf einen Schalter neben dem Stativ und Krips‘ Stuhl drehte sich ruckartig um 90° nach links. Im gleichen Augenblick drückte Pokorny noch einmal auf den Auslöser. Es war seine private Leidenschaft, die Bilder zu sammeln, auf denen die Beschuldigten erschraken, weil der Stuhl sich unter ihnen drehte. Jeder hatte dabei einen seltsamen Blick drauf. Als der Stuhl wieder stand und Krips sich wieder konzentriert hatte, gab ihm Pokorny ein paar Anweisungen zur Kopfhaltung und drückte ein weiteres Mal auf den Auslöser. Schließlich noch das andere Profil. Detective Lopez half Krips auf und geleitete ihn nach nebenan, wo sie ihm mit einem feuchten Lappen die Farbe vom Gesicht wischte. Dann machten sie noch einmal Fotos mit einem leidlich ungeschminkten Krips. Auch diesmal erschrak der Beschuldigte, als Pokorny den Fußschalter betätigte.
Als sie fertig waren, brachte Detective Lopez den Beschuldigten ein Zimmer weiter, wo ihm noch die Fingerabdrücke genommen wurden. „Dann noch einen schönen Abend, Flo“, rief Pokorny ihr hinterher. „Bis ich mit dem Papierkram fertig bin, wird es Mitternacht sein“, antwortete sie ihm und war verschwunden.

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